alpenlauschen I

alpenlauschen – Ein Neuwerlich, Lustig, Ernsthafft Poetisch Gastmahl und Gespräch zweyer Bergen in der löblichen Eydgenoßschafft und im Berner Gebiet gelegen: nemlich des Niesens und Stockhorns als zweyer alter Nachbaren – Ersther Theyl

INFO | was bisher geschah

     ein zufall? ein aufbegehren? eine erweckung? endlich gefasster mut zur renitenz? vierhundert jahre nach ihrem seltsamen gespräch treffen sich die optimisten niesen (n) und stockhorn (s) wieder, um sich abermals den zustand der welt zu erklären

bild: ferdinand hodler – Thunersee mit symmetrischer Spiegelung

vor Sonnenaufgang, 1904

n: tag!

s: tag!

n: der herr stockhorn, nehm ich an?

s: ah, der herr …, hm, wie war doch gleich …? vierhundert jahre sind ja auch kein pappenstil.

n: niesen, wie hatschi, nein, ich scherze nur, aber, wenn man so selten gefragt wird … den namen habe ich nicht etwa vom nasensäuselnden niesen, sondern vom gelben enzian. die fiebersenkende, appetitanregende, magenstärkende, blutverbessernde und leistungssteigernde heilpflanze blüht auch heute noch an mir. der alte name für diese pflanze lautete «yesen», und yesen wird in einer urkunde aus dem jahre 1357 erstmals in verbindung mit dem niesen erwähnt: darin wird eine alp beschrieben, die am «yesen» liege. aber ich schweife ab …

s: jaja, wir alten berge, ich erinnere mich noch genau an unsere letzte plauderei. wir sassen zu tisch im sonnenuntergang und sie rezitierten einen alten meister. Ein g’schirr mit wasser gfüllt zu hauff / wirt es in d’ründe steigen auff / (72). ein richtiges wasserlob stimmten sie an, als ob es hier nicht …

n: täuschen sie sich nicht, mein schwärmen ging bald darauf ins steile.

s: richtig: es wurde dann ja doch eine tractation von der gantzen welt ingemein, unter besonder berücksichtigung von …

n: … uns!

s: genau! eine sicht auf die welt als hühnerei, wie ein späterer kommentator unserer neckereien meinte, einer welt als buch, das noch einer ordnung gehorchte. aber, schaue ich so an mir herunter, mir wird so übel, ich könnte glatt eine lawine fahren lassen.

n: passen sie auf, es könnte sie jemand dabei beobachten.

s: sie haben recht, da unten, mengen gewürm, ach, ich sehe schlecht, es wird sich wohl um menschen handeln, nun, sie werdens für ein klimaschauspiel halten.

n: ein schauspiel? ein naturschauspiel ist gut! allein, was bringts den unvernünfftig thieren, die da alles so beleben, und die zeichen nicht deuten können, deuten wollen, sag ich. im ernst, geben sie ruhig ihren bedürfnissen nach, der zeichen brauchen sie viele bevors klingelt. letztendlich muss man immer beim nachwuchs ansetzen, sonst ändert sich nichts.

s: verstehe. Umb ihre Jungen wers gethan / Wann also d’Erden solt umbgan (99) . schreckliche dialektik, denk ich an die Blümlin (…) groß und klein (115) . doch lassen wir das. wie geht’s ihnen denn so?

n: ach, auch nicht mehr so wie früher. gold, silber, ertz, jaja man muss federn lassen. ein globales phänomen, wenn man sich so umhört. vorbei die guldin zeit / da noch auf erd kein Krieg noch streit / da noch kein statt gebawen war / kein Schwert / noch Pfeil noch krieges Gfahr (259) . ich fange schon wieder zu jammern an, dabei sollte man froh seyn, dass man noch nicht abgetragen wurde.

s: ich bitte sie! sie doch nicht! schaun sie sich doch mal an. thronen doch noch mächtig und prächtig hier über dem thunersee. neinnein, sie sind noch schwer in form, in urform sozusagen. so eine pyramide muss man erst mal nachmachen, da werden ganz andere dinge geschützt. denken sie doch bloss mal an das unterbewusste, da wird bestimmt nicht dran geschraubt …

n: wie meinen?

s: na, das unterbewusste der menschen. ich sage ihnen, da kenn ich mich aus. ohne sie, keine annähernde idee von perfektem berg, ungeheurer schiefriger schichten, der alpenfaltung schlechthin. und erst ihr fruchtbares vorgebirge (332) …

n: nun machen sie aber mal einen punkt, ich beginne zu erröten. gutgut, ich habe mich noch ganz ordentlich gehalten, aber schaun sie hier, und hier. pickel, narben, juckende ekzeme …

s: auffahrtsstrassen, bergbahnen, gasthäuser nennen sie das.

n: das ist mir egal, wie die das nennen. ich nenne das den beginn einer schuppe. sie hats wohl auch ein bisschen mitgenommen?

s: hm, reden wir nicht darüber …

ENDE szene I

In: Die Liebe zu den Heitergeistern

“Eine still begonnene, inzwischen rauschende Renaissance des witzigen Reims hat schon Mitte der neunziger Jahre die “tageszeitung” initiiert, auf deren letzter Seite sich neben Meistern wie Fritz Eckenga („Oben lag der Apennin / Unten legte ich mich hin“), und Thomas Gsella auch immer wieder Nachwuchs wie der Rilke-Parodist Raabe findet, der sein Talent erst einmal nebenberuflich verwirklicht.”

Die Liebe zu den Heitergeistern > (GROa)

Meer

mit Gehör begabt das Rauschen

Schwirren Springen von Fischen

ein einziges Flackern das Licht

horcht es aus

(Ingrid Fichtner, Luftblaumesser, S.63, 2004)

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