Dranmor VII,1a

(Drei Klänge)

Drei Klänge nacheinander, die zu einem Akkord verschmelzen. Diskord in meinen Ohren, nicht eines Missklangs wegen – der wäre mathematisch unhaltbar. Dreifacher Anschlag, reaktiv, raumgreifender Teppich – nur Einleitung, nicht Stück, ungehaltenes Versprechen einer heimeligen Couch, aber: Türöffner einer Information, obwohl ich sie benötige. Ich bin auf dem richtigen Gleis, zur rechten Zeit. Dem Vorhaben nach. Welchem?

Ich bilanziere. Im Nachhinein – sicherlich eine irrsinnige Idee, den beiden nachzufahren, zu denken, mit ihnen mitfahren zu können, mitzuhalten, neben ihnen, unbemerkt. Agentisch. Roman vor zwei Wochen soweit auszufragen, kaltschnäuzig, wohin und mit wem er fortfahre, warum er ein paar Tage, eine Woche frei nahm. Wohin? Er antwortete, er würde Freunde besuchen in Barcelona und ich denke, er hat noch immer keinen Verdacht geschöpft. Ich wusste aber zu diesem Zeitpunkt sofort, dass er mit ihr dorthin fahren wollte, mit wem sonst, schliesslich lebte sie da seit geraumer Zeit, auch das habe ich mittlerweile herausbekommen. Es war ganz einfach: Ihren Namen in eine Suchmaschine einzugeben und zuoberst der Verweis auf sie, Organisationspsychologin in einem grossen Unternehmen in Barcelona, es konnte sich nur um sie handeln. Freimütig erzählte er mir, dass er sich etwas gönnen wolle, dass er den Euronightzug am heutigen Sonntag nehmen würde, ein Hotelzug mit allem Pipapo, um entspannt am anderen Tag dort anzukommen. Dann meine Recherchen, zuerst spasseshalber, was es denn kosten würde, jenseits meines Budgets, eine Woche später aber, ein Sonderangebot – wegen geringer Auslastung, wenn man sofort buche … es lag für mich im Bereich des geradenoch Erschwinglichen.

Wie naiv, wie einfach ich mir das vorstellte. Wenn es dort nichts zu sehen gäbe, wenn ich der Verfolgung der beiden überdrüssig geworden wäre – es gäbe dort ja noch Fernando, den ehemaligen, den eher geduldeten als geliebten Kommilitonen, den ich eigentlich nicht mochte, Langweiler, zu dem ich keinen Kontakt ausser dem Verschicken einer jährlichen Neujahrskarte mehr unterhielt, der mir aber immer wieder das Angebot unterbreitete, ihn zu besuchen. Ihm dann zu schreiben, ob er in besagtem Zeitraum Zeit hätte und er dies umgehend und freudig bejahte und mich beinahe drängte, mich dazu zu entscheiden, er würde mich gerne sehen. Eine Verschränkung glücklicher Umstände, oder waren es unglückliche, die zu der Entscheidung bewogen: Ein Hin und Zurück, eine Woche Aufenthalt, vielleicht täte mir das gut. Ja, alles wurde bestätigt: Die Buchung des Tickets, und ja, Fernando könne mir ein billiges Hotel empfehlen, obwohl er mich eigentlich zu sich eingeladen hätte, aber wenn ich unbedingt wolle … die Unabhängigkeit. Das alles hinter dem Rücken Romans, das alles ohne irgendwelche Konsequenzen zu bedenken, konsequent phantastisch, planlos, ohne überhaupt einem ernstzunehmenden Gedanken darüber zu verschwenden, was dort zu tun sei. Im Nachhinein.

Drei Klänge verebben um Viertel nach Neun und ich schleiche auf dem Bahnsteig herum. Es ist kalt, was mir entgegenkommt. Ich ziehe eine Mütze tief ins Gesicht. Ich erwarte weniger den Zug, als die Ankunft von ihm und ihr, drücke mich an und hinter einer Informationssäule herum, schutzsuchend, bereit jeden Moment in Deckung zu gehen – sehe die beiden schliesslich die holprige Gepäckauffahrt heraufkommen, bester Dinge. Mittelgrosses Geschütz: zwei Rollkoffer, zwei Rucksäcke, eine Handtasche. Sie bewegen sich in Richtung Sektion A: Der Sektion mit den Wagennummern 31 und 32. Meiner Sektion. Ich erwartete bei diesem Part Komplikationen, ahnte vorzeitige Entdeckung, doch noch bevor ich mich nach einem anderen möglichen Einstieg umschauen kann, fährt der Zug ein, fünf Minuten zu früh – mir würde genug Zeit bleiben, zu beobachten, wo sie einsteigen würden, welches Abteil sie nähmen, und mir dann meines zu suchen, mich dort schlussendlich ruhig zu verhalten. Nur wenige Reisende steigen zu. Ein Schaffner versucht sich persönlich um jeden einzelnen zu kümmern. Nun führt er ein Gespräch mit Roman, hilft den beiden beim Einstieg, schultert etwas Gepäck von ihr und bringt sie, soviel ist durch das halbverspiegelte Fenster zu sehen in ein Schlafabteil des Wagens 32. Ich versichere mich noch einmal meiner Wagennummer, 31, löse mich unbemerkt aus dem Schatten der Säule und verschwinde über einen Einstieg weiter vorne in meinen Wagen, mein ausgeschriebenes Abteil.

