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Du vermutest eine klassische Übergrösse. Im Schuhkarton dagegen lagern moderne Schriften. Darauf verblassen raurote Striche aus dem Fasermarker und eine nur noch kleine Titelei zieht sich diagonal über den Deckel. ICH, heisst es. Darin findest du achthundert kopierte Seiten. Hinten und vorne bedruckte. Knapper Durchschuss und kleinste noch entzifferbare Punktzahl. Du bekommst diesen Auftrag. Lies!

Doch du wirst sie vergrössern müssen. Und: Es befindet sich nur ein einziger wahrer Satz in dieser Schachtel. Finde ihn heraus. Bis morgen früh.

wellenbrecher

exzerpte. exzerpte. aber nicht immer funktioniert das und lässt uns collagieren wie wir wollten. / (steck deine nase nicht in fremde. / laß die hosen zu wasser. / gib dem augenblick frei.) / – so ein kleiner ausschnitt aus einem frühwarnsystem. darfs etwas später sein? es zieht dort – am putsch der putten vorbei – ein armer altritter den pechpanzer an: oder: zeit zum paarsegeln, vielleicht. und: etwas über versfüsse und deren gärung.

vielleicht möchte man dann wieder in berlin leben. da liegen überall solche bilder herum, scheint es, und man kann trinken, bis der arzt kommt. man muss sich dafür nicht entschuldigen. mit einem kleinen achselzucken, vielleicht. jemand erzählt dir etwas vom formenreichtum, oder von irritierter und losgelassener sprache; doch damit wird er nicht gerecht. weder ihr noch ihr. kathrin schmidts band (go-in der belladonnen. kiwi, 2000) ist kaum beschreibbar. manchmal etwas zu verspielt und manchmal leicht hochkant. oder ist man nur unfähig ein pflaumenpflaster zu applizieren? das zischt und spritzt doch zwischen den zähnen. drei sterne dafür, trotzdem. und zwei davon sind für urszenen und tinnitus, die bleiben: wie dieses zitat. was war, worüber geschrieben wurde? das ist wurzelgemüse // was da aus dem loch in der decke dringt was da doch / schneller wächst als ich es mir hätte träumen lassen / von meinem vater oder seiner allezeit spielenden frau / (…)

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Dann das Fussballturnier. Ihre Grossmutter half mit, einen Pokal zu basteln: aus Staniolpapier und Klorollenkartonage. Der kürzeste Weg zum Spielfeld führte durch den Garten, war aber unpassierbar. Das Eisentor: kein Mensch hatte einen Schlüssel dafür. Der Umweg um den Block dauerte Jahre.

Die Spiele waren lange vorbei, als sie ankam, und sie bereits ein junger, gutaussehender Mann. Sie verlieh sich den Pokal selbst, dann zertrümmerte sie ihn. Ein Fremder kam hinzu und hob zwei Gruben aus.

Frau Mermet

Nun also doch. Eine Abteilung mit dem Titel “die zweite chance”*. Und dem Untertitel in Arbeit: neues vom ramschtisch. Eine traurige Abteilung, eigentlich. Warum? Das erfahren sie in nachrubrizierten, vorangegangenen Texten. Die Rubrik ist sozusagen als Ergänzung zu das sieb (kln) zu lesen. Paradoxerweise befinden sich in diesem Gefäss immer noch Novitäten kleiner Formen, die aber vom Buchhandel geköpft wurden. Die Überreste fische ich aus exponierten Kisten mit den grossen Schildern und klitzekleinen Preisen: Immer Montags, wenn ich mit meinem kleinen Sohn die Buchhandelsriesen der Stadt beehre. Heute also Jürg Amann, Pornographische Novelle, ein kleines Bändchen aus dem Tisch-7-Verlag (vgl. auch Herbsts jüngsten Erzählungsband), das nun nach etwas weniger als einem Dreivierteljahr auf diese Weise das Zeitliche segnet. Ich kaufe es fast verschämt, befindet sich doch auf der Vorderseite der flüssig gezeichnete Anblick einer nackten Frau von unten. Aber, das Bändchen hat es in sich. Neben kleinen Formen, also, die dieses Thema komplett literarisieren (oder verschwurbeln), ein Anhang mit Robert-Walser-Brief-Montagen, gerichtet an Frieda Mermet. Wie liest sich das?: Liebe Frau Mermet. Gute Frau Mermet. Liebe gute Frau Mermet. Schätzenswerte Frau Mermet. Hochgeschätzte Frau Mermet. Liebe, hochgeachtete Frau Mermet. Allergediegenste, beste Frau Mermet. Meine sehr liebe und hochgeschätzte Frau Mermet. Meine liebe Frau Mermet // Verzeihen Sie, Frau Mermet. Verzeihen Sie, liebe Frau Mermet. Sie werden mir verzeihen, liebe Frau Mermet. Aber, aber, Frau Mermet. // (S.69). Zu empfehlen: allen Robert-Walser-Sammlern. Und Positivisten.

* edit, 22.03.06: aus konzeptionellen gründen wurde die abteilung in “lektyren=synthesen” umgetauft.

stelle bei paulus

mir bleibt kein laster

erspart

doch das gute erfuellt

sich in der

schwaeche

(Norbert C. Kaser, herrgottswinkel, S.103, 2005)

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