erzählen (analog / dialog)

i.

der gehilfe ist dazu da, zahlen zu notieren. zur ausübung seiner tätigkeit benötigt er platz und versperrt dabei den weg zum tisch auf dem eine wasserflasche steht. daraufhin wird er zusätzlich mit der aufgabe betraut, wasser auszuschenken. natürlich macht er sich mit dieser leistung weiter unentbehrlich. nun schon zweimal. bald dreimal. bald viermal. bald hat der gehilfe helfer und ist für deren leitung zuständig. und das berichtwesen.

ii.

viele behaupteten es vorher. aber erst als r. die übereinstimmung bemerkte, besser gesagt, die symmetrie zwischen der spannweite des mächtigen kriegsadlers auf seinem steinernen sockel, aus der perspektive der liegenden im park, und dahinter, dem ins dunkel ragenden kran, deren paralleles sichanschmiegen an den nachthimmel, wurde bedeutungsweise klar, dass kunst sich nicht nur nach dem leben richtete, sondern das leben immer auch nach der kunst, dass also eine politische aussage vor allem eine ästhetische war.

iii.

sie: was das denn heissen solle: das sei eine historische und keine phantastische sicht? was ich denn da erzähle? und was das mit den karten zu tun hätte? ich: aber! vor dir auf dem tisch stehen drei berge mit münzen. die bank, das ist der zettel mit den spalten und langen zahlen, spricht von schulden in grosser höhe. das phantastische: die überschätzung des materiellen, des real vorhandenen, des sicht- und greifbaren in form der münzen, steht für dich gegen das abstrakte, den geschriebenen zahlen, der letztendlichen bilanz. das phantastische ist also das nicht-buchbare. das historische dagegen berücksichtigt die bilanz mit all seinen unsichtbaren posten. der eigentliche, der historische realismus aber vernachlässigt, dass nur mit münzen gespielt werden kann. sie: das historische wäre dann eine erweiterte spielart des phantastischen. ich: das historische ist das eigentlich phantastische. du gibst.

iv.

über den zuverlässigen erzähler. die frage nach der zuverlässigkeit des erzählers führt direkt zu der frage nach der zuverlässigkeit der sprache. damit: dem geborgensein in den wörtern.

es gibt kein realistisches oder unrealistisches erzählen, sondern nur potentiale, die von lesern ausgeschöpft werden oder nicht. und potentiale der sprache, die von einer glücklichen oder unglücklichen hand erzeugt und arrangiert wurden oder nicht. und es gibt den geschmack. so viele geschmäcker, wie es realitäten gibt. und zufälle der übereinstimmung. aber der schlechte geschmack?

Augen / Akten

(…) Aber mit jedem Augenaufschlag schwappt doch ein riesiger Schwall Welt in mich hinein, versuche ich entgegenzusetzen. Ich müsste die Augen Tag und Nacht geschlossen halten und mir die Hörgänge zustopfen, wollte ich der Welt mit einiger Wirksamkeit entrinnen. Die Ankläger klappen meine Akte zu und zucken verständnislos mit den Schultern. (…)

(Anne Weber: In Schreiben steckt ein Schrei. S.24 – in: Maier, Andreas. – Mainzer Poetik-Dozentur 2003 : [Vorträge im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Poetikdozentur” in der Johann Gutenberg-Universität Mainz“>)

Die stärkste Prosa dieses Jahres bis jetzt steckt in Anne Webers Gold im Mund!

Firmenname

In unserem Schutt

In einer unerklärlichen Verwirrung

In der Zerstörung unserer Leben

Stehen wir im Dienst am Kunden

Flicken wir noch immer Keramik

Machen wir unserem Firmennamen Ehre

Bringt nichts, was brüchiger ist als Brüchigkeit

zu der alles hinführt

(Nicolas Bouvier, Aussen und innen, S.111, 2005)

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