Wissen und Gewissen

hier noch ein Hinweis auf einen Literaturwettbewerb

Die Stadt- und Universitätsbibliothek Bern (StUB) veranstaltet im Rahmen des “Festival Science et Cité” einen Literaturwettbewerb mit dem Motto “Wissen und Gewissen”.

Die Teilnahme steht allen Autorinnen und Autoren offen. Pro Autorin/Autor darf nur ein Beitrag eingereicht werden.

Der Beitrag muss als Kurztext abgefasst werden (Prosa, Lyrik, Essay, literarisch-wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema) und darf 1000 Wörter nicht überschreiten. Der Beitrag muss ein selbstverfasster, bisher unveröffentlichter Text in deutscher Sprache sein …

Vogel im Winter

Über dem Schnee

wo sich die Dunkelheit sammelt

schreit er und singt

auf dem Zweig eines

kahlen Baumes

brennt er

sein einziges Lied

(Ulla Hahn, So offen die Welt, S.97, 2004)

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Dranmor VI,5

(Aus den Aufzeichnungen II)

1885

Neben Gottfried Keller und Ferdinand Meyer der bedeutendste unserer vaterländischen Dichter der Gegenwart … wer hätte es dem Knaben prophezeit, dass er einst der gewaltige Herold des Todes sein sollte … Neigungen, … war die Wahl des Kaufmannsberufes vorauszusehen … Dass Dranmor in Wahrheit ein Dichter und nicht ein Dichterling und Reimeschmied ist, das fühlt Zecker sofort heraus … Eine solche Leier, oft rauh, disharmonierend ist diejenige Dranmors … dessen Antlitz so verwettert von den Schicksalsschlägen und den gewaltigen Seelenkämpfen … Dranmor weiss es wohl, dass er nur wenigen lieb werden kann und wird … Nach Frieden ringt sein Herz, das Todes wurde … In des Meeres Wellen badet er seinen Geist gleichsam frei von allem Staube … Der Pessimist ist durchaus keine neue philosophische Erscheinung … Der Pessimismus ist ein krankhafter Eudaimonismus … Dennoch theilt er mit diesen Koryphäen der neuesten Philosophie genau denselben Irrthum … Es fehlt ihm die freie unbefangene Würdigung des Evangeliums … Das Ergebnis aller Weisheit lautet: Todt ist Todt … Er ist ein Verteidiger der Feuerbestattung … Aber wer sagt es dem Dichter so haarscharf und unfehlbar, dass mit der letzten Zuckung im Gehirn alles zuende, dass der Rest Schweigen sei? … Unsere Hochachtung für den grossen Dichter und tiefen Denker zu Rio; aber da müssen sich unsere Wege scheiden … Dranmor wird niemals in vielen Büchereien zu finden sein. Er bringt zu schweres Gestein … Ich hätte dem gealterten Mann gerne eine andere Weltanschauung, vielleicht zu seiner letzten Fahrt über den Ozean gewünscht …

1894

Dranmor geht das ab, was Leuthold im Ueberfluss hat – das Rhythmische, die Form … Zum Epos fehlt ihm die innere Ruhe und die Anpassungsfähigkeit an die Aussenwelt. Sein dichterisches Vermögen ist beschränkt. Er kann nicht seine Arme ausstrecken, um ein Stück Welt auf einmal zu umfassen … Darum haftet den Dichtungen Dranmors etwas mühsames an … Er ist nicht schöpferisch … Er hat nicht die innere Kraft die Vergangenheit zu überwinden … Dranmors Talent bewegt sich in abgerissenen Formen … Dranmor fehlte das Vermögen, die Welt aus ihren einzelnen Erscheinungen heraus als ein Ganzes zu erfassen … Es ist, als ob Dranmor zu den nervösen Naturen gehörte, die das helle Sonnenlicht nicht ertragen können … Dranmor hat in seinem Besitze bloss einige Klänge, die er durchfühlt und variiert, deshalb war er auch kein produktiver Dichter … Ebensowenig hat auf ihn die Trope dichterisch wirken können …

1897

Der junge Lehrling, hinter den Rechenbüchern gebannt und das Herz voll Trauer und unbefriedigter Sehnsucht … Aber viel beachtet und besprochen ward die Dichtung bei ihrem Erscheinen nicht. Dafür war sie zu fremdartig und zu kühn … Diese und andere verunglückten Versuche drückten schwer auf den alternden Mann … Man sah auf dem Bahnhof Bern eine hohe, wenig gebeugte Greisengestalt auftauchen, in einem langen, faltigen Reisemantel gehüllt und sich mit der kleinen, rundlichen Begleiterin den Transport einer ganzen Familie vier- und zweibeiniger Lieblinge teilend … Hässlische Scenen sind dem Zusammenbruch des unglücklichen Greises jedenfalls vorausgegangen … Dranmor ist vor allem eine starke Individualität. Das zeichnet ihn aus vor manch berühmteren und fruchtbareren Zeitgenossen … Er musste seine Gedichte einer strengen, ihn merklich fremden Berufsarbeit und einer literarisch mangelhaften Bildung abringen … so wahr und warm hat wohl kaum je ein reicher Gönner von einem Ballettmädchen Abschied genommen … welche Sebsttäuschung dieser Liebe zu der Unwürdigen zugrunde lag und in der letzten Lebenszeit des Dichters so schmerzlich zutage trat … kommen oft so unvermittelt zum Ausdruck, dass man Mühe hat, sich zu einem reinen Genuss durchzuarbeiten … ungezügelter Gestaltungskraft und das für Dranmor bezeichnende Unvermögen einer streng verstandesmässigen Gedankenentwicklung … Schade, Schade nur, dass auch hier wieder der Ausdruck oft so dunkel und sprunghaft ist, dass er einmal zum blossen stammeln, dann wieder unter dem Zwang der übrigens musterhaften Form zur breiten nichtssagenden Tirade wird …

