Dranmor VIII,2

(Trenmor dilirium)

Dranmor werden

[Artho, Atha , Borbar, Cairbar, Cormac, Conar, Duthal, MhMhMh, Cormac, Sohn des Trenmor, der große Großvater von Fingal, König jener Caledonier, die den Western von Schottland bewohnten. MhMhMh. Fingal ärgerte sich über das Benehmen von Cairbar und beschloß rüber nach Irland mit einer Armee zu gehen, um die königliche Familie wieder auf den irischen Thron zu setzen. In früher Kenntnis seiner Pläne, sammelte Cairbar einige seiner Stämme in Ulster und beorderte zur gleichen Zeit seinen Bruder Cathmor, ihm schnell mit einer Armee von Temora zu folgen. Solchermaßen war die Situation, als die kaledonischen Invasoren an der Küste von Ulster erschienen. Uswusf.

So beginnt die Temora. Temora, das bedeutet Ärger!

Warum nennst du dich Dranmor? Warst du Trenmor? Trenmor lebte an den Tagen eines anderen Zeitalters. Dort rollten blauen Wellen von Irland im Licht. Über die Berge breitete sich der Tag aus. Die Bäume schüttelten in der Brise ihre dunklen Häupter. Graue Sturzbäche vergossen ihre lärmenden Ströme. Zwei grüne Hügel mit alten Eichen, umgaben eine schmale Ebene. Am blauen Lauf eines Stromes, standest du an seinen Ufern. Die Täler umher sind traurig und fürchteten den postwendenden Schauer! Du warst Trenmor, Urgrossvater des Fingal. Du bist Ursprung, bist Dranmor, Ausgang und Ende, kein Stück von mir und doch mehr als du bist, bin ich du?“>

Dranmor IV,3

(Die Welt ist gross)

Langweilig aber fand ich’s überall

Wiedersehn, dich wiedersehn? war die Betreffzeile in Romans Mail. Ich vermute er arbeitet gerade an einer Interpretation dieses Textes. Ich habe ihn kurz überflogen und dann in einer Mappe vergraben. Mit dem Gürtel, mit dem Schleier / Reißt nicht jeder Wahn entzwei. Daran erinnere ich mich noch. Ich konnte beim besten Willen mir hieraus nichts zurechtbiegen. Ich favorisierte einen anderen Text, ich fand Spleen und wollte mich darüber hermachen.

Die Welt ist groß – ich weiß es zur Genüge,

Ich habe sie durchschritten und durchschwommen;

Die Welt ist klein – ich bin zurückgekommen

Und lache meiner Argonautenzüge.

Vergebens griff ich nach dem goldnen Vließ,

Mir hat bis jetzt kein Lorbeer grünen wollen,

Und kindisch schien es mir zu grollen,

Als auch die Liebe mich verließ.

Langweilig aber fand ich’s überall

Trotz heitrer Frauen, schäumender Pokale,

Und fragen darf ich ohne Wörterschwall:

Wo waren meines Herzens Ideale?

Mir ging es, wie es stets zu gehen pflegt,

Wenn Edles, Wahres sich in mir geregt,

Dann haben meine werten Zeitgenossen

Mir gleich aufs Herz geschossen;

Stets ward, was Ehrenhaftes mir passiert,

Von meinen Gönnern vornehm ignoriert,

Und wenn mich Ehrgeiz, Thatendurst gepeinigt,

Dann haben gute Freunde mich gesteinigt.

O große Welt voll kleiner Leidenschaften,

O kleine Welt voll großer Eitelkeit,

Mit welchem Aerger sah ich weit und breit

Den gleichen Staub an unsern Sohlen haften!

d9

Jetzt habe ich ihn mir wieder zurechtgelegt, doch auf dem Bildschirm Romans Botschaft. “Danke für deine prompte Antwort, freue mich schon auf ein weiteres Treffen mit dir (Wie lange ist es nun her, dass wir uns regelmässig getroffen haben? Drei, vier Jahre? Und wie lange haben wir uns nicht mehr geschrieben? Und nun Dranmor … ) Ich habe ein Gedicht aus dem “Bund” ausgegraben und frage mich nun, was du gefunden hast … Wie wäre es übermorgen? B.”

Dranmor V,4a

(Tauschhandel)

Nein, ich hatte von dieser Arbeit noch nichts gehört. Roman hatte gestern von einer Schrift über Dranmor gesprochen, die sich mit seiner Verzweiflung nur wenige Jahre vor seinem Tod beschäftigte. Er hatte vor kurzer Zeit eine bibliographische Notiz im Internet gefunden, vielleicht war sie in einer Fussnote, die angeblich den Titel „Dranmors Trauma“ hatte. Dummerweise hatte er sich weder den Fundort noch den genauen Eintrag notiert, gespeichert, er habe es mehrmals versucht, ihn wiederzufinden, doch vergeblich, wie er meinte. Ob ich nicht davon gehört hätte, fragte er mich gestern in der Bar.

