Dranmor II,3a

(Koffer)

In meinem Hörbuchkoffer wird es eng. Dort verdichten sich Anderswelten, an Wochenenden, wenn ich alleine bin. Ich kopiere Lesungen von Büchern und sammle diese – manchmal höre ich sie mir auch an. Ich kopiere gerade und kann deshalb nicht hören. Seit Stunden, achtzehn CDs von Swanns Welt und frage mich, wann ich Zeit finden soll, diese zu hören, wenn noch nicht einmal Zeit da ist, zu lesen. Das eine als Ersatz des Anderen. Als Variante der Aufnahme. Als Dieb. Das Pendeln zwischen Computer und Küchentisch, auf dem leere Blätter liegen, und noch nicht einmal klar, deren Befüllung.

Ich habe fast vergessen, warum ich alle Heizungen hochgedreht habe. Nur das Raureif des Rasens im Garten vor dem Fenster erinnert mich ein wenig. Die Klimata: Aussen Nordpol – innen Brasilien. Welten da und dort. Die Fragen des Daseins und Dortseins bei Dranmor sind offensichtlich. Der Apodemialgiker, hätte man früher vielleicht gesagt, der um sein / Leben wandert / schon nicht / mehr gerne da / ist / nur noch vor Ort //.

Dagegen spricht, dass er es lange in Rio ausgehalten hat, in Paris, aber nicht in Basel oder irgendwo in Österreich. Die Reise wurde sein Ort, schätze ich. „Die Reise und das Grab“ – ein schönes Thema – und das Grab als „Reise zum Grab“, ein anderes. Grabreiseleben. Das nur, weil er so gerne Schöngeist gewesen wäre? Weil er gegen seinen Willen zum Geschäftsmann gemacht wurde? Ich verstehe, dass nur die Flucht ins Ausland blieb. Ich verstehe das zu gut, auch wenn der Vater schon lange tot war; das Gesetz des Vaters wirkte weiter. Ich lege eine neue CD ein und starte die Brennroutine.

So entstehen Koffer. So werden Koffer gesucht und besorgt – und das Leben zur Reise. Irgendwo, am Ende deiner Zeit, vielleicht ein Gral. Oder eine goldene Medaille. Aber bald die Einsicht: Die Welten sind nicht hier, sondern immer woanders. Ich stelle mir einen grossen Überseekoffer vor, vielleicht auch zwei oder drei, er stammte immerhin aus einer wohlhabenden Familie. Ich stelle mir vor, dass er nur wenige Kleidungsstücke hineinlegte. Ein paar Paradehosen vielleicht. Ein paar Hemden und eine Jacke mit obskuren Orden. Aber sonst: viel Briefpapier, wahrscheinlich. Schreibzeug. Ein Koffer, mindestens, bis zum Rand gefüllt mit seinen geliebten Klassikern – und Romantikern. Mehr Romantiker. Das Kreuzundquer, darin, und die Hoffnung, sich selbst einmal dort hineinzulegen. Das war sein eigentliches Ziel.

An Samstagmorgenden beobachte ich das langsame Schmelzen des Raureifs an grünen Halmen. Noch langsamer, als die allmähliche Auflösung des Eiswürfels in meinem Glas. Zu früh, zu schnell, zu dünn wandelt sich dann das sirupartige Getränk. Andere Dinge lösen sich auf – darin. Ich höre genau hin, wenn ich die gebrannten CDs noch einmal überprüfe. Ihre Qualität ist mir wichtig. Wenn das nachgeworfene Eis plötzlich springt, sich mit einem leisen Knacken halbiert, entgeht mir auch das nicht. Ich höre solange genau, bis sich das Hören mit Watte befedert. Dann ist wieder Zeit für einen kleinen Schlaf. Ich achte auch auf die Qualität des Schlafes.

