Klappentexte

Beobachten wir einen Leser in einer Buchhandlung: Er nimmt ein Buch in die Hand, schlägt es auf, blättert darin und ist, für ein paar Augenblicke, völlig von der Welt getrennt. Er lauscht jemandem, der spricht und den die anderen nicht hören. Er nimmt zufällige Satzfragmente auf, schliesst das Buch und betrachtet den Umschlag. Dann vertieft er sich oft in den Klappentext, von dem er sich eine Hilfe erwartet. In diesem Moment öffnet er – ohne es zu wissen – ein Kuvert: Die wenigen Zeilen ausserhalb des Buchtextes sind in der Tat ein Brief: der Brief an einen unbekannten Leser.

(aus: Das unendliche Buch. Der Klappentext als Brief an den unbekannten Leser. Von Roberto Calasso)

auch eine Idee, die möglicherweise schon umgesetzt wurde. für hinweise dieser art bin ich natürlich sehr dankbar. auch eine idee aber, die mich schon lange umtreibt und die als kleine form, haben Die Träume meiner Frau also ihre 100-stoffe-grenze erreicht, vielleicht endlich umgesetzt werden könnte, nämlich

eine serie mit fiktiven klappentexten zu schreiben.

natürlich habe ich mich dabei wieder an alban nikolai herbsts erzählideen-beitrag vom letzten jahr erinnert, die man über diese form aufgreifen und umsetzen könnte. es wären also kleine metatextchen zu texten, die bislang noch nicht, unvollständig bzw. nur in autorenköpfen existieren. ob ich o.g. ideen herbsts aufgreifen kann/darf, muss ich noch abklären …

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Was also können wir dafür, dass der Boden eines von uns angemieteten halben Zimmers, dreihundertzwanzig D-Mark, achtkommafünf Quadratmeter, auch von der Obermieterkatze bewohnt wird? Da sind Obermieterkatzenhaare überall und das, was passiert war, konnte schliesslich jedem passieren. Irgendwann fällt ein nasses Hemd zu Boden und es war sicher nicht auszuschliessen, dass das eine oder andere Haar daran kleben bleiben wird.

Da muss man nicht cholerisch werden. Da muss man nicht das Hemd noch einmal einzeln waschen wollen und einen dummen Satz sagen. Da muss man sich nicht wundern, wenn man sich am anderen Morgen mit einer durchgeschnittenen Kehle findet.

überschreibungen 13

(phasen und strukturen)

sehr heterogen, die überlegungen zu und in diesem kapitel. und wenig haupttextbezogen. (muss auch mal sein). dafür ein paar gedanken zu grösseren strukturen. zuerst über die befürchtung, die generell in der 1. hälfte von kap. 5 aufkam: es ist etwas vage und betrifft alles, was ich (man) noch nicht erklären kann: ich hoffe, dass die bedeutung nachrückt (nur z.b.: stil- und themenwechsel, o.a. die geringe bedeutung von dranmor in dranmor, oder die unvermittelten montagen, die übergänge verlangen). in die elemente, die nicht geplant waren und ihre einfügung in “das ganze”. (und über die hoffnung: dass es überhaupt etwas ganzes ergibt, oder einen hauch davon oder eine ahnung). mit dieser hoffnung wurden auch die texte dranmors gelesen. dann auch über den zu erwartenden effekt: je mehr geschrieben wird, umso weniger scheint es auf einen formulierbaren kern (1 formulierbare bedeutung) hinauszulaufen. (fussnote: der exildiskurs bzw. das motiv erscheint mehr und mehr erzwungen und muss vielleicht etwas tiefer gehängt werden, vgl. a. das exposé: also etwa, dass so eine situation (die startsituation des erzählers) nur auslöser sein kann, über das schreiben zu schreiben z.b., endefussnote). und: ein weiteres problem beim tendenziell anschwellenden text: die trennungsängste, oder: die unfähigkeit zu streichen oder zu kürzen. (ich muss mir da noch ein system überlegen).

sie kann da natürlich auch ein paar tipps geben. in solchen fällen müsse man mit listen arbeiten. wie schön, dass so etwas wie ein inhaltsverzeichnis aller passagen schon existiere. und gut, wenn man jetzt schon begönne. ich sei ja an einem punkt angelangt, der entscheidungen forderte: man sehe, der zeitrahmen sei ohnehin gesprengt und man müsse den gesamten prozess neu entwerfen. am besten schon heute abend. wie es wäre mit heute abend. sie könne vorbeikommen in der stadt, heute abend, und kenne auch ein nettes, kleines, ja, fast unbekanntes restaurant, wenn ich befürchtungen hätte. sie werde einen tisch reservieren.

unbedingt festzuhalten, also, der neue zeit- und arbeitsplan für dieses jahr/projekt (entwurf): 1. phase (konsolidierung, bis ende april), daraus: manuskript version 2. – 2. klassifikation der passagen (0=zu streichen, 1-3=stark bis kaum/nicht zu bearbeiten). – 3. phase (zuerst überarbeitung der passagen mit klass1, dann klass2, bis ende august). – 4. konsolidierung, daraus: manuskript version 3. – 5. neues exposé*. – 6. vorlektorat (start: oktober?) so, ungefähr. CONTAINER: Natürlich, interpretiert man auf der Ebene dieses Zitats („Die beste Definition der Heimat ist Bibliothek.”, aus: Canetti, Blendung (zu V,1a)), schleicht sich das Heimat-/Exilmotiv wieder durch den Hintereingang hinein. Einer der wenigen, ausführlicher gewürdigten Orte des Textes ist tatsächlich die Bibliothek: als Arbeitsstelle, Wohnort, Identität, Gedächtnis/Erinnerung etc. Dann wurde die Frage aufgeworfen, ob es sich nicht vielleicht um einen Entwicklungsroman handelte: das muss man im nachhinein wahrscheinlich bejahen. Tatsächlich sind aber schon viele Gattungsbezeichnungen auf den Primärtext “Dranmor” angewendet worden, sodass man sich damit einmal gesondert auseinandersetzen müsste. Wie natürlich auch mit dem Pilzmotiv, das mehr und mehr als Symbol der Wucherung an sich fungiert und damit auf performativer Ebene natürlich auch diese Abteilung meint … * zuletzt und dort unbedingt mit hineinzunehmen: “das ich, als wartendes und stets neu sortierendes, als phasensignifikant.” und: “langeweile als positives konzept”. soweit. soso.

(zu dranmor V,1a-V,1e; übersicht überschreibungen)