bemerkungen (III) zu “die stadt – kein zyklus”


bild: et in arcadia ego. aquarell von reinhart

(…)

was in der stadt geschieht, wird wohl notiert. aufgeschrieben in einem stadtbuch. einer art sandbuch. die gestalten und ihre handlungen darin: körner, strand, wüste in unseren augen.

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das stadtbuch ist ein schweres buch. es ist ein buch der verlorenen bücher, die in aller munde waren. es ist auch ein buch der krankheit der stadt und der krankheiten in der stadt

(…)

es gibt geheimnisse in der stadt. und es gibt geheimnisträger. die träger sind die krämer der kramgasse. kaum einer kennt sie. niemand möchte mit ihnen gesehen werden oder in kontakt treten.

(…)

die vollständige thesenschrift zur serie jetzt im -bereich (miszellen)

Gefrorener Weiher

Fläche die

ihre Tiefe vergaß

Spiegel

hingehalten dem Licht

daß es komme

ja daß du kommst

(Albert von Schirnding, Übergabe, S.31, 2005)

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textsaussen

heute zu lange in der sonne gesessen. sie zu lange angestarrt. nichts gedacht. nichts denken können im textaussen – schreibe ich heute abend.

1

Die Träume ohne Schuhe sind gerade im Winter unangenehm. Die Suche nach Wegen durch Schneewehen und Häuserzeilen auf der Flucht vor dem Unbekannten und der Fluchtpunkt nur ein Paar Stiefel über den Socken.

Oder das ewige Warten an einer Ubahnhaltestelle und die Fahrtrichtung die Vergangenheit, minus zwanzig Grad. Und das Barfussverbot.

Dranmor V,1a

(Wo man sich aufhängt – eine andere Frage)

Tucholskys Heimatbegriff. Wie abzubilden? Ein seltsamer Beruf ist das, Schubladen zu finden und zu erfinden, oder diese für Gedanken anderer zu zimmern. Eine schöne, gut geölte Schublade unter einer anderen Schublade.  Über einer anderen Schublade. Griffig. Bündig. Nicht zu gross. Nicht zu klein. Und dann auch noch wissen wo, wo die eine oder andere. Wohin damit? – es ist doch kein Platz, kein Raum da. Es ist mir aber recht: die Dinge müssen an ihren Ort. Alle Dinge streben ihrem Ort zu. Diese Orte zu finden oder zu bauen: einen Ort zu bestimmen für diese Dissertation. Eigentlich: eine Ortsbestimmung vornehmen. Würde sie noch gefunden werden, würde ihr Ort falsch bestimmt werden? Würde sie bei falscher Bestimmung sich unzufrieden zeigen und ihren Ort selbst suchen und finden?

Protestieren. Gegen ihre Schublade, ihren Sargdeckel pochen und hinaus wollen. Ganz woanders hin, vielleicht?

Vielleicht neben Karl Kraus. Das hätte sie gerne. Das wäre ihr lieb, das kann ich mir gut vorstellen. Aber sie ist in guten, in sicheren, in zuverlässigen Händen. Dort würde sie nicht zur Ruhe kommen. Kraus würde sich einen anderen Ort suchen. Das Gefüge würde ausser Rand und Band geraten. Sie wird hier gut überwacht und man wird sich genaueste Gedanken über sie machen. Tucholskys Heimatbegriff bleibt vorerst dort, wohin ich ihn gelegt, wohin ich ihn gedacht habe: unter Tucholskys Begriff des Anderen und über die Rolle seiner Pseudonyme.

Wenn Heimat dort ist, wo man sich aufhängt, aber Heimat auch immer anderswo ist und Heimat immer das Andere ist – was ist Heimat? Und: Ist Suizid überhaupt möglich? Eine andere Frage: Wie nur ist dieser angeschwollene Bücherberg zu bewältigen, wenn jedes einzelne doch so sehr gestreichelt werden möchte? Eine andere Frage: Warum nur sind die Kollegen so nett, so reserviert nett? Eine andere Frage: Wird denn hier nicht geheizt? Ich friere. Maria friert. Ich gebe ihr etwas lauwarmes Wasser. Holstein-Gottorf friert. Ich nicke ihm ermutigend zu. Und rätsle, wer denn nur Recht habe: Tucholsky oder ich. Am Ende gar Dranmor – hat er eine Position? Eine andere Frage: Woher Konzentration nehmen? Wie konzentrieren, zum Beispiel auf diese Zeitung. Auf dieses Blättchen und seinen überdimensionierten Panoramateil? So ein Ausblick auf die Berge, die auch von diesem Fenster aus zu erahnen sind. Mit einem Blick, der nicht von aufdringlichen Spatzen, die mit ihren verkrätzten Schnäbeln ans Fenster klopfen, getrübt wird. Die sich nur aufwärmen wollen – sie hat der Februar überrascht.

Der Panoramateil und sein Zentrum: ein Comic. Vier Sekunden bis ich den Witz verstehe. Vier Sekunden sind eine gute Zeit. Dann Erleichterung. Dann vielleicht ein Lächeln. Dann das Kästchen mit den Agenturmeldungen. Eine Suchmeldung. Ein Vermisster und seine Beschreibung. Ein Heimatsucher? Oder Heimatfinder? Wo liegen da die Übergänge vom Suchen zum Finden? Und das Kurzinterview daneben: Die Soziologin und die Senegalesin. Es gäbe keine schwarzen Schweizerinnen. So etwas gäbe es nicht. Sie heisse Ghala. Schwarze Schweizerinnen gebe es nicht, so Ghala, so die Schweizerinnen und Schweizer, die es Ghala spüren liessen, dass es so etwas nicht gäbe. Aber Ghala sei ein wirklich schöner Name. Sage man ihr immer. Ob sie sich hier wohlfühle? Ob sie sich vorstellen könne, hier zu leben, frage man sie öfter. Was tue sie denn gerade?

So das Panorama. so die Unentschiedenheit, ob nun Heimat da sei, wo man sich aufhänge oder im Gegenteil: immer woanders. Gerade im Februar ist die Heimat woanders, werden Schubladen sperrig, und jene aus Holz quietschen und schliessen nicht mehr richtig, oder lassen sich gar nicht erst öffnen. Und die Bücher: werden mehr und mehr, wachsen zu Stapeln und drängen. Und dann ist es Fünf und man geht nach Hause. Und ich gehe auch nach Hause und grüsse nett, aber reserviert zurück. Dann pfeift draussen ein eisiger Wind und die Drei kommt acht Minuten zu spät. Und fährt dahin, wo ich nicht bin. Dort bin ich dann, schliesse die Türe und beobachte die Räume. Und lese die Post, schaue auch in den Kühlschrank, ob nicht etwas da sei.

Über der Wohnung ist etwas im Gange. Dort wird geschoben und gerückt. Dort wird geräumt. Eine andere Frage: Zieht jemand ein?