Der tiefe des raums

Erste hälfte

Zwei weisse linien kommen an

Einer ecke zusammen und

Winkeln recht grün

Mein öffentliches raunen sieht

Einen vogel im abseits

Hat seinen sinn für

Relevanten realismus

Dort verwettet

Die kronzeugen auf den

Rängen haben dabei

Zweimal kurz gelacht und

Dann sich einem bier gebeugt

Ein Knie ist ein gelenk

Ist ein gelenk

Ist ein gelenk

Verdrehter ort

Du sagst

WM heisse

Wortminderung und wir

Fangen an bei diesem Wort

Und nehmen es und

Schneiden auch ein kleines

Stückchen aus der

Zarten flanke

Da

Dreht sichs

Wendet sichs vor

Schmerz und fängt

Sich wieder in dem

Netz aus guter Laune

Aus

Schreist du

Aus

Das reicht fürs erste

Pause

Fünfunddreissig jahre

Habe ich an diesem

Feld geschrieben und

Immer noch keinen

Verlockenden stollen

Entdeckt

Einen begehbaren

Der funkelt alle

Pokale zugrunde

Zweite hälfte

In der tiefe des

Raums sitzt ein

Kleiner Vogel und

Wartet darauf dass

Du mit ihm spielst

Du

Kleiner vogel wirst

Heut nacht von mir

Erschossen

Schwere ernte junge

Mach die kirsche rein

Mach sie ein

Und horte spare

Rufst du mir zu

Und ziehst an einer

Zigarette

Turkish blend

Und in der tiefe des raums

Sitzt ein kleiner vogel

Passiv abseits

Eine ausgefranste blase

Auf dem bauch

Vor ihm die katze

Mit dem breiten grinsen

Mach die tore zu es

Zieht schon wieder

Tiere in das haus

Und lass endlich die

Menschen rennen und

Freu dich über ihre

Kurzen hosen

Dein rufen hallt umsonst

Durch diesen tiefen raum

Nachspiel

Und wieder fragst

Du mich

Hat da nicht was

Gepfiffen

Und wieder

Wars ein pfiff

Und wieder sage

Ich dir

Es war nur ein vogel

Der war einmal im aus

Und wenn du das

Nicht glaubst

Schalt doch die

Glotze ein

für Claude Messner, Version I

Dranmor IX,4a

(Aufstellungen)

Es sei ja schön gewesen, es sei aber noch so früh am Morgen, ob ich nicht vielleicht doch noch ein Stündchen in meinem feinen Schilfbett verbringen könne. Mein Einwand wird von allen kritisch aufgenommen. Selbst Sabina, die ich auf meiner Seite vermutet hätte, winkt mit ihren Flügeln ab. Ich werde mich doch wohl noch daran erinnern, was wir abgemacht hätten, und dass wir es tun müssten, sobald die ersten Sonnenstrahlen die Seerosen öffneten. Und wie wichtig das Ganze sei. Und dass man es schliesslich nur für mich tue.

Ich richte mich schwerfällig auf, versuche nach Aufforderung mit den anderen wiederum einen Kreis zu bilden, so gut es geht, der stumme Fisch will im Wasser bleiben und Busch in seiner Ecke. Das Eichhörnchen nimmt das Geschehen in die Hand. Du, sagt es, schaust nur zu. Es sei nun mein Vater. Busch gäbe die Mutter, der Fisch die Schwester, und Sabina, das sei nun ich. Sie erfinden eine Gesprächssituation. Es geht um Nüsse, Wasser, Gras und den Wind, der durch ein kleines Städtchen bläst. Ein Streit entfacht sich bald. Einer hat zuviel Nüsse bekommen, sagt ein Anderer. Eine Andere zuwenig Gras. Eine Dritte hält ihre Nase in den geruchsarmen Wind einer kleinen Stadt und fällt um. Mir rollen plötzlich ein paar Tränen die Wangen hinunter. Wer zuviel Nüsse bekam, und wer zuwenig von anderen Dingen. Man muss sich von allen Nüssen und Gräsern lösen, platzt es aus mir heraus. Ich erhalte Beifall und bitte den letzten Windhauch der kleinen Stadt um Verzeihung. Die Szene löst sich auf. Ich bin wieder ich, Sabina wieder Sabina und setzt sich auf meine Schulter. Tröstet mich. Lobt mich. Das sei ja sehr gut. Das sei doch ein erster Schritt. Damit könne man doch arbeiten. Sie sei stolz auf mich.

