i for an i

Am DO 2. und FR 3. Dezember befindet sich das israelische Gastkünstlerpaar Effi und Amir mit einem Informationsstand am Kornhausplatz. Sie werden hier Material sammeln für ihr interaktives Projekt i for an i.

Die Berner Bevölkerung ist herzlich eingeladen, den beiden von ihrem persönlichen Lieblingsort in der Stadt Bern zu erzählen. Das Künstlerpaar wird diese Orte besuchen, die verschiedenen Geschichten in Souvenirs verwandeln und Ende Januar wieder an die Bewohner der Stadt zurückgeben. Die Künstler, die wie Touristen nur für eine kurze Zeit in Bern leben, werden so zu Touring Guides und präsentieren eine alternative City Tour durch Bern aus neuen persönlichen Blickwinkeln. Mehr hier.

Selbstheilung

Schön aufpassen! Besser wäre, mich

über ihn als über mich zu ärgern.

Am Ende will er mir nach der ersten

Ohrfeige auch die andere Backe hinhalten.

Dann das Gleiche von mir verlangen. Schön

aufpassen! Mir zittern die Hände, vor lauter

Schwäche schaue ich nur zu, wie sie zittern.

(István Vörös, Die leere Grapefruit, S.65, 2004)

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Der Grottenolm mit den drei goldenen Zähnen

Märchen(idee)

Einem Glückskind wird vorausgesagt, dass es eine Prinzessin heiraten wird.

Hej, Du heiratest bestimmt mal ne Prinzessin

Hm

Jahre ziehn ins Land.

Willst du mich heiraten?

Eigentlich schon, aber

Der König versucht das zu verhindern.

Nee, das passiert hier überhaupt nicht. Es sei denn …

Er schickt den Knaben in die Welt der Wurzeln, um dem Grottenolm drei goldene Zähne auszureißen.

Los jetzt!

Einiges passiert, aber bald hat die Odyssee ein Ende, und er findet das geheime Schlammloch des Olms.

Hej

(Prügelei, Geschrei, Extraktionsgeräusche)

Erfolgreich kehrt das Glückskind zurück.

Weil der Knabe aber unterwegs einigen Leuten einen guten Rat erteilen konnte,

(Pst, was zahlste, wenn ich dir sag, wos noch mehr gibt)

bringt er nicht nur die goldenen Zähne, sondern auch noch Säcke voller Gold mit nach Hause.

Das mit der Prinzessin klappt dann auch.

Ende

Woronesh

Gleich im geschwätzigen Bahnhofsgewimmel:

ein Mann im Totenhemd!

Herr Ossip, erlauben Sie, daß ich

den Staub von Euren Schuhen wisch.

Er erlaubte nicht.

(Ludvík Kundera, Erinnerungen an Städte/Stätten wo ich niemals war, S.40, 2004 )

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Dranmor VII,5

(Im Äusseren Stand)

Belegt bis auf den letzten Platz seien die modern-grossherrschaftlichen Räume des Restaurants Zum Äusseren Stand, teilt man mir am Haupteingang mit. In der Tat sind viele Leute, angesehene Bürger der Stadt um die üppigen Tafeln versammelt und kein Tisch mehr frei. Das Signet oder Logo des Hauses, ein wie mit Blut geschriebenes A klebt an einer halbgeklecksten, gestrichenen B-Majuskel, wie eine Warnung: Eintritt gefährlich, nur Logenmitglieder oder ähnliches – die Assoziation. Eine etwas kitschig aufgemachte Wand ist im hinteren Teil des ersten, grossen Raumes zu sehen: Kräutersträusse, ein Zierschinken, Knoblauchzöpfe zeigen an, hier wird auch nur mit Wasser gekocht.

Um die Ecke, in der Zeughaus-Passage liege das dem Restaurant angeschlossene Café, ob ich es dort einmal versuchen wolle? Ich bin mir nicht sicher, ob Roman diesen Ort gemeint hatte, als wir uns verabredeten. Gestern Abend hatte ich ihm angerufen, nach einem schlimmen Wochenende. Ich war im Zimmer auf und ab gelaufen, hatte ein eigentlich kreisrundes Muster, einen Parcour in den Teppich meines Wohnzimmers getreten – in der Mitte hatte ich ein paar Flaschen aufgestellt, die ich umkreisen wollte, bis sie verschwänden, das war, glaube ich nun, mein Ziel. Gestern war ich am späterer Mittag aufgewacht oder wieder zu mir gekommen. Ich lag vor einer blutgestreiften Wand, trockenes Blut auch auf meiner Stirn, und ich versuchte eine Rekonstruktion: Ich war wohl tangential von meinem Kreislauf abgekommen und bin gegen die Wand geprallt – das meine wahrscheinlichste Erklärung. Dann hatte ich Roman angerufen, nachdem ich erinnerte, dass er wieder zurück sein müsste. Ich konnte, ich weiss nicht mehr unter welchem Vorwand, mit ihm ein Treffen für heute verabreden.

Am Telefon klang er freudig und erholt, ja, schön, wenn wir uns mal wieder sehen könnten, wie wär’s denn morgen, er wolle mich gerne einladen, es gäbe etwas zu feiern, Überraschung, er kenne dieses Restaurant, ja morgen Mittag um vier, wenn es recht sei, also bis dann.