Ich kann nicht mehr Autofahren. Die Strasse verschwimmt an den Rändern und ich halte an. Auf dem Beifahrersitz liegt eine Flasche Wasser. Wer hat sie da hingelegt? Ich trinke hastig, zittere, schalte den Motor ab. Leichtes Nachzittern, dann verstummen. Weil ich nicht soviel trinken kann, wie ich schwitze, habe ich Angst, ich trockne aus. Warum stehe ich auf einer Strasse, an einem Strassenrand? Ohne Führerschein, ja, ohne Auto? Wo liegt dort der Sinn? Der Sinn liegt immer auf der Rückseite der Dinge, also steige ich aus und bewege mich über gefrorenes Gras. Ich habe das Warnblinklicht nicht angestellt, aber es ist hell genug, das Schlüsselloch zu finden. Ich öffne den Kofferraum. Gottseidank, es ist noch alles da. Alles, überdeckt mit einer dünnen Sporenschicht. Alles ist an seinem Ort.

Dranmor Mottos

(Materialien zur Mottoanalyse)

nach der Ausgabe Frauenfeld, 1900:

Die Dichtkunst ist eine lange Liebe

(Jean Paul)

Nicht immer geben die Schriftsteller ihr Bestes in ihren Werken aus

(Julian Schmidt)

Among them, but not of them, in a shroud

Of Thoughts which were not their thoughts

(Childe Harold)

6

Das Meer der Jugend, wogend und hoffnungsreich,

Wie lacht` es einst dir, branndend in Wonnesturm!

Nun kannst du still am Strande gehen,

Muscheln und Trümmer im Sande suchend.

(Julius Große)

14

Say that thou loath`st me not – that I do bear

This punishment for both – that thou wilt be

One of the blessed – and that I shall die.

(Manfred)

16

Da sahen die Kinder Gottes nach den Töchtern der

Menschen, wie sie schön waren, und nahmen zu Weibern,

welche sie wollten.

(Genesis)

16

If I die first, dear love,

My mournful soul, made free,

Shall sit at heavens high portal,

To wait and watch for thee –

To wait and watch for thee, love,

And through the deep, dark space

To peer, with human longings

For thy radiant face.

(Charles Mackay)

34

Huldvoll, wie die Muse mir erschienen,

Als vor mir des Lebens Fülle lag,

Spendest du mir jetzt mit Engelsmienen

Einen neuen späten Frühlingstag

(Ernst Heller)

38

Das Mitleid ist die letzte Weihe der Liebe, vielleicht die Liebe selbst.

(Heine)

40

Ich glaube, daß du weinst; du bist gerührt;

Ich habe solchen Tau seit vielen Jahren

In diesen dürren Höhlen nicht verspürt.

(Ryléjew)

89

Spurlos ist der Ocean,

Ueberall und nirgends Bahn;

Kalt schlägt die Welle, kalt und leer

Ans volle, warme Herz heran;

Wohin du lugst – ein Strich – nichts mehr –

Kalt, mein Junge, ist der Ocean!

Einsam ist die See!

(C.F. Scherenberg)

112

Freiheit ist die große Losung, deren Klang durch-

jauchzt die Welt.

(Anastasius Grün)

112

Le réel est étroit, le possible est immense.

(Lamartine)

112

Wenn einem aber das Meer seine Geheimnisse offen-

bart, und das große Welterlösungswort ins Herz ge-

flüstert, dann ade, Ruhe! Ade, stille Träume! Ade,

Novellen und Komödien –

(Heine)

135

C’est moi qui te dois tout, puisque c’est moi qui t’aime.

(Voltaire)

140

Um ein Totes trauert sich’s besser als um eines, das

man verloren hat und das noch lebt.

(B. Auerbach)

140

Sprich zu mir mit der süßen, sprich zu mir mit der

vertrauten Stimme; meine Seele dürstet nach Liebe.

(Neugriechischer Dichter)

143

I’ll praise, admire and worship thee,

But shall not, dare not love again.

(Thomas Moore)

144

O mein Heimatland! O mein Vaterland!

Wie so innig, feurig lieb’ ich dich!

(Gottfried Keller)

144

Heimweh ist die Krankheit einer schwachen oder einer

erschöpften Seele.

(k.A.)

