Die Syntax als Semantik (DTmF)

Um noch einmal zu präzisieren: die Signierung der Stoffe ist als ironisches Verfahren gedacht, auf das ich nicht verzichten möchte. Ironisch, weil es natürlich eine Art Scheinwissen oder Scheinforschung suggeriert. Diese Form der Offenlegung einer Pseudo-DNA der Texte ist zwar einigermassen positivistisch (wie die angedeutete, aber noch weiter zu bearbeitende Legende zeigt) und die Ordnungen (und damit Sortier- bzw. Lesbarkeiten) der Texte, wenn auch nur bedingt erkenntnisbringend, so doch nicht an den Haaren herbeigezogen. Aber noch einmal ironisch, weil die vorgegebene Struktur der Signatur (ihre Syntax), die die alle Texte umschliessende Formel (oder: Ästhetik) ist, hinter der sich das Subjekt versteckt. (…) Unterstützt werden soll diese Labelung durch die jeweilige Vergabe eines descriptors, der ein geregeltes Vokabular bzw. einen Thesaurus impliziert, aber nur eine Assoziation zum Text und auch Texttitel ist. Jeder (Der) Metatext ist (hier) also nur Paratext, sozusagen.

überschreibungen 22

(verhören / versprechen)

die letzte überschreibung dieser version und gleichzeitig das einläuten einer nächsten runde des überschreibens, markierens, verdichtens, eigentlich: des glättens und ausdeutens. der berg des zu bewältigenden ist noch gross und ich bin fast geneigt, das pensum etwa zu kürzen. d.i.: 1. vielleicht den geplanten schluss-essay über „fliegen und/in der literatur“ zu streichen, oder daraus nur eine kleine reflexionspassage zu machen, zusammen mit dem verbleibenden, exzerpierten material aus dranmors berichten zur gescheiterten kolonialisierung brasiliens. dies alleinstehend als kapitel X – aber das sieht dann möglicherweise etwas geschröpft aus. oder/und 2.: mir zu überlegen, ob ein weiterer metatext (der kopfzeilentext: sie liest mich) wirklich nötig ist. vielleicht sollte man den erzähler einfach in der luft hängen lassen. vielleicht ist aber auch einfach erst einmal die luft ausgegangen, nach der ersten überarbeitung, sodass eine dranmorpause von einigen wochen gut täte. es gilt auch, sich auf das andere* projekt (DTmF) zu konzentrieren und es zügig zu ende zu bringen. (). mit neuen ideen und neuer energie wird also arbeit an dranmor anfang herbst wieder aufgenommen. (). soll diese überschreibung eine fortsetzung der tristesse (oder soll man sagen: der melancholische ton) der letzten kapitelhälfte sein? ich hoffe nicht. dass es eine gewisse tristesse in diesem abschnitt gibt, ist nicht von der hand zu weissen. aber ist das bei abschiedsszenen und natürlich bei ordentlichen büchern, von denen man sich verabschieden muss nicht immer so? nach zuende geschlagenen bögen. hier: die rückkehr () in eine art scheinnatürliches leben (der wald, die tiere, diese art von urszenen) mit mythologischen elementen ist noch einigermassen nachvollziehbar (wenn noch nicht geschildert, so zumindest) angelegt. (es muss sprachlich noch einiges getan werden. noch wirken die sätze, die abschnitte wie wenig zusammenhängende, um sich kreisende mikroorganismen und auch etwas verstreut – was auf formaler konzeptioneller ebene allerdings wiederum konsequent ist). die vermischung, durchkreuzung, überlappung von motiven, genres, figuren (zb walden-thoreau, die hellinger-aufstellungen, das sprechen der tiere und pflanzen, die anlage bzw. umsetzung der idee einer universalsprache): das kleine schreibuniversum scheint förmlich in diesen passagen zu implodieren. vielleicht ist darin auch ein weiterer krimi angelegt (die verhörsequenzen des erzählers etc., der zunehmende sympathieverlust sabinas): das alles ist noch unfertig, scheint mir aber in anlage und von der disposition her richtig. bspw. (ich paraphrasiere etwas): die waldgruppe plus erzähler, die versuchen über variante (familien)aufstellungen den erzähler zu therapieren und damit auch den ganzen text persiflieren oder/und verschiebungen simulieren (die motive auf personen), wie es schon auf ebene der passagen als einheiten sichtbar ist. bedeutungen, zeiten, figuren verflüssigen sich, oder: fliegen. und also tut es am ende auch der erzähler, bzw. will es erlernen oder fühlt sich dazu von sabina genötigt. ob der erzähler tatsächlich fliegt und noch ein dranmorgedicht rezitiert oder letztlich wie ikarus in die aare stürzt, sollte, wie die position des ichs bei dranmor und den überschreibungen: unentscheidbar sein.

es ist genau diese unentscheidbarkeit, wie sie sagte, und sie sagte: unentschiedenheit. weshalb sie mich verliess. und damit diesen text. ich schicke ihr das bearbeitete manuskript hinterher. ich schicke es an die letzte mir noch bekannte postadresse, seit ihr anrufbeantworter nicht mehr mit mir spricht. ich schicke es an die letzte mir bekannte adresse und warte nun, warte auf ihren anruf oder einen irgendwie gesetzten punkt.

*(inwiefern dieses projekt “anders” bzw. ähnlich ist, ist wird noch a.a.o. geklärt, stichwort: konstruktivismus). CONTAINER: zu der in einem Kommentar (IX,5a Kaum günstigere Bedingungen) von Markus Hediger zu forcierende Nachvollziehbarkeit des Schwenks des Romans ins Mythologische/Fabelhafte, (bspw. in Form einer früheren Ankündigung oder Auslegung von Spuren): im Haupttext sind da, wenn ich es recht übersehe, einige Anspielungen zu finden. Vielleicht ist es aber auch v.a. die Arbeit der “Überschreibungen” (vor allem der letzteren), die solche Verweise nun integriert haben oder vorhalten. Entgegenhalten kann man natürlich: Wer liest schon einen Fussnotentext?

(zu dranmor IX,3-IX,5b (=vorl. Ende); übersicht überschreibungen)