Szenen der Jagd V

happy hour . der himmel aus curaçao zweifinger

hoch limettensaft dazu die amaretto-kirsche der sonne

der barkeeper gottes schüttelt nicht aber er rührt:

natürlich . doch dafür dekoriert er den abend mit strand

schirmen aus papier: na was hältst du davon auf

einmal mit mir gelandet zu sein an der theke der see?

basel, 10.4.02

(Raoul Schrott, Weissbuch, S.70, 2004)

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Dranmor VIII,5a

(Waldau)

“Nehmen Sie jetzt und heute mittag und abend jeweils eine davon. Vielleicht mit einem Schluck Wasser. Sie werden sehen, es wird Ihnen bald besser gehen.”

Eine Türe schliesst sich wieder. Ich richte mich von meinem Bett auf. Kein Krankenbett, nein, eine schlichte Liege, eine Bahre, das Bettzeug frisch – dort ein kleiner Fleck, noch etwas feucht. Eine Geruchsmischung, Muff und Antisepsis, fällt mir auf, aber nicht wie in einem Krankenhaus. Ein heiterer Raum mit einem Stuhl und einem Tisch, einem einfachen Wäscheschrank. Ich erinnere mich an einen IKEA-Showroom, den ich ähnlich gestaltet fand. Nur die Blätter, nach einem Blick nach draussen, die Blätter auf dem Parkplatz, die gerade von einem Hausmeister zusammengekehrt werden, die halbentkleideten Bäume, Buchen und Kastanien, die das Areal einrahmen, in näherer Ferne ein Wald, ein paar Schornsteine, möchten nicht zu diesem Sommergelb passen. Östlicher Stadtrand von aussen.

Noch auffälliger, gerade auf den zweiten Blick, die Person über dem Tisch. Den üppigen Rundungen nach war es eine Frau. Grelle Kollage. Schlangenlinien und Ornamente. Dichte Strukturen sollen den Betrachter überfordern. Kleine Köpfe maskierter Männer in Kugeln scheinen den Körper zu umkreisen. Absolute Symmetrien, ein paar Kreuze, die dicken Oberschenkel sind stark beschrieben, vertextet, ich kann nicht entziffern, was darauf steht. Seltsame Kopfwelt. Die Türe öffnet sich wieder. Ein weisser Kittel, eine Kräftige mit derbem Gesicht, aber nicht unfreundlich, betritt das Zimmer. Ich stelle fest, dass ich nur in Unterhose und T-Shirt dasitze und verkrieche mich wieder unter der Bettdecke.

“Ich sehe, Sie haben sich wieder etwas erholt. Sie machen ja Sachen. Ich wette, Sie können sich an nichts erinnern.”

“War etwas? Sagen Sie’s mir.”

Mein Hals schmerzt und ich frage nach einem Glas Bier. Sie lacht, geht zum Waschbecken und füllt ein Glas mit Wasser. Sie wolle die Karten auf den Tisch legen, habe erst vor kurzem hier angefangen, sei sozusagen Auszubildende. Sie dürfe, sie solle sich ein bisschen mit den Leichten beschäftigen. Ja, man schätze Ihre Art auf die Leute zuzugehen. Ach so, die Polizei hätte mich gestern Mittag vorbei gebracht, ach so, man hätte mich etwas ruhig stellen müssen, ich wäre etwas nervös gewesen, ach so, nichts Schlimmes, das komme bei Ihnen täglich vor, ja ja, der Herr Professor, ein paar Tage hat er gesagt, zur Beobachtung sozusagen, nein, ich solle mich erst einmal entspannen und regelmässig meine Arznei nehmen, nein, nein, das könne sie jetzt nicht sagen, ich soll doch später den Herrn Professor, ja ja, der werde heute Mittag schon noch bei mir vorbei schauen, das wichtigste sei jetzt, dass ich mich etwas beruhige. Ob man irgend jemanden benachrichtigen könne.

Nein, es gäbe niemand, der etwas wissen müsse.

“Wissen Sie, Sie haben es sehr gut hier. Alle haben es sehr gut hier.”

Sie lacht. Ja, sie alle seien sehr stolz, auf das, was sie hier erreicht haben. Nein, mit mir müsse man nicht reden, wie mit einem Idioten, das habe sie sich gleich gedacht. Das ist ja ein ganz normal Intelligenter, das könne schon einmal passieren. Und die Zeitungsberichte, voll davon, dass sie hier kollabierten, wegen den normal Intelligenten. Das sei fast Routine, die könne man schon nach ein paar Tagen wieder springen lassen. Manche kommen natürlich wieder, eigentlich seien es immer noch zu viele, aber anders könne man es hier nicht lösen. Es ist ja auch kein Geld da, zumindest weniger als früher. Aber ganz früher, die kenne ich bestimmt. Ja, ja, der Walser und der Glauser, die haben hier ja auch Station gemacht, sage man sich. Von denen hätte sie auch viel gelesen, sie war ja mal Buchhändlerin. Und der da an der Wand, den kenne man ja auch. Ach, ich würde auch schreiben? Das sei ja ein Zufall. Eigentlich sei es ja kein Zufall, denn das würden viele hier angeben. Nein, ich solle das erst einmal vergessen und schauen, dass ich mich entspanne. Heute abend wüssten wir schon mehr. Aber, wo ich hindenke, das wäre nicht mehr so wie früher. Selbstverständlich könnte ich mich hier in dieser Abteilung frei bewegen. Und wenn ich mich wieder etwas kräftiger fühle, sie könne mir wärmstens das hauseigene Museum empfehlen. Ja, über dreitausend Werke, alle von ehemaligen Insassen. Eine tolle Sammlung, der Herr Professor ist sehr stolz darauf. Und morgen gäbe es ein Konzert in der Kapelle, ich sei herzlich eingeladen. Wenn ich wolle, ich könne mich ihr anschliessen, sie betreue auch eine Gruppe, mit der sie morgen da hin ginge. Instrumentalmusik der Barockzeit, sicher nicht Jedermanns Sache, aber, wenn man sich dafür interessiere. Sie müsse nun weiter, aber hier wäre eine Klingel und sie wäre eigentlich immer am Ende des Ganges zu finden. In einer Stunde gäbe es Mittagessen, sie würde wieder vorbeischauen.