147

Was frommt des Herzens Zug,

Gebricht die Kraft zum Flug?

Teurer, denk’ an mich und weine – weine!

(Kaiser Maximilian)

147

A peine un homme a-t-il une couronne sur la

tête, qu’elle lui descend sur les yeux

(Châteaubriand)

165

Unter rankendem Blätterdach

Duften Blumen und rauscht der Bach,

Badet schimmernd sich die Libelle,

Welche flüchtig den Spiegel streift,

Während die lüstern erregte Welle

Ihr nach dem schillernden Fittich greift.

(Gottschall)

173

Minha terra tem palmeiras,

Onde canta o sabiá.

(k.A.)

177

Frage mich nicht:

Wie wird’s noch mit uns Beiden?

Laß, die es bricht,

Dem Herzen seinen Wahn.

O ich versteh’

Dein schönes, stummes Leiden:

Schaust mich mit Weh,

Mit stummem Vorwurf an.

(L. Seeger)

201

Der Himmel finster und gewitterschwül

Umhüllt sich tief, daß er sein Leid verhehle,

Und an des Lenzes grünem Sterbepfühl

Weint noch sein Kind, sein liebstes, Philomele.

(Lenau)

203

Poesie ist das Einzige, was uns das Leben erträglich macht.

(J. J. Honegger)

206

Die Pfaffen haben sein Gehirn verriegel;

Sie haben ihm den Gottesgnadentraum

Mit albernem Gewäsche vorgespiegelt.

(G. Heller)

210

Seit dem letzten Sonnenstrahl

O wie weit die Reise!

Weiter, weiter tausendmal

Als vom Kind zum Greise!

Jüngst erst auf der Mutter Schoß

Ihr am Busen lagst du;

Nun, die Größten, riesengroß,

Plötzlich überragst du.

(U. F. von Schack)

212

Nichts stillt mein Heimweh nach den Alpentriften,

Nach all den teuren, wohlbekannten Gauen.

(Heinrich Leuthold)

219

Ueber den Tod soll man weder lachen noch weinen.

(Alter Spruch)

219

Heil, o Frühling, deinem Schein!

Morgenluft, Heil deinem Wehn!

Ohne Kummer schlaf’ ich ein,

Ohne Hoffnung, aufzustehn.

(Rückert)

220

Ueber allen Gipfeln ist Ruh;

In allen Wipfeln spürest du

Keinen Hauch;

Die Vögel schweigen im Walde!

Warte, warte nur – balde

Schläfst du auch.

(Goethe)

220

Für alle hab’ ich gesorgt und gestrebt;

Mit Sorgen trank ich den funkelnden Wein;

Die Nacht ist gekommen, der Himmel belebt,

Meine Seele will ich erfreun.

(Uhland)

220

La voix de la terre est un éternel sanglot qui

se perd dans l’éternel silence des cieux.

(G. Sand)

220

Ich möchte hingehn wie das Abendrot

Und wie der Tag mit seinen letzten Gluten.

O leichter, sanfter, ungefühlter Tod.,

Mich in dem Schoß des Ewigen verbluten!

(Herwegh)

220

Melancholie ist die Freudigkeit Gottes. Kann man

froh sein, wenn man liebt?

(Börne)

220

Tout penser sans crainte,

Tout quitter sans plainte,

Tout comprendre sans voir,

Tout aimer sans espoir.

(Dranmor)

Es besteht zugleich

Es fällt naß der Schnee

es kocht der Tee

Es stecke am Meer

ein Zeigefinger im Teer

(Jürg Halter, Ich habe die Welt berührt, S.26, 2005)

|::| das sieb |::| kürzeste lyrik novitäten

niesen ausgesetzt

ich bin gestern durch die nacht gegangen. am rand der bühlstrasse lag ein bild. es tat mir leid und ich habe es mitgenommen. wahrscheinlich handelt es sich um ein aquarell mit der darstellung des niesens. für sachdienliche hinweise bin ich natürlich dankbar, weise in diesem zusammenhang aber auch noch auf diese produktion hin.