Eine Böe furcht den lieblichen Teich und bezeichnet den Fisch an der Reihe zu sein. Maximilian sei nun ich, Sabina sei Sie, das Eichhörnchen Roman und Busch nur Dekoration. Busch ist etwas enttäuscht über seine Rolle, wird aber auf ein nächstes Mal vertröstet, er werde noch angemessen besetzt werden.

Ich schweige. Ich beobachte. Ich sehe, wie ein Eichhörnchen mit einem Spatzen turtelt und will mir die Augen reiben. Es scheitert. Mir sind die Arme abhanden gekommen. Um mich herum: kühles Wasser, aber trübe, sodass ich nur Umrisse und Schemen erkennen kann. Ich möchte wieder weinen, aber Fische weinen nicht, erwiesenermassen, sondern lösen ihr Salz in anderer Umgebung. Schwimmen an den Ufern der Seen und Teiche auf und ab und hoffen, dass ein Tannenzapfen ins Wasser fällt, oder eine satte Raupe aus einem Baum. Dann hole ich tief Luft und verschlucke mich etwas, bitte das Tableau um eine kleine Unterbrechung.

Das sähe ja ein Blinder, so Sabina, ein Fisch und ein Spatz, das könne doch nicht gehen, ebenso wenig ein Fisch und ein Eichhörnchen, das passe doch nicht. Schon aus logistischen Gründen. Aber ein Spatz und ein Eichhörnchen, entgegne ich, das sei doch auch etwas widernatürlich.

Aber das meiste sei ja widernatürlich. Eigentlich sei ja alles widernatürlich, aber manches eben mehr als anderes.

Aber warum, frage ich Sabina, sind wir beide nun zusammen? Weil du kein Fisch mehr bist, sie, kein richtiger zumindest. Ich habe mich ja etwas verändert, die letzten Wochen, immerhin habe ich zu sprechen gelernt, und nun solle ich mich wieder setzen, wir seien noch nicht am Ende.

Busch beendet seine Pause in der Ecke und will sich einmischen. Seine Rolle, welche Rolle er denn nun zu spielen habe, fragt er. Das Eichhörnchen und Sabina diskutieren noch ein wenig, wer denn bei dieser Aufstellung die Regie übernähme. Sabina kann sich durchsetzen und beginnt mit der Verteilung: Das Eichhörnchen sei nun ich, der Fisch der Ort, an dem ich lebe, und der Busch der Ort, an dem ich leben wolle. Sofort entspinnen sich Dialoge zwischen Eichhörnchen, Fisch und Busch. Fisch und Busch preisen sich und ihre Vorzüge. Am Ende winkt das Eichhörnchen ab, zu Recht, wie ich meine, passe es doch weder in einen Teich noch unter einen kleinen, schmächtigen Busch. Ich gratuliere ihm zu seiner brillanten Analyse und Sabina für ihren hervorragenden Regieeinfall, traue mich aber nicht, ein paar Zweifel an den bis jetzt erarbeiteten Ergebnissen anzumelden.

Bücherkisten, Allegorien

In einem Kinderbuch*, das ich genauso gut jedem Erwachsenen empfehlen möchte, findet sich eine Bildergeschichte mit durchaus literatur- theoretischem Anspruch.

Ich zitiere hier eine Inhaltsangabe von einer einschlägigen Kinder- medienforschungsseite:

Fred findet auf dem Dachboden einen alten Hut (der ihm gut gefällt) und eine Kiste mit vielen alten Büchern (die ihm nicht alle gefallen). Seite um Seite liest er sich durch die verschiedenen Genres der Literatur: Krimis, Kinderbücher, Märchen, Tiergeschichten…. taucht jedesmal ganz ein in die phantastische Welt, die sich da vor ihm auftut – um sie dann für ein nächstes Buch wieder zu verlassen. Hintersinnig und skurril sind es vor allem die comicartigen Bilder, die in wechselnden Szenen von dieser turbulenten Reise quer durch alle Sparten der Literatur erzählen – und zum Selbererzählen anregen!

Fred wird hier als Leser vorgestellt, der eine enorme Reise durch die (Kinder- und Abenteuer-) Literaturgeschichte unternimmt, am Ende aber die Reise unterbricht, mit den Worten Nein danke (…) Jetzt reicht’s. Schluss, aus, Ende. Das war’s., als er das Verfahren der Illusion oder Fiktion als zu billig entlarvt. Das ist aus meiner Sicht aber nur eine, sicher die offensichtlichste Ebene des Textes.

