Dranmor III,1c

(Über Berge schreiben)

Woran schreiben, wenn der starre Blick aus dem Fenster fällt? Die Fensterrahmen etwa, die blätternden Simse, die bei windiger Bise knarren und sich in hölzerne Instrumente verwandeln. Entlaubte Bäume geben die Sicht auf eine Bergkette frei: Über Berge schreiben, immer, auch wenn dabei über ganz anderes geschrieben wird. Woran ich schreibe ist fast vergessen. Wofür ich schreibe, weiss ich nicht. Dagegen nicht, wogegen ich schreibe. Ich schreibe gegen Berge. Gegen diese Berge. Generell.

Die ständigen Berge, die ich sehe, sind Prellwände und leiten um. Nicht trockene Hitze, wären sie sonst vereist? Sie verleiten Kälte aus allen Richtungen in diese Region. Auch aus der Heimat. Umgeleitete Heimatkälte. Heimat, die sich auflöst, um langsam nirgends zu sein; um überall sein zu können. Die Heimat ist auch im Flachland ein Berg. In der Ferne – verzweifelte Schreibübungen, um das Zittern der Hände in den Griff zu bekommen. Und: die Gleichgültigkeit des Themas. Dabei ist die Form das Thema. Eine förmliche Nichtvollendung des Schreibens, ein ewiges Baustellengelände jedes einzelnen Wortes. Dessen Summe: höchstens Fragment.

Passiert das Schreiben beispielsweise in einer Giesserei; ist das Schreiben giessen. Das Umfüllen, Verfüllen von Flüssigem, Flüssigkeiten, Molekularem in eine feste Form. Einen Berg zu beschreiben: das lässt ihn erröten. Das Hoffen auf Erkaltung, auf eine Formgebung nach Entfernung des Mantels. Die Nahtstellen und Ränder: an diesen muss gefeilt werden. Vielleicht wird es eine Büste. Ein Lächeln oder eine grimmige Fratze. Vielleicht auch Torso oder abstraktes Gebilde, das für das Weiche oder Harte stünde – oder für beides.

Die kleinen Formen, Förmchen, mit denen ich im Sandkasten spielte, als ich Kind war. Ich hatte mit Sand geworfen. Etwas ging in die Augen der Mitspielerin, die zu weinen begann und aus dem Sandkasten geholt wurde. Böse Blick wurden von unverständlichen Wörtern begleitet. Wie ich dann von diesem Spielplatz entfernt wurde: Man wurde hart an die Hand genommen, ich weiss nicht mehr von wem, und nach Hause geschleppt. Die Tante. Die rotgequetschte Hand liess das Förmchen nicht los, aber kein Sand mehr darin, daheim angekommen. Immerhin die Erkenntnis: trockener Sand bleibt nicht haften und hängen. Mit ihm ist keine eigenständige, überdauernde Figur zu backen. Zerflossen, in Schuhe und Haare gewandert. Überall und nicht mehr los zu bekommen.

Kein Sand auf den Bergen auf den ersten Blick. Denn Sand liegt im Flachland, nur nicht der Dünensand der Sandberge einer Wüste. Und dort keine Kettenbildung. Hier dagegen? Wandern, Unrast, Ruhelosigkeiten. Die Berge vor den entlaubten Bäumen meines Fensters sind starr. Starren zurück, sobald sie mein Starren bemerken. Wundern sich, lachen, feixen über das morsche Haus, in dem ich dahinlebe, seine quietschenden Simse, seine Pilze, die leise auftauchen und wieder verschwinden. Schauen unverschämt herein. Fluchen über mich und das Haus, die keine Ahnung von Bergen haben, und nicht die leiseste, worüber Berge sprechen und sich amüsieren, wenn sie Ketten bilden. Derjenige, der sich erdreistet über sie zu schreiben, ist in ihren Augen ein dummer Ignorant. Derjenige hält ihren Blicken nicht stand, weicht ihnen geradezu aus, zielt an ihnen vorbei und durch sie hindurch. Die Undurchschaubaren. Sie sind nicht zu sehen. Das Eis, der Sand höchster Höhen, reflektiert; wirft zurück, bricht oder leitet um. Berge sind völlig unbegreiflich – sie rutschten sofort aus zitternden Händen, wollte man nach ihnen greifen.

Zu persönlich, zu intim wäre diese Geste. Die Annäherung an einen Berg muss immer scheitern. Zu Fuss oder mit dem Kopf voraus. Erst recht, wenn er in der Vergangenheit liegt und so flach ist, dass er kaum von den ihn umgebenden Tälern zu unterscheiden ist. Ein Berg ist erhaben. Eine Bergkette des Guten zuviel.

Dann bricht der Bleistift.  Zuviel der ersten Gedanken, dann die Worte über den Sand der Berge und deren grosse Hitze, wenn es soweit wäre. Zuviel, und bei Hitze – was tun? Die Alpen sind lebendig geworden und tauchen ihre Stirnen unter fabelhaften Bewegungen ins Wasser, finde ich an einer Stelle, als ich nicht mehr weiter weiss und nachschlagen muss. Eine Vorstellung, die ich gleich wieder verwerfe. Wo habe ich nachgeschlagen?

Der Bleistift bricht. Er ist in ein Gebiet vorgestossen, dem er nicht gewachsen ist. So spät ist es schon. Zwei Tage später und die Tür des Kühlschranks ist fast verschlossen. Er ist erstaunlich gut gefüllt, damit ich nicht mehr aus dem Haus gehen muss, um wichtigste Besorgungen zu machen. Um mich für weitere zwei, drei Tage zurückziehen zu können. Um ungestört am Fenster sitzen zu können. Um seinen Rahmen zu kritisieren. Um mir Gedanken zu machen, wie es wäre, würde ich einmal einen Berg fest ins Visier nehmen. Einen Dialog aufzubauen und ihm meine Meinung sagen. Es zieht ein wenig. Und bricht dann ab.

im nervengelände

achtuhrkaffee

im nervengelände

tränentrinkergesellschaft

blanker texturen

zitternder tassen

die gefässe erschöpfter

nacht

vereint um den

schweigetisch

um das erste wort des tages

um den satz der woche

anzuschieben

ringt einer

auf der

zuschauerbank und

würfelt darüber

was noch

sagbar ist

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