Dranmor VII,4b

(Reviere)

Das Verdrängen verlängern, um es zu verlagern. Warum sich also nicht zerstreuen. Überhaupt: Zerstreuen. An etwas anderes denken, um an nichts denken. Alle zu besuchenden Dinge, alle Orte, vor denen man sich photographieren liesse – Zerstreuungsorte? Orte, an denen man ist, neben etwas bekanntem, ICH vielleicht im Mittelpunkt der Anordnung, wichtig aber erst durch das Ornament. Ich und sein Ornament, aber wo die Orte? Der Reiseführer befiehlt in dieser Zeit, die es zu überbrücken gilt, Dinge zu tun, die, wäre man bei sich selbst, man nie tun würde. Das Textilmuseum wird schon wegen seines sensationellen Cafés gerühmt, ist also berüchtigt, heute aber leider geschlossen, muss ich feststellen, nach einem orientierungslosen Marsch, und dann doch der Blick in das Hochglanzheft. Enttäuschte Gesichter auch gegenüber, dort die Picassopilgerstätte. Das Aussen des Bauwerks, Kerkerstein, romantischer Schreibort eigentlich, aber verschlossen, ich streune weiter, zurück durch das Viertel, das Ribera genannt wird.

Das Frühstück, merke ich jetzt, war nicht nachhaltig, der Kaffee dünn und eine Wiederholung notwendig. Hier aber, kein Viertel der Strassencafés, ich habe Mühe, ein kleines Restaurant zu finden, aussen bestuhlt – dann aber, das Casa Paco.

Dort sitzen ein paar Künstler herum. Einer, ein Bärtiger wird gerade von einem Glattrasierten interviewt, ein Tonbandgerät ist vor ihm, auf einem runden Eisentischchen aufgebaut. Er plaudert legère. Neben ihrem Tisch, ein eingezäunter Kinderspielplatz – aber keine spielenden Kinder darin. Ein Taubentreffpunkt – el Dorado, geschützt vor Mensch und Hund. Ein Schwarm, aufgeschreckt von einem plötzlichen Krachen, Baulärm aus der Nachbargasse, flattert auf und davon. Hundertfacher Flügelschlag, dann kehrt wieder Ruhe ein.

Der Interviewte, nach einem Stocken, setzt seinen Satz fort. Mir wird Kaffee gebracht – ebenfalls Spülwasser, wie sich schon am Geruch feststellen lässt, dazu wird ein Apfelmuffin gereicht, ganz wie es das Angebot auf der Estrella-Damm-Tafel aufführte. Der Kuchen ist ausgezeichnet, versöhnt. Ein Hund, eine Promenadenmischung verirrt sich ins Innere des Casa Paco. Nieselregen setzt ein. Ich bezahle und gehe.

An einem Haus in der Nähe muss ich stoppen. Kein Haus mehr, nur noch Fassade, auf den zweiten Blick – die Malereien, Verzierungen daran aber immer noch sehr präsent. Jugendstil, alt, schmutzig, abgetragen. Die Fassade wird von Trägern und Streben gestützt. Die Fenster, Löcher, in die hinein, aus denen heraus, in das innere, das äussere, nämlich der graue Himmel, geschaut wird. Ich kann diese Mauerfront umkreisen, will auf die Rückseite dieser, wie durchschossenen Mauer, dort, das gleiche Bild – eingerahmt mit Schutt und Maschinen.

Signifikante Übergänge. Im Garcia-Viertel ist es mit dem Englischen vorbei. Das Bestellen einfacher Speisen am Placa del Sol, besser gesagt im bestuhlten Bereich des Sol de Nit, gestaltet sich schwierig, misslingt. Das Menu: ein grüner Salat, ein Bier, ein Toast mit Camembert, ist zufriedenstellend, war aber anders intendiert. Mein Reiseführer hatte so sehr das Cafe del Sol angepriesen. Ein ruhiger Platz, angenehme Atmosphäre, Nachdenken, Schauen. Dort träfen sich die jungen linken Leute der Stadt und hielten ihr Schwätzchen, doch heute wohl Ruhetag. Wenigstens regnete es nicht mehr, der Platz ist trocken und zwei junge Hunde balgen sich, nicht weit von meinem Tisch, in einer Ecke des Carées, einer betonierten Plattform, die wohl Markt, Spielplatz und vieles andere ist; dort, auch eine Bodeninschrift. Ich kann sie aus dieser Entfernung nicht entziffern, hätte sie ohnehin nicht verstanden, wahrscheinlich aber jene berühmte Inschrift aus den achtziger Jahren, wie mein Reiseführer angibt: „Dieser Platz ist 24 Stunden geöffnet“. international sponti.