Ich bin wie immer zu früh, denke ich. Die Zeughaus-Passage hinein, dann gleich links das Hof-Café, so nennt es sich, vor dem Empire-Saal des Restaurants – eine billige Passagenecke, in der Passierende abgesetzt werden können, wenn sie nicht ganz der üblichen Klientel des Äusseren Standes entsprächen. Immerhin: Die Korbsessel, quadratischen Holztischplatten auf französischen Gestellen – innen wie aussen. Ein paar Tische sind noch frei – eingepfercht zwischen einem Reisebüro eines Billiganbieters, einem Schuhschnellreparateur und Schlüsselkopisten, einem Laden mit T-Shirt-Schleuderware, einem Frisör: Schnell & gut. Ich entscheide mich für einen Tisch am Rand, gleich neben einer Gruppe italienisch sprechender Rentner. Munteres Geplauder. Was ich gerne hätte? Was ich gerne hätte, die gute Frage, die, beschliesse ich, ich mir bald einmal stellen will – aber ich antworte mechanisch, nachdem ich eine Spirituose ausgeschlossen hatte, keine gute Idee an diesem Mittag in dieser Erwartung: Einen Milchkaffe, bitte, um weniger aufzufallen.

Einzelne Passanten, wenig Paare. Alleinstehende aller Altersgruppen scheinen zu dieser Zeit am häufigsten die Passage, die zwei grosse Einkaufsstrassen verknüpft, zu nutzen. Gleichmässige, schnelle Schritte auf Steinboden. Über mir ein Glasdach, ein Leinensegel versperrt den direkten Blick auf den Himmel, darunter, an einer Wand, eine moderne Photoreprographie: Anthrazit und Orange: eine Wiese, Büsche, ein Baumstamm.

Oh, ich sei schon da! Es tue ihm leid, dass wir drinnen keinen Platz mehr bekämen, aber hier sei es ja auch O.K. Ach, und dürfe er vorstellen? Nein, das müsse er nun wirklich nicht. Wir würden uns ja kennen, es sei zwar eine Ewigkeit her, aber, nun ja, wie das Leben so spiele. Sie streckt mir ihre Hand hin. Sie ist kalt. Auch etwas feucht. Ihre kalte Hand ist so feucht, weil meine es auch ist. Meine Hand ist kalt und feucht. War es ihre Hand, die ich gerade gedrückt hatte? Sie sieht hinreissend aus. Sie hat Farbe. Sie war beim Frisör.

Was ich so getrieben hätte, ob ich mit meinem kleinen Projekt weiterkäme. Sie seien zusammen im Urlaub gewesen, er hätte es mir schon noch gesagt, aber er meinte, augenblicklich … Sie mustert mich aufmerksam, während ich Fragen beantworte, mit Antworten, die ich aus Fernsehserien kenne. Ein über das andere geschlagene Bein steckt in einem hochhackigen Schuh und wippt. Schlanke, nackte Fessel. Sie hätten sich in Barcelona verlobt, wir sollten das begiessen. Drei Prosecco, Gläser klingen. Ich schlürfe, muss Geräusche machen, um dem, was ich gerade erzähle, Tiefe zu geben. Einen Grappa, ja einen Grappa, ja einen Grappa. Für euch auch? Nein? Warum denn nicht? Man muss doch so etwas feiern! Man muss doch feiern. Fei – ern! Sie beobachtet mich sonderbar. Warum schaut sie so komisch? Sie lacht doch. Ich habe wohl einen Witz gemacht. Ja, ich bin immer noch sehr witzig. Ja, ich kann immer noch sehr witzig sein. Sehr witzig, wenn es darauf ankomme. Ich witzele immer noch. Immer latent witzelnd. In meinem Gesicht sei ein Schalk eingeschrieben. Auf meiner Stirn steht: Witz.

Sie habe früher oft über mich lachen müssen. Über?. Witze sind Bauchsache, keine Kopfsache. Manchmal auch Kopfsache, aber meistens Bauch. Ich muss mich etwas nach vorne beugen, um einen plötzlichen Krampf zu kontern. Nein, es gehe mir gut. Etwas saure Flüssigkeit stösst auf. Etwas zieht sich zusammen, pulsiert. Es ist nicht das Herz, es ist das Witzzentrum. Es möchte etwas sagen.

Ich greife nach einer Serviette und presse sie vor den Mund. Süsssaure Treppenwitze. Flüsterwitze. Ihre schlanken Fesseln vibrieren. Er lacht, glaube ich zu hören, alle lachen, auch die italienischen Rentner. Dabei bin ich noch gar nicht zur Pointe gekommen. Ich springe blitzartig auf und stürze an Stühlen und Tischen vorbei ins Restaurant. Durch den Empire-Saal. Durch einen anderen, für mich noch namenlosen Saal, zum gross ausgeschriebenen Toilettenbereich. Schnell genug, um den sich füllenden, den schon zum bersten vollen Gaumen- und Rachenraum, den randvollen Mund, in dem ätzende Flüssigkeit gegen Zähne und Lippen pocht, zu entleeren.

Es spritzt auch etwas über das Becken hinaus. Galle vermute ich, braun durchzogen. Ich kenne diesen Geruch und Anblick schon. Meine Lippen möchten den geschwungenen, auf Hochglanz polierten Wasserhahn umschliessen. Ich öffne ihn, versuche mit beiden Händen Rand und Beckenfläche sauber zu spülen. Gurgeln. Gesicht, Kinn und Hals an dem automatischen, ungeduldigen Handtuchhalter zu trocknen, bereitet mir etwas Schwierigkeiten. Alles kann aber bis zu einer mir genügenden Passabilität wieder in Façon gebracht werden. Mit Haltung verlasse ich den Waschraum, gehe aber über einen anderen Saal zum Haupteingang hinaus und beschleunige.