1914

weil sie (Schule Platens) inhaltlich nichts Neues oder kaum etwas bedeutsam Neues zu sagen haben, nicht zugleich irgendwie sprachschöpferisch, die Überschätzung der Poesie … Pathetischer Melancholiker … nicht Elegiker, sondern Pessimist. Er lebt im Schmerz über Verlorenes und über unerfüllte Träume und zertrümmerte Ideale … Sein Gefühl ist überdies eintönig und steril … monoton wie Lethe dahinrauscht … soll vorübergehend sogar in einem Zirkus debüttiert haben …

1924

einsamer Schwärmer … träumerisches Wesen … schwermütige Anwandlungen … reifte eine monotone, fragmentarische Lyrik mit unverkennbaren Spuren der Erschöpfung … bis zu seinem Tode am Mark seines Lebens zehrende verschuldete er selber durch die in leidenschaftlicher Verblendung geschlossene Ehe … achtundzwanzig gedankenschwere Ergüsse … pantheistische Diesseitsreligion … Doppelnatur Dranmors: die Dichtergabe und der Geschäfts- und Gründungsgeist … Sein Ehrgeiz war das Weltbürgertum … Byron, Platen, Waiblinger … Die Krankheit des Jahrhunderts … die Aufrichtigkeit, der hohe Ernst seines Leidens und Ringens … Allein seine Gestaltkraft war der hohen Aufgabe nicht gewachsen … Seine Stoffwelt ist beschränkt … für welche nicht der Inhalt, das Motiv, sondern die Form, der schöne Vers die Hauptsache sei …

1963

In Dranmor lebte ein schwerblütiges, ja schwerfälliges Temperament, das es ihm nicht leicht machte, von sich selber loszukommen … schwermütige Abwandlungen … In der materiell sorglosen Pariser Zeit (1868-1874) verzettelte er sich künstlerisch als “Weltbürger” … Bei aller Aufrichtigkeit jenes Tons ist Dranmor dennoch mehr nur ein dichterisch angeregter, wenngleich tiefangeregter Geist … sich ein ganzes Versgebilde hindurch, und wie mühelos, auf dieser Höhenlage zu halten, war ihm nicht oder kaum vergönnt … mit Minderwertigkeitsgefühlen zusammenhängende Gründe. Sein Bildungsgang war ja so unvollkommen gewesen … er hat offensichtlich Mühe, zum eigenen Erleben künstlerische Distanz zu gewinnen … sind poetisch schlaffe, ja nicht einmal geschmackssichere Wortgestaltungen … Wie bleibt aber all das in autobiographischer Realistik stehen! Platt Prosaisches, von dem Einzelnes fast das Komische streift … viel Prosaisches, Ungestaltes … doch in Ansätzen nur gestaltet … Dranmor versuchte sich auch in gereimten Verserzählungen; es liegt aber auf der Hand, dass er , der lyrische, unsinnliche Pathetiker, für diese Gattung nicht geschaffen war … bleibt gänzlich im Rohmaterial stecken … zudem unanschaulich und geschwätzig vorgetragen … Das adelt auch sein nur sporadisches Gelingen …

1979

Der seltsame Mann … ein Mann des Übergangs … Als Lebensgefährtin erkor er eine junge Kabarett-Tänzerin aus Rom … Requiem … scharf antichristliche Auseinandersetzung mit dem Tod … endete 1881 in totalem Ruin. Von da an lebte Schmid hauptsächlich von eigenen journalistischen und Übersetzungsarbeiten … literarischer Naturalismus … Petropolis … Es handelt sich ohne Ausnahme um Gedichte eines Dilettanten … pathetisch-kämpferische Weltschmerz-Lyrik: Lord Byrons … Kunst als Mittel privater Daseinsbewältigung … Er hat sich selbst mehrfach mangelnde Gestaltungskraft bescheinigt … Leider lag zwischen Wollen und Vollbringen eine brückenlose Kluft … Mit dem Kult des Fragments bei den Frühromantikern, vor allem bei Hardenberg und Friedrich Schlegel, hat das nichts zu tun … durch und durch konventionelle, ja klischeehafte Metaphorik … relative Ästhetik, geistige Heimatlosigkeit, über einzelnen Gedichten stehen mehr oder weniger passende Zitate als Motti … solipsistische Entlastung durch Produktivität … Es verlangte ihn nach Ansehen und Erfolg, obwohl er mit seiner Zeit zerfallen war … was er lebte, war die harte Existenz eines vermutlich wenig zimperlichen self-made-man … und ein neues Ahashver-Schicksal wird beschworen in den – wie fast immer – sprachlich absolut hilflosen Zeilen …

Blick auf die Uhr

Blick auf die Uhr,

Das ist der Trick.

Zeit mit Uhr,

Ewigkeit ohne Trick.

(Ynhui Park, Zerbrochene Wörter, S.20, 2004)

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