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Unerklärlicherweise sass ihr plötzlich dieser Detektiv gegenüber. Der Matula-Typ in verwaschenen Jeans und brauner Lederjacke fügte sich bestens in das Tapetenmotiv ein. Siebziger, frühe Achtziger. Sie hatte sich schon gewundert, wann man ihr denn zu Hilfe käme, in diesem lausigen Hotel.

Es war sein erster Fall. Man hatte ihr das Zimmertelefon entwendet. Ihre Schilderung des Tathergangs war äusserst dürftig: Apparat und Kabel wurden von einer unbekannten Person aus dem Zimmer gezogen, wie sie aus dem Augenwinkel beobachtet hatte. Dann wurde die Türe von aussen abgeschlossen, gab sie ihm mit den Händen zu verstehen. Ihr hatte es dann die Sprache verschlagen. Es war sein erster schwieriger Fall.

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Die Heimat der Methoden und ihrer Gedanken war ein geteilter Ort, seitdem er wusste, dass dort auch die anderen Bilder gezeugt wurden. Die Niederschrift seiner Hauptüberlegung hierzu, über die Interferenz nämlich zwischen den Vorstellungen und den Dingen, die dazwischen erlebt wurden, also einem spontanen Erscheinen nicht nachvollziehbarer Erlebniszusammenhänge, die er heimlich Selbstgespräch nannte, konnte jederzeit geschehen.

Auch hatte er diese Beobachtungen soweit verinnerlicht, systematisiert und eingehend analysiert, dass er nicht umhin kam, sie “seine Studie” zu nennen. “Der Traum als Selbstgespräch” war so gut wie festgehalten, bis ins kleinste Detail, bis in den winzigsten Wortlaut hinein, wären da nicht die Nächte gewesen, die sich jeder Fixierung widersetzten, aber immer wieder aufs Neue das Vorwort durchkreuzten und das Vorhaben damit verhinderten.

zum Kalkwerk

Dranmor IX,1b

(Die Dinge an ihren Ort)

Tag- und Nachtgleiche. Dem Fahrradraum scheint das Aussen noch als um Nuancen helleres Quadrat und sucht nach Erleuchtung. Feuerfinger. Die Flamme des Feuerzeugs erinnert sich an bessere Tage und trauert ihrer Strahlkraft hinterher. Ein unbekannter Weg führt durch Gestänge und andere harte Materialien.

Ich stelle mir kleine Ausschnitte vor. Eine Nahaufnahme eines Ofenrohrs, das in der Ecke kauert. Eine Kabeltrommel, légère, lautlos, nach ihrem letzten Marsch ins Altenteil. Was nicht erkannt wird, muss mit Händen und Füssen erahnt und erzählt werden. Ein Werkzeugkasten ohne Werk. Das Zeug lungert hier irgendwo herum, triefend und findet nicht mehr zusammen. Flüchtiges Gas zündet ein letztes Mal, dann spritzen nur noch Funken, und: das wirkungslose Ratschen des Feuersteins an einem Eisenrädchen. Es zeichnet einen mageren Schattenwurf und gibt dann kleinlaut auf.

Ich bin der Osten und muss nach Westen. Der rücksichtslos drängende Körper durch unsichtbare Barrieren. Dabei entstehen Geräusche, nicht mehr auseinanderzuhalten, aber Zentimeter für Zentimeter, Meter für Meter ist Landgewinn zu verzeichnen. In der Nacht.

Eine Expedition? Überall Unbehagen, Unsicherheit und starre Gleichgültigkeit. Nur den Tagesfragen, und seien sie der frivolsten Natur, wird Aufmerksamkeit gezollt, hiess es. So etwas macht man nicht mehr! Schläuche mutieren zu Schlangen. Fussfallen. Eine Nachtigall ruft. Oder ein missverstandener Sabia.

Die Dinge müssen an ihren Ort, auch, wenn es nur wenige sind. Auch, wenn es nur ein paar Briefe sind und Bilder. Ein alter Schatz, ein Rohstoff, ein paar Diamanten, die von mir zu bergenden.

In einem Raum im Westen hatte er gesagt. Oder habe ich ihn sagen hören. Und dass die Dinge natürlich an ihren Ort müssten. Und der Ort, kommen die Dinge nicht zu ihm, sei ich. Eine Fahrradpumpe reckt sich, das ganze Unterholz bewegt sich und gibt einen Spalt frei zum Gang.

Schlammige Pfützen, bald Bauarbeiterkot und Urin oder ist ein Abfluss geplatzt? Ein Rohrbruch, der die Situation hier unten einzufrieren droht. Man muss Ausschau halten nach einem Boot, das für diesen Kanal taugte.