Ich war völlig perplex. Genau das Thema, das ich zu beackern versuchte, zu dem ich nun schon seit Wochen Informationen recherchierte, und er war, so sagte, fündig geworden. Meine Zweifel: Hatte er tatsächlich etwas gefunden? War er möglicherweise sogar im Besitz des Dokuments und wollte es mir nun vorenthalten? Hatte er das alles nur erfunden, um sich wichtig zu machen? War es ein Versuch eines Tauschhandels? Eine Konstruktion einer Geisel? Sicher, ich hatte ihm durch die Blume gesagt, dass ich an Material geraten war, drei unbekannte Gedichte Dranmors in einer kleinen Schweizer Kulturzeitschrift des Jahres 1867?, die von den meisten Kritikern ognoriert wurden. Dort konnte man einen anderen Dranmor erkennen. Dort, 1867, zeichnete er mit Fernando und wollte den Umsturz.

Ein politischer Dranmor wollte wohl nicht so recht in das Bild des harmlosen klassizistischen Romantikers passen, wie es die Kritik des letzten und vorletzten Jahrhunderts gerne gesehen hätte.

Ich habe gegenüber Roman erwähnt, ich hätte darüber gelesen und würde mich um die entsprechenden Erkundigungen kümmern, könnte aber für nichts garantieren. Die Zeitschriften seien sehr alt, ständen sousagen vor ihrer Auflösung und wären sicher unter Verschluss. Ich würde ihn auf dem Laufenden halten.

War das der Deal? Meins gegen seins? Ich sass den ganzen Nachmittag in der Bibliothek und versuchte Dranmors Trauma zu finden. Fehlanzeige. Ich surfte nun seit mehreren Stunden im Netzt und finde nichts. Meine Augen sind gerötet und jucken an den Rändern. Die Sätze vor mir verschwimmen, ich verliere langsam den Glauben, rede mir ein, Roman würde nur Pokern, ein Spiel mit mir spielen, in Wirklichkeit hatte er nichts in der Hand. Der Artikel, den er meinte, existiere gar nicht. Ein guter Titel, eigentlich. Ich fühle mich wieder etwas wohler, erhalte Auftrieb. Sollte Roman sich das alles bloss ausgedacht haben, und das würde sich schon noch herausstellen, so würde ich ihn mir vielleicht zu Nutze machen. Dranmors Trauma.

Ich murmele ihn vor mich hin, spreche ihn mehrere Male laut aus. Ein bisschen viele R`s darin, vielleicht. Ein fränkischer Sprecher würde damit seine liebe Not haben, aber, nun gut, ein Titel, ein Haupttitel, wäre geboren. – Ich schenke nach. Mir ist der Wein ausgegangen, und kam heute nicht zum Einkaufen. Ich trinke nun mit Wasser gestreckten Averna. Eis gibt es nicht dazu, das Gefrierfach meines Kühlschranks ist zugefroren, und ich müsste es erst einmal abtauen, um wieder welches herzustellen. Zitronensaft ist noch zur Genüge da; aus jenem kleinen gelben Plastikbehälter in Zitronenform. Sollte sich die Avernaflasche heute noch leeren, blieb mir noch das Aquavit, das wohl deswegen noch vorrätig war, weil ich Kümmel auf den Tod nicht ausstehen kann.

Ich muss eine Pause einlegen. Es ist nun halb drei und ich beschliesse für heute aufzuhören. Morgen noch ein Arbeitstag und dann war schon Wochenende. Wenn ich nicht Roman treffe, würde ich viel Zeit haben und könnte mich in meiner Wohnung vergraben. Einmal Schlafen noch. Ich bin noch nicht müde und lege die zweite Buddenbrooks-CD ein.

Dranmor IV,1x

(Pathogen)

4 / Er habe sich schon gedacht, dass Dranmor mich faszinieren würde, hat er beim letzten Treffen gesagt, und dass ich versuchen würde, etwas aus seiner erstaunlichen Lebensgeschichte zu machen. Roman störe das überhaupt nicht, er fände das sogar gut, wir könnten uns hierbei ergänzen. Ihn interessierten aber vor allem seine Frauengeschichten, vor allem seine letzte. Eine Geschichte des Überdrusses und der Verfallenheit, wie er es nannte, wie er mutmasste. Die lange Ehe mit XY kam ihm recht seltsam vor, vor allem, wenn man verschiedenen Biographien glaubte, als gegen Ende, ein gar nicht mehr so herzliches Verhältnis zwischen den beiden bestand. Er könne sich einfach nicht den immer noch hörbaren Idealismus in Dranmors später Minne erklären und schloss deswegen auf eine zutiefst gespaltene Persönlichkeit, einen schon pathogenen Idealismus, den er nun aus seinen Texten herauslesen wollte.