Was zusammenbestellt wurde, ist hastig gelöscht, irritiert von den Hunden, die ihr Spiel langweilte, die ein Mittagessen, ein Abendessen, eine Zwischenmahlzeit wittern. Kein Mensch scheint sich für sie zuständig zu fühlen, ich muss sie mit den Füssen davon abhalten, mich anzuspringen, auf den Tisch zu springen und mir das Essen zu stehlen. Einer missversteht mich als Artgenossen und versucht mein Bein zu kopulieren. Ich gebe ihm einen Tritt. Die Sonne durchbricht den faden Himmel – unmittelbar und heftig. Ich muss meinen Tisch verlassen, ein Schweissausbruch bahnt sich an – ich bin zu warm angezogen. Zwei Tische weiter, unter einem Baum, neben einem etwas verwahrlosten Mann ist Platz. Ich schlendere hinüber, mit fragender Geste, der nickt und wendet sich ab – ich lasse mich nieder. Nein, ich gehöre nicht hierhin, man macht daraus kein Geheimnis, ich kann es niemandem verdenken. Verachtung. Oder: Vielleicht hat er auch besseres zu tun. Eine jüngere, doch sehr verlebt ausschauende Frau mit Kopftuch und losem Mundwerk, ja, sicherlich gut zwanzig Jahre jünger als er, passiert uns, grüsst ihn, setzt sich auf seinen Schoss, umarmt ihn. Er gibt ein paar Zärtlichkeiten zurück, dann spuckt er schleimigen Kautabak auf den Boden. Ich muss etwas würgen. Verlagere meine Blickrichtung, um nicht auf sein Ausgekotztes starren zu müssen, über Tische, Stühle, ins Unbestimmte.

Adrenalin. Jenseits der Tischreihen, zwischen Rand und Mitte des Platzes, grosses Gebell. Ein junger Schäferhund und ein Pitbull haben sich ineinander verkeilt. Schon sieht man Blut – dunkles, dünnes Rinnsal. Jaulen. Eine Szene aus Amores Perros kommt mir schlagartig in den Sinn. Hier aber: nichts Organisiertes. Der Pitbull, so ist den ringsum entsetzten Blicken anzusehen, hatte sich ohne Vorwarnung über den Hund eines Punks hergemacht. Ein Teil des Ohres liegt auf dem Boden, meine ich. Einer hebt es auf, wickelt es in ein Stück Stoff. Speichelfäden. Hundeköpfe, in rasendem Eifer, schütteln sich, zerren aneinander. Schnell bildet sich ein kleiner Zuschauerkreis. Der Schäferhund jault erbärmlich. Mitleid und Ohnmacht der Beobachter. Die Besitzer versuchen die Hunde voneinander zu trennen. Vergeblich. Der Pitbull hat es nun auf das andere Ohr seines Kontrahenten abgesehen. Der kann ein Stück Hals erwischen. Mehr Blut. Ein Zuschauer tränkt einen Streifen Papier mit Feuerzeugbenzin, entzündet ihn, will damit Aufmerksamkeit umlenken, schlichten, doch der Pitbullbesitzer hält ihn zurück, nimmt eine Eisenkette, ungenutzte Leine, schlingt es um den Hals seines Tieres und zieht zu.

Das Tier gibt auf. Die Hunde lösen sich voneinander, werden schnell separiert, und man geht seiner Wege. Ich bestelle noch ein Bier, zittere ein wenig.

in schlafräumen schreiben

vielleicht ziehe ich bald um. vielleicht werde ich mein arbeitszimmer verlieren, oder es wird nicht mehr so sein, wie es einmal war. vielleicht werde ich die hälfte meiner bücher abstossen, vielleicht noch mehr. vielleicht werde ich bald kein zimmer mehr haben. aber schlafen werde ich müssen – irgendwo. dort werde ich dann auch schreiben.

(Anachoret)

Ich lasse einen Bogen Papier zu Boden taumeln.

Ich lasse die Löwenzahnstauden wachsen

und Samen bilden,

ich lasse die Morgenluft ins Zimmer dringen.

Nichts ist zu tun.

Nichts ist zu verstehen.

(Christian Lehnert, Ich werde sehen, schweigen und hören, S.36, 2004)

|::| das sieb |::| kürzeste lyrik novitäten