Eine Ratte sucht ein Gespräch. Eine zweite gesellt sich hinzu. Es sei aussichtslos. Gib es auf! Sie sind beide einer Meinung. In der Regenzeit sei hier kein Durchkommen, und was ich suche, muss schon lange versunken sein. Oder suchst du etwa gar nichts? Dann sei ich hier genau richtig. Dann nur weiter so, dies sei der richtige Weg.

Aber wie ich denn aussähe. Ich müsse doch wissen, dass man so keinen Stich machen könne. Wasser müsse mit Feuer bekämpft werden. Alles andere ergäbe nichts. Das wisse doch jedes Kind. Und mir stehe es bis zu den Knien. Da helfen auch keine Appenzeller, ob ich denn wisse, wo sie seien. Nein? Eben! Ihre langen Schwänze schlagen mit grosser Lebendigkeit Wellen.

Das Märchen vom kalten, finsteren Herzen, fahren sie fort, sei eigentlich gar kein Märchen. Eher eine sehr alte Beschreibung der Dunkelheit und Feuchte hier unten. Das der Zersetzung alten Papiers und was darauf stand. Der Erinnerung, die langsam zu einem schmutzigen Rinnsal würde. Ob ich das verstünde? Nein? Dann müssten sie sich wohl noch klarer ausdrücken: So einfach gehe das nicht. Es wäre der sichere Untergang. Man müsse ausgeschlafen sein. Und trocken. Und sehr gut bewaffnet. Und mit einschlägigem Wissen versehen. Ich wisse schon, was sie meinten. Ich soll also gehen, hier könne ich nicht bleiben. Also husch hinaus und ab ins Bett. Darüber einmal schlafen. So eine Rückführung müsse reiflich überlegt und geplant sein. Sie können mir nur diesen Rat geben, dann schwimmen sie davon.

Der Mond steht schräg über der Laterne und verflüssigt sie in einem unbeobachteten Moment. Mich wirft das Fenster aus, hinaus auf grauen Kies. Verlorene Zeit. In Kellern vergehe sie fünf mal so schnell, wie an anderen Orten der Oberfläche.

Ich ziehe eine feuchte Spur hinter mir her. Die Schuhe quietschen bei jedem Tritt. Ein Weg will in die Stadt und ich nehme ihn mit, so schlendern wir langsam bergab. Die Nutten im Botschaftsviertel haben die Lichter in ihren Wohnmobilen gelöscht. Die meisten Dinge hatten also ihren Platz gefunden, für diese Nacht. Auch der Mond, der sich noch mit ein paar Wolken deckt und sie schlaftrunken zerwühlt.

Die Türe und die Fenster an der Aussenseite des Kulturbüros wurden mit eisernen Läden verhängt. Ladenfläche zu vermieten. Informationen unter, dann eine Telefonnummer. An der Seite des Gebäudes führen drei Stufen zu einem Nebeneingang. Die morsche Holztüre gibt erst nach ein paar Tritten und der Zuhilfenahme einer Eisenstange nach. Ich hänge die Türe wieder vorsichtig hinter mir ein, um nicht die aus dem Schlaf Gerissenen weiter zu irritieren.

Ein ausgeräumter Laden. Nur ein paar Kisten und Kartons und die verstaubte Theke in der Mitte des Raums zeugen noch von etwas Geschäftigkeit, ein paar Wochen zuvor. Und ein altes Sofa, in das ich sinke.

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Abgeben! Auch wenn die andere Hälfte des Satzes (des Gedankens) noch in der Luft hängt und sich in den nächsten zwei Minuten nicht mehr fangen wird. Ein kolossaler Gedanke, kolossal, weil er sich in einer sehr einfachen Gleichung mit ein paar Variablen manifestiert und dort seine eigene Sprache spricht. “Zeit ist Geld”, lautet eine andere Gleichung, und müsste doch “Zeit ist ein Wort” oder umgekehrt oder ähnlich heissen, denn ist das eine oder andere nicht, ist auch nicht das Jenseits der Gleichung, wie so vieles.

Jenes wurde viele Male gedacht und tatsächlich auch schon in den entscheidenden Stunden niedergeschrieben und bewertet. Aber im nachgeraden Gebäude einer Traumlogik taucht es heute nicht auf und bleibt ein Harren des kolossalen Gedankens im entscheidenden Moment. Die Eile schreibt das Andere. Das Hefte-zu. Das Abgeben. Die Klassenarbeit ist keine Prüfung für das Leben, sondern des Lebens schlechthin.