Ich denke, ich habe mein Thema gefunden – den, in meinen Augen mehr als mysteriösen Tod Dranmors. Mich wundert, dass es Roman nicht aufgefallen war, dass er sich nie über sein eher fragwürdiges Ableben geäussert hatte. Sicher, er hatte den Vetter-Text noch nicht gelesen, zumindest hatte er ihn nie zitiert oder überhaupt über seine Existenz gesprochen. Mir sollte das recht sein und ich werde mich auch weiterhin über jene Quelle ausschweigen. Er hat sicher noch keinen Verdacht über meinen kleinen Informationsvorsprung geschöpft, immerhin hatten wir gemeinsam recherchiert, einige Fundstücke und Artikel ausgetauscht, sogar abgesprochen, wer welchen beschaffen sollte. Er würde nichts bemerkt haben, so offen, wie er sich mir gab, so oft, wie er mir schrieb, ganz harmlose Dinge meistens, Einfälle, Bonmots, Ideen, Dinge, die mit unseren Projekten in keinem Bezug standen, die eigentlich nur unsere Kommunikation am laufen hielt.

So verliefen auch unsere Treffen, mittlerweile zwei mal pro Woche, immer in der gleichen Bar, eigentlich einem Kinokaffee. Im Cosmos am Bahnhof trafen wir uns immer am Dienstag und Donnerstag um sechs nach der Arbeit. Tranken meistens zwei Biere, plauderten und starrten die lolitahafte Barkeeperin an. Eine angenehme Durchgangsatmosphäre aus wartenden Kinogästen, Zeitungslesern, Kaffeetrinkern, Angestellten und Jugendlichen machte hier auch das Warten kurzweilig, wenn Roman wieder einmal zu spät kam.

Wir redeten über die Arbeit, die Probleme unserer Branche, die Angst darüber, bald den Job verlieren zu können, wenn es so weiter ginge, und eigentlich sahen wir das Gute darin, hätten wir dann doch wieder Zeit, uns um unsere eigenen Projekte intensiver kümmern zu können.

Wenn wir dann nicht beschlossen, uns einen Film anzuschauen, trennten wir uns, er ging nach Hause, sagte er und ich ass zu Abend in einer Taxifahrerkneipe nicht weit vom Bahnhof entfernt. Es hatte sich herumgesprochen, dass es dort die besten Bratkartoffeln der Stadt gab, und so hingen dort nicht nur Taxifahrer und Berufstrinker bis in die frühen Morgenstunden herum, sondern auch junge Werber- und Medienmenschen, die abends aus ihren Bürokomplexen hereinströmten und die Kneipe mit Lärm füllten.

Ich sass immer am gleichen Platz, rechts am Eingang, an einem Zweiertisch. Bekam auch dort nun schon ungefragt ein Glas Wasser und die Karte, die ich nur kurz studierte, weil es immer auf Bratkartoffeln mit Speck und einem weiteren Bier hinauslaufen würde.

Hier lese ich in Dranmors gesammelten Dichtungen. Blätter liegen auf dem Tisch. Makulaturen. Ein Notizheft, ein Filzstift. Ich versuche mir Teile eines Plots zu Dranmors letzten Tagen zusammen zu reimen. Und scheitere an Ideenlosigkeit. Immer, wenn ich nicht weiter komme, nehme ich mir ein Gedicht vor, möchte es umschreiben, verstümmeln, seine Intention ins Gegenteil umbiegen, das Versmass zerhacken, es irgendwie in meine Zeit herüberretten. Eine sinnlose Sache, ich gebe schnell auf. Ich habe es schon oft probiert, es will nicht gelingen. Aus einer Gedichtübertragung Dranmors aus dem Englischen wird heute abend eine Szene (Eddi is noch nich soweit). Sie hat keine Kraft, sie kann nicht im mindesten das Leisten, was Dranmor an Pathos aufgebaut hat. Sie hat eher komischen Character. Ich schreibe sie zu Ende, so weit, bis ich denke, sie hätte ihr Ende erreicht. Dann lege ich das Papier weg. Ich bin unzufrieden, aber ich vernichte das Papier nicht. Roman hätte die Seite zerknüllt und entsorgt. Er hat mir auch erzählt, dass er regelmässig Löschungen seiner Texte durchführt. Er sucht seinen ganzen Computer ab, ob nicht noch Dateien da seien, die auf die Existenz von Texten hinwiesen, mit denen er nicht mehr zufrieden war. Ich warf nie etwas weg, ich bewahrte alles auf. Man konnte schliesslich nie wissen, ob nicht vielleicht doch einmal ein Fragment noch nützlich werden würde.