Unterschlagen wird in obiger Inhaltsangabe, dass schon im fünften Bild (!) ein Tier auftauchen wird, ein grosser, kupierter Hund?, ein Bär?, ein bald gefrässiges Ungeheuer, das fortan hinter Freds Rücken lauert und ihm ins Buch schaut, mitliest, und in den Abenteuern empathisch mitfiebert, ja gegenüber Fred, der sicherlich der analytische Leser der Bücher ist, eine starke Identifikation mit dem Geschehen eingeht, und daher völlig vergisst, über die Mahlzeit Fred herzufallen.

Dennoch ist von diesem Ungeheuer, das einer der ersten Lektüren Freds entsprang, nie die Rede (im Paralleltext also). Und trotzdem ist es am Ende das Ungeheuer, das sich Freds verlassene Bücherkiste aneignet, und sich mit dieser beglückt aus dem Staub macht.

Der Leser zweiter Ordnung also, hat bei diesem Plot das letzte Wort. Das wiederum weiss aber nur der Leser, die Leserin dritter Ordnung, also wir. Ein Vexierspiel wird hier aufgemacht, das man noch eingehender analysieren könnte.

Festzuhalten wäre allerdings hier eine (bewusst?) doppeldeutig angelegte Entwicklung, was den Status der Leserfiktionen angeht. Beispiel:

Text/Bild 34: “Und dann, gerade an der spannendsten Stelle, als Fred unbedingt wissen wollte, wie es weitergehen würde …“ (mit der Bildreferenz: der lesende Fred, umringt von grossen, tanzenden Monstern)

Text/Bild 35: ”hörte die Geschichte auf, weil der kleine Junge alles nur geträumt hatte” (mit der Bildreferenz: der vom Buch sich distanzierende Fred sitzt wieder alleine in einem Zimmer)

(Nachtrag zu Text/Bild 33, 41: Das mitlesende Ungeheuer wurde in diesem Bild (33) von den Monstern weggezaubert, taucht aber wieder in Bild 41 auf, um bald die Bücherkiste zu entwenden …)

Nach dieser Lesart hat sich Fred also die Literatur nur erträumt, das diesem Traum (der ersten Fiktion) entsprungene und mitlesende Ungeheuer erlebt diese Träume dagegen hautnah, wird sogar Mithandelnder in den jeweiligen Büchern und bleibt am Ende der Bildergeschichte als einziger übrig (nehmen wir uns einmal von dieser Anordnung aus). In anderen Worten: die vorgestellten Fiktionen werden von Fred als Träume erfahren, und das, obwohl Elemente der Träume/Fiktionen Fred als Lesefigur „überleben“. Oder kürzer: Die Fiktion integriert die vorgestellte Realität, dreht sogar dieses Verhältnis um, d.h. die Fiktion wird hier als Realität wirksam, sodass die gesamte Anordnung, das Erzählgerüst ins Wanken gerät, unter dem Vorzeichen: es gibt nur die Literatur, und wir als Teile von ihr.

Etwas schwieriger wird es freilich, wenn wir uns als Leser dritter Ordnung mit in dieser Konstruktion bewegen. Es gibt die Textebene (in der das lesende Ungeheuer, der empathische Leser zweiter Ordnung nicht auftaucht) und die Bildebene, in der die zwei Leser als Leser und Handelnde gezeigt werden, und wir uns als Leser dritter Ordnung, der der Zusammenschau nämlich, bewusst werden. Am Ende vielleicht sogar diese absurde Konstruktion versuchen zu beschreiben.

Eine logische Konsequenz, was das „Übrigbleiben“ am Ende der Geschichte angeht (und das sind wir, die Leser dritter Ordnung, und unsere Ratlosigkeit, die sich spiegelnden Fiktionsebenen auseinanderzuhalten), wäre die Übertragung dieser Mechanismen auf uns. Wir entdecken die Unmöglichkeit diese Ebenen auseinanderzuhalten und haben die Wahl. Wir legen dieses Buch* zurück in eine Bücherkiste, betrachten alles bisher Gelesene als Traum und verschwinden für immer in unserem Bücherregal (Nein danke (…) Jetzt reicht’s. Schluss, aus, Ende. Das war’s.). Oder wir betrachten uns als unsere eigene Fiktion, nehmen dieses Buch mit uns, und lesen es von Zeit zu Zeit gerne wieder. Ff.

* Könnecke, Ole: Fred und die Bücherkiste. Hamburg, 2002

Quellen (1) zu einer Poetologie der Reihe Die Träume meiner Frau