Wir

Wir: leicht entzündbar & sterblich

körperlos wie der Wind

tragen die Knochen der Sterne

auf unseren zerbrechlichen Schultern

Der Schatten einer Amsel genügt

uns zu zerstören am Mittag

Auf der verblichenen Mauer, trügerisch,

als Gast ferner Länder – die Sonne

Also sind wir: körperlos & sterblich

Gefesselt an ein Hirn, uns unbekannt,

einen Rest Mythologie – Geheimnis der Äonen,

leiden wir an einer Krankheit

die uns nicht tötet. Wenn wir sterben,

geschieht es im Vorgefühl der Vollkommenheit

Auch der Tod ist uns gleichgültig

Auch er: sterblich & körperlos wie der Wind

(Stefan Ruess, Köln, August 2005)

wir: als fussnote zu den setzungen des ungaretti-übersetzers

44

Und gestern Abend hat sich ein kleiner Junge an einem Streichholz gerieben. Ein Mädchen blickt heute nur halb erfreut auf die weihnachtlichen Tage. Auf die Geschenke. Die unerfüllten Wünsche, die wieder ansprechend verpackt liegen werden unter einem kahlen Zweig. Und die dochtlosen Kerzen. Der Schatten einer Tanne vom letzten Jahr; der stand noch in einer Garage. Die Kerzen würden in diesem Jahr voraussichtlich zünden, prophezeite man in den Nachrichten. Allein an Feuer zu kommen, sei ein kleines Problem.

Und ein kleiner Junge, der eine Schachtel zu ersetzen versprach, wird befürchtet, komme bestimmt nicht mehr wieder.

Dranmor IX,3

(An einem Teich der Mitte)

Das Areal passiert. Weiter, wir seien noch nicht da. Graue Vögel, feindlich gesinnte, kreisen über den Müllbergen der Stadt. Festen im Dunst einer Jauchegrube, der Himmel bewölkt, keine Regenwolken, sondern milder Glanz der Kadaver, zerkleinertem Menschenabfall, auch grösserer bis grosser Ratten und anderer Nager, die sich in diesen Bergen zu Tode frassen.

Schneller durch subtropische Wärme. Und immer wieder die Mücken, Gegenwesen, die in Schwärmen operieren, die über uns Säulen bilden, die sich minütlich reproduzieren und sich wiederum verlieren. Ein einziges Stimmengewirr, kaum sinnlich Isolierbares, wie einen einzelnen Satz, ein langezogenes Wort vielleicht, das durch das Flirren vieler Flügel entsteht. Ein halbes: Fliiieee.

Sabina fühlt sich sichtlich unwohl und beschleunigt. Treibt an, indem sie hunderte Meter voranfliegt, dann wieder um die Hälfte zurück, um dort auf mich zu warten, auf dünner werdenden Wegen. Und sich dann wieder absetzt.

Man könne schon den Waldrand erkennen. Ich weiss, ich kenne den Könizbergwald. Vom Hörensagen. Der Wald, in dem niemand ist. Ein Massenmörderwald, der seinem Ruf noch nachhinkt. Dort willst du hin?

Es sei schön dort, du wirst sehen, und: dass dort niemand sei, den kein Unwesen treibe, sei freilich übertrieben, ja, lange überholt, so Sabina. Wir passieren die Waldgrenze, Luft lichtet sich, der Waldrand filtert lose Teile auseinander und behält die Brauchbaren für sich. Wir nehmen nicht diesen Weg, der auch beschildert zur Ertüchtigung einlädt, Tafeln mit Vorschlägen zu Leibesübungen, da läuft doch jemand, ganz ausser Puste, da werden Knie gebogen, Rümpfe gekreist und Kreisläufe auf Touren gebracht, als gäbe es ein Ausbrechen aus diesen. Nein! Querwaldein, bestimmt Sabina, und ich stolpere durchs Unterholz, immer weiter im Zickzackkurs, bis Zeit stillsteht und es die errötende Sonne nicht mehr durch die dichten Zweige auf Lichtungen und Trampelpfade schafft, und diese sich auflösen, das Dichtwerk.

Wir machen hier eine Pause, eine Weile, Stunden, Tage. Mir ist das recht.