Dranmor III,1d

(Deadline)

3 / Ob wir nicht beide an diesem Wettbewerb teilnehmen wollten? Fragt er. „Tote Dichter leben“ sei das Thema und anbei schickte er mir den Verweis auf die Verlagshomepage mit der ausgeschriebenen Anthologie. Ich überfliege: Nicht mehr als zehn Seiten … wenn sie Verfasser des eingereichten Textes … Einsendeschluss bis zum … die üblichen Phrasen.

Tatsächlich, ein verlockendes Projekt, und Roman scheint schon daran zu arbeiten. Natürlich arbeitet er an Dranmor, wird ihn dafür ausschlachten. Ich frage mich, warum er mir diese Information weiterreicht. Sooft, wie wir schon über ihn gesprochen hatten, müsste er nun eigentlich auf den Verdacht kommen, dass ich selbst mich mit ihm beschäftigte, ihn für mich nutzbar machen wollte. Er weiss auch dass ich Quellen habe, von denen er noch nichts gehört oder gelesen hatte, hatte aber auch nie den Versuch gemacht, diese von mit einzufordern. Warum fragt er mich. Wollte er mit mir zusammen etwas schreiben. Ich werde ihm zurückschreiben, werde ihm sagen, dass ich mich nun auch intensiver mit Dranmor beschäftige, aber darauf bestehen, dass wir unsere eigenen Wege gehen. Vielleicht sollte ich ihm sogar mitteilen, dass ich an diesem Wettbewerb gar nicht interessiert, dass die Deadline in zu naher Zukunft sei, dass ich ihm nicht in die Quere kommen werde. Mich aber dazu bereit erkläre, gerne wieder und ausführlich mit ihm über Dranmor zu sprechen, und dann schaue, ob ich nicht vielleicht doch bis zu diesem Zeitpunkt einen halbwegs passablen Text zustande bekomme und ihn dann einsende. Würde ich nicht genommen werden, dann würde er nie etwas davon mitbekommen, und wenn doch, nun ja, ich würde dafür schon eine Erklärung finden, es ist ja doch eher ein aussichtsloses Unternehmen.

Nicht, dass ich ihn als Konkurrenten fürchten würde, ich glaube auch nicht, dass er mich mit den Dingen, die ich vor hatte zu sehr ernst nähme, aber eine zu grosse Offenheit würde auch unser Verhältnis belasten, destabilisieren. Ich hatte aus der Vergangenheit gelernt und werde mich nicht mehr auf jemanden bedingungslos verlassen, mir immer eine Hintertüre offen lassen. Ich denke Roman sah das genauso, und er würde jetzt noch immer so denken und handeln. Ich hatte meine Erfahrungen gemacht und die Tatsache, dass ich mich nun wieder langsam mit ihm anfreunden konnte, das wäre nun vielleicht etwas zu viel gesagt, aber, dass wir uns wieder häufig trafen und bis ins Harmloseste plaudern konnten, zeigte mir, obwohl ein kleiner Restschmerz, ein dumpfes Stechen, wenn die Erinnerung wieder heraufkam, sich bemerkbar machte, beruhigte mich, es würde sich schon wieder ein Gefühl der Vertrautheit einspielen.

Es ist schon spät und ich habe zu viel Rotwein getrunken. Ich werde den Brief morgen schreiben, so, wie ich es mir jetzt zurecht gelegt hatte.

Ich räume meinen Schreibtisch auf, lösche das Licht und gehe in mein Schlafzimmer, um mich umzuziehen. Eine Talkshow läuft noch im Zweiten. Ich stelle auch den Fernseher ab und beschliesse mein Hörspiel weiter zu hören. Die Buddenbrooks eigneten sich hervorragend zum Einschlafen. Ich brauchte in der Regel nur fünfzehn bis zwanzig Minuten, um von der Erzählerstimme eingelullt worden zu sein, wache dann noch einmal auf, wenn die CD mit einem lauten knacksen am Ende angekommen ist, schalte dann die Anlage, die neben meinem Bett steht aus und schlafe dann vollends ein. So betreibe ich es schon seit Wochen um Schlaf zu finden, ohne allzu viel Rotwein trinken zu müssen. Am nächsten Tag kann ich mich nur noch an wenige Einzelheiten erinnern.