Dranmor V,5a

(Kleine Theorie des Exzerpts)

Die Stille. Die Arbeit am Exzerpt. Eine methodische Frage quält mich. Das, was da von mir ausgeschnitten wurde und wird, was da von mir als wichtig oder irgendwie bedeutend wofür auch immer von mir erkannt und isoliert wird, was da möglicherweise von mir herausgelöst wird, vorsichtig, sicherlich, aber sich dann, nachdem es vorne und hinten, um nicht zu sagen oben und unten, gekappt wurde, auch aus einem ganz anderen Medium in dieses überführt wurde: War es das dann noch? Und: Wozu war es gut? Oder war es etwas, das ich schon mit meinen Schnitten gestempelt habe? Es würde sicherlich etwas anderes bedeuten, es wird ja von mir missbraucht werden, in etwas anderes eingebettet werden.

Ja, selbst, wenn es sich noch nicht in seiner neuen Heimat befinden würde, wenn es sich auf dem Weg, aus langem Schlaf gerissen und mit noch verklebten Augen, also herausgezerrt, fast nackt, durch den Kopf des Lesers, also mir, irgendwie in der Luft, dann durch Tastenschläge gegeiselt, auch wenn nichts darauf hindeutete, dass etwas in so einer langen Kette verloren ginge oder geändert würde, wenn es sich also daraus formiert, digitalisiert und nun nicht mehr auf halbsaurem, gelblichem Untergrund, sondern auf blütenweiss simulierter Leinwand, die nach der Auslöschung des Lichts mich spiegeln kann. Was ist dann passiert?

Ein Moment, einige Momente der Entauratisierung, der Transautorisation sind dann verstrichen, aber wo war der genaue Ort?

Dass all dies nur als Fussnote taugte, die doch nur das sagen und bestätigen oder widerlegen sollte, was nur beiläufig zu erwähnen war und irgendetwas erhärten sollte. Dabei, scheint es mir, wäre es unerheblich, wie lange das Gesagte, wie zerstückelt, wie – wieder miteinander verschachtelt und verkettet – das Erscheinungsbild des Entnommenen, hat es doch nur diesen einen Zweck, so meine Vermutung: Bei mir, hier ganz konkret im Moment des Verlusts der Sinnlichkeit, mich etwas zu stärken, auf Kosten besagten Missbrauchs, die ganze Text- und Verkettungsgeschichte: eine Missbrauchsgeschichte. Die Verkettung, an sich ein unbewusster Moment, ein Fall für die Fussnote. Letztendlich kann man hier schon die Not der Veranstaltung sehen. Also, wozu?

Aber dann doch das Gefühl etwas geleistet zu haben. Der Akt des Schnittes und der Herauslösung, ein heiliger Akt der Selbstversicherung, der Bedeutsamkeit des eigenen Tuns. Also setze ich meine Arbeit fort, denn ich will ja gesund bleiben, auch wenn ich nicht weiss, wohin das führen soll. Ich blende auch aus, was das eben Gedachte, wenn es konsequent zu Ende gedacht würde, für mich bedeutete. Ich wehre mich, ich merke, wie ich verlangsame, erfolgreich gegen Analogien. Dass ich selbst schon angesetzt hatte, an einer Geschichte, die Roman betrifft. Die sie und mich betraf. Dass Dranmor nicht Textobjekt, sondern Schere, nicht Gegenstand, sondern Instrument meiner Überlegungen sein könnte. Dass mein Verfahren Fussnotenbildung sein würde, zu einem Werk, das nicht existierte, zu einem weissen Blatt Papier, einer fast leeren Datei, einer Überschrift.

Mein Blasendruck ist nicht mehr zu ignorieren. Ich klappe meinen Laptop zu, will noch etwas aufräumen, wäge dann aber das Risiko ab und beeile mich, mich durch die Tischreihen zu schlängeln, vorbei an büffelnden Studenten, der Lesesaalaufsicht, die keine Notiz von mir nimmt, durch die Glastüre hindurch, stürze ich auf die Toilette. Entlastung. Ich bin eine Neun, was bist du?, steht da an der Wand zu meiner Rechten gekritzelt. Ich gehe die Zahlen eins bis zehn durch und kann mich nicht entscheiden, beende die Sitzung, die im Stehen abgehalten wurde und wasche meine Hände. Der Weg zurück zu meinem Platz hat sich in der Zwischenzeit halbiert. Ein paar Augenkontakte, gleichgültige Mienen. Oder böse? An meinem Platz scheint alles in Ordnung zu sein – die Maschine steht noch da. Man kann ja nicht misstrauisch genug sein, heutzutage, so eine Aussage in einem Bericht über Diebstähle in Bibliotheken, fällt mir ein. Aber hier, die Blätter und Kopien. Die Bücher. Wurden sie nicht berührt und verschoben? In Unordnung gebracht? Ich kann es nicht mehr rekonstruieren und beschliesse, es für heute gut sein zu lassen, packe zusammen, steige die Treppe hinauf ins Erdgeschoss und betrete das Freie. Dort, schräg gegenüber ist die Bar “Fly” schon geöffnet. Ich sollte etwas essen.