Vielleicht könne man nicht von einem Einleben sprechen, auf eine Frage, einem Ausleben, vielleicht, nicht also von Dingen, die man sich zurecht macht und -legt, auf die eingegangen würde, sondern man ginge auf und in sie ein. Man lege sich in sie, nehme sie, wie sie seien, schmiege sich an sie, oder: so sei ein Bett, der Ort, an dem ich schlafe, auf Zweigen vielleicht, auf einjährigem Laub, neben einer ausgehobenen Baumwurzel, in einem Vorbau eines Waldarbeiterhäuschens, und nicht da, wo ein sogenanntes Bett stünde, lege ich mich hin. Vielleicht ging es auf unserem Marsch verloren: das Sogenannte. Ich kann mich hinlegen, woimmer ich will, und ich schlafe. Gut sogar. Ich esse Nüsse, manchmal Gemüse, das ich in einem am Waldrand angrenzenden Gewächshaus finde, und andere Dinge, deren Namen ich noch nicht kenne. Sabina hilft mir bei der Auswahl der bekömmlicheren Wurzeln und Gräser. Ich führe Listen darüber, ausführliche, liste Striche, bis das Papier knapp wird. Was soll ich sagen? Es geht.

Wir finden einen kleinen Teich, er liege genau im Herzen des Waldes. Nicht wir finden ihn, ich finde ihn. Sabina kannte ihn, wollte ihn mir aber zuerst nicht zeigen, erst dann, wenn sie sich ganz sicher fühlte. Das sei sie nun, ich bin aber etwas gekränkt. Nicht lange. Eine Weile. Wir rechnen zwei aufgehende Monde.

Der Teich ist ein guter Teich. Ein ewiger Teich und liegt ruhig, wie schon vor hunderten von Jahren besungen. Der besungene Teich und ein hübscher, schattiger Baum am Ufer. Ein äsendes Reh fehlt, fällt auf, und ein Rotwein tragendes Bächlein. Aber ein Liebespaar haben wir: unschuldig, jung, das sind wir. Und alles grünt und blüht. Und alles kaum auszuhalten vor Glück und Grün. Und Natur und ein Wachsen und Gedeihen, dass es eine Art hat, das bestätigen auch eine Echse und zwei Kröten, die ich nun flüchtig, aber regelmässig grüsse. Und Sabina, die aus einem Spatzenleben erzählt, nichts wichtiges, umwerfendes, also erzähle ich auch von mir. Sie denkt, sie entlocke mir das eine oder andere Geheimnis.

Heute sei ein besonderer Tag, heute sei möglicherweise, man kann nie sicher sein, der zwanzigste Mond und wir bekämen Besuch. Ich wasche meinen neuen, braunen Jogginganzug im Teich, ein wirklich nützliches Kleidungsstück, das ich einem Waldsportler entwendete, bei seiner kurzen Rast. Das war problemlos, denn ich bin ein unsichtbarer Waldmensch. Man kann mich nicht mehr sehen. Bin lautlos und unsichtbar und verströme nur noch den Geruch dieses Orts.

Heute käme die Gruppe zusammen. Wer das denn sei? Das werde ich schon noch erfahren, sagt Sabina. Und was sei der Zweck dieses Treffens? Das auch, so Sabina.

Wir sind glücklich, dass der Mond uns ein paar Strahlen lässt, denn heute dürfe ich kein nochsokleines Feuer machen. Das ängstige sie. Wir lagern an einer schilfigen Bucht am Teich und sind äusserst gespannt.

Bald sitzen wir zusammen, versuchen einen Kreis zu formen, sogut es geht. Sabina hält eine Ansprache und stellt mich vor, die anderen kennen sich schon, scheint es, sie wechseln vertraute Blicke. Am Ende wirft sie meinen Namen in die Runde und begrüsst auch die anderen persönlich. Zu meiner Rechten: ein nuschelndes Eichhörnchen. Ich habe seinen Namen nicht verstanden. Mir gegenüber ein Busch. Ich dürfe ihn Busch nennen, alle riefen ihn so. Zu meiner Linken im Teich: ein kleiner, bis dahin schweigsamer Fisch, der Maximilian heisse. Ich nicke ihm freundlich zu. In der Mitte strahlt Sabina und ruft zu Tisch.

Es gibt Würmer, Nüsse, Gräser, Rinde und Wasser. Wir beginnen mit dem Mahl.