Das kleine Wundkrustenkrachen des Herzens

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noch viel unvorstellbarer als ein Schreibender ist

ein Lesender wie die Vorstellung

auch eine Frage des Lachtyps

Was für ein Lachtyp sind Sie denn

fragte ich gestern und auch was

mich mein Geschwätz von

vorgestern anginge denn wir

hatten Konsensgewitter

heute Nacht und alle

wussten von der exakten Tiefe der

aufgeworfenen Grube

nur nicht man selbst

mit dem sanktionären Bewusstsein

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Denn es geht wieder einmal nicht

mehr nur ums Fressen sie

sammeln schon wieder Kastanien

vom Boden streicheln sie und suchen

weiter als wären sie aus Gold

Und stöbern in vergangenen Zeiten

in den Welten als

Pille und Gorleben und

fragen zurück

Was für ein Lachtyp sind Sie denn

und reden

Wovon wir reden

wenn wir reden

worüber wir reden

und lassen sich nicht aufhalten

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Dann denke ich wieder an den

kleinen Weihnachtsbaum aus Plastik und

die elektrischen Kerzen in allen

vier Farben und wie

schade dass

sein Besitzer schon tot ist

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Dann verlangte man von mir endlich

souveräner mit meinem

