Gedicht 117

Draußen vor der Tür

wütet die Natur.

Drinnen

die Familie.

(Reinhard P. Gruber, Zweimal hundert Gedichte gegen Gedichte, Verlagsvorschau, 2004)

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5-7-5 PRÄTTIGAU

(CD // 46’20”)

Die Sendung 05 ist ein Gedicht von Franz Dodel, geschrieben mit den Flur- und Ortsnamen des Prättigaus. Freunde und Fremde haben es für ihn gelesen: Yuki Adam – Fredie Beckmans – Hartmut Abendschein – Franziska Jakowetz – Sina Flurin Gaudenz Bardill – Betti Juon-Disch – Armin Flütsch – Carla Hartmann – Christoph Roth. Die Lese- und Höranleitung hat Yuki Adam ins Japanische übersetzt und gelesen.

<5-7-5 PRÄTTIGAU> wurde in den Werkstätten der Edition Haus am Gern als Audio-CD von Rudolf Steiner & Barbara Meyer Cesta in Form gebracht. Fremder Sender Haus am Gern wird herausgegeben von der Edition Haus am Gern in Zusammenarbeit mit HASENA – dem Institut für fliessenden Kunstverkehr – im Rahmen des Projektes . Die Auflage bleibt auf 50 Exemplare der einmaligen Ausgabe beschränkt. Alle Rechte der Ausgabe sind vorbehalten.

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es ist der Geist

Und nimmerhin Nietzsche hat nimmerhin zum

Ausdruck gebracht,

dass er ohne den Gottort des Worts,

keinen einzigen Satz weder gelacht noch gelitten

noch gewusst hat.

(Christian Uetz: Das Sternbild versingt. S., 2004)

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alpenlauschen III

alpenlauschen – Ein Neuwerlich, Lustig, Ernsthafft Poetisch Gastmahl und Gespräch zweyer Bergen in der löblichen Eydgenoßschafft und im Berner Gebiet gelegen: nemlich des Niesens und Stockhorns als zweyer alter Nachbaren – Drither und lezter Theyl

INFO | was bisher geschah

     es helfe nicht, über die unbequemlichkeiten des lebens zu hadern, das hiesse, sich an sich selbst zu versündigen, so (vielleicht) die agnostiker niesen (n) und stockhorn (s), was zähle, sey die freundschaft. erst recht die bergfreundschaft!

bild: unbekannter künstler – The Stockhorn, Filzstift und Edding, 2004

n: das ist völlig unmöglich, ich habe ihn doch eben erst noch gesehen. naja, man hat zumindest über ihn gesprochen.

s: ja, für uns war das eben eben, für die da unten gehört das schon zum altbestand der geisteserkenntnis. für manche eben.

n: ich hatte schon lange den verdacht, habe mich aber noch nie dazu geäussert. man kann ja nie wissen. man hört ja allerhand in seinem leben. und plausibilität? ach, eigentlich möchte mir nichts so recht plausibel scheinen. ich will aber auch nichts gesagt haben.

s: da gabs mal ein paar transzendentalerleuchtete, die haben ein bisschen auf mir rumgeturnt. das war ne lustige sache …

n: harmlose burschen. sympathische doch. aber, tut mir leyd, dafür bin ich nun wirklich zu alt.

s: unter uns, so eine gottbegegnung auf mir hat nie stattgefunden. und ich kenne auch keinen anderen, der nun irgendetwas bestätigen würde. aus erster hand sozusagen.

n: wissen sie, ich glaube, nun ist der zeitpunkt gekommen, endlich einmal klartext zu sprechen. im grunde genommen sind diese ganzen geschichten eyne schöne erfindung. und der mensch, also der mensch braucht ja solche dinge, wie, wie flüssig brot. und wenns auch noch ansprechend daher kommt …

s: sie haben doch bestimmt wieder was ganz konkretes im sinne.

n: Die Wahrheit ewig ist und bleibt / Obmans gleich mit dem Finger reibt /

s: Bis daß Gott wird von Himmel kon / und sitzen auff den Richter Thron / Da er wirt Himmel und die Erd / Von ihrer Eytelkeit und b’schwerd /(488).

n: endledigen!!!! das sollte uns irgendwie bekannt vorkommen. nun, ich mache mir darüber keine sonderlichen gedanken mehr. ich kenne keine stelle, an der von der verdammnis eines berges gesprochen würde.

s: in meinem langen studium der theologie ist mir das auch noch nicht untergekommen. wir können also ganz beruhigt seyn. allein, um ein paar der hoffnungslosen tut es mir leyd. und es werden ja immer mehr. und es wird immer aussichtsloser. früher …

n: ach ja, es ist alles nicht mehr so wie früher. ich will damit aber nicht sagen, früher wäre alles besser gewesen. nun, wir werden nicht viel ändern können, beweglichkeit war noch nie unsere stärke.

s: es war halt eyne andre zeit. apropos zeit. ich muss weiter, es dunkelt ja schon. und (…) hat der tag sich fast geneigt / Der Abendstern sich bald erzeigt / Wir sehen schon den schatten fallen / (486) … hat mich sehr gefreut, herr …

n: niesen, niesen wie hatschi. ja, ganz meinerseits herr stockhausen.

s: melden sie sich doch mal. kommen sie doch in den nächsten jahrzehnten mal auf einen kaffee vorbei. ich rufe sie an!

n: ich hoffe, ich stehe dann noch.

s: wir werden sehen.

n: gute nacht!

s: nacht!

ENDE szene III und finis

alpenlauschen II

alpenlauschen – Ein Neuwerlich, Lustig, Ernsthafft Poetisch Gastmahl und Gespräch zweyer Bergen in der löblichen Eydgenoßschafft und im Berner Gebiet gelegen: nemlich des Niesens und Stockhorns als zweyer alter Nachbaren – Zweyter Theyl

INFO | was bisher geschah

     nihil bonum sub solem, könnte man meinen, lauschte man den beiden grantlern niesen (n) und stockhorn (s), und, haben sie nicht recht? ist das leben aus der sicht eines berges etwa ein zuckerschlecken? vielleicht ist aber auch der mangel an grosszügigkeit und selbstbespiegelung das ausgeprägteste merkmal ihrer moraldiskurse.

bild: paul klee – Der Niesen („Ägyptische Nacht”, 1915)

n: ich habe von ihrem seitensprung gehört. jetzt schon zum zweiten mal. ich muss schon sagen: nanana

s: pst! nicht so laut, das muss ja nicht die ganze welt erfahren. im süddeutschen, olala, In Meyens lust wer serr spatziert / in schönem gut sich erlustiert /– sie verstehen was ich meine?

n: Dennoch er sich umbwenden muß / Und heimwertz richten seinen Fuß / (223) . das hatten wir ja schon mal. und wie wars mit italien?

s: ich kann ihnen erzählen. groß reichthumb / lust / und kurtzweil /. aber wie sie schon sagten, daheim ists halt doch am schönsten.

n: ich weiss nicht so recht. sie wissen ja, ich bin nicht unbedingt ein politischer berg, aber wenn man dem treiben hier so zuschaut. überall quärulanz und miesepetrigkeit dort unten. man wäre recht froh, wenn man mal abstand gewinnen könnte. der mensch ist ein trauertropf. Bald ist er krank und fürt groß klag / Das ihn niemans geschweigen mag / (414)

s: Jahaa. Was einer lobt der andre schilt / So sach es an nur wie du wilt / Der kranke Mensch geht drob zugrund /. wem sagen sie das? die humanoide jammerkonstante. Den felts in Reben / Den am Weib / Die ist zänckisch / treibt mutwill / keib / Die lieb ist hin / verkeert in haß / Sie spinnet gern nur beym Weinfaß / (415/6). ach, wie wir reimen können. mir ist so recht parnassisch zumute.

n: wo wir gerade davon reden, ich bin schrecklich hungrig und durstig, hätten sie vielleicht ein glas saft und etwas zu knabbern da?

s: ein paar flechten, hölzer und gletscherwasser, wohl bekomms! habe ich ihnen schon von dem neu eröffneten naturlehrpfad auf mir berichtet? ich sage ihnen, dort erfahren sie alles, was sie wissen müssen. warum die ameise im nadelwald lebt, und der specht im buchenwald, warum das edelweiss kalkige böden bevorzugt. selbst einen obstlehrpfad, einen “öpfelchüechliwäg” haben sie nun eingerichtet.

n: (schmatzt) erlebniswege. schlimm, was schon alles gegen das vergessen veranstaltet werden muss. ich sage ihnen, gehen sie auf einem erlebnisweg, ist das ganze erlebnis weg. haha. ich sage ihnen, wir werden schon von einer so richtig primitiven spezies bewohnt, ja, bewohnt sage ich. häuser bauen sie auf mir, tunnel graben sie in mich hinein und richtens sich so richtig wohnlich ein. ich an deren stelle …

s: ja, das ist schon der gipfel! rocky pathless melancholy! man kommt sich so richtig missbraucht vor. ich liess mir ja schon einiges gefallen. nehmt mein gold, mein erz, taucht unter in meinen heilquellen. Das wer manchem süß Himmetltaw / Da wurd mancher sein gut verzeeren / Mancher in Baden sich erneeren / (455). aber, muss man sich denn alles gefallen lassen? bin ich ein zauberberg, der für alles herhalten muss?

n: (hustet)

s: passen sie auf, dass sie sich nicht an den drähten verschlucken!

n: die eitelkeit macht den menschen blind: kan er drey linien ziehen sein / so wil er schon Euclides sein / Poeten habens troffen recht / keiner sein dichten halt für schlecht / (477). jaja die dichter, man hört nicht mehr auf sie, und es scheint, als könnten, als wollten sie nicht mehr visionen entwickeln.

s: kein mensch hört mehr auf die dichter. stattdessen erlebniswege. die ameise im nadelwald, der specht im buchenwald. interfakultäre koordinationsstellen für allgemeine ökologie in jeder kleinstadt.

n: sie alter romantiker! was erwarten sie in zeiten der massenwanderungen? dass sie unberührt davon blieben? dass das nur im kopf stattfände?

s: nein, ich habe nichts gegen freiheiten, wenn nur jeder eine vernünfftig grenze ziehen könnte, in sich selber. kein mensch käme dann auf die idee, mich mit einem schokoriegel zu besuchen.

n: was sie verlangten, wäre dann ein zeitloses sittenbrevier. ein kategorischer definitiv. ein vertrag zwischen berg und mensch. ein wahrhaft olympischer gedanke!

s: das haben sie gesagt.

n: und zwischen berg und berg, ich sage nur: die süddeutsche, die italienische. ohne die lust auf den unterschied, den vergleich …

s: sie haben mich ertappt!

n: ich meine ja bloss. von hier oben lässt sich ja im allgemeinen einiges sagen. vor allem, wenn man nicht drinsteckt.

s: gelehrte selbstgerechtigkeit meinen sie?

n: Bist du recht g’leert niemands veracht / Was lieb und demut sey betracht / Den spreissn sichst beim Nechsten dein / Sein Wort und Werk muß unrecht sein /

s: Und du bey dir sichst nicht dein Sparren / Bist offt thorhaffter dann die Narren. / (436/7). sie haben ja ein gedächtnis!

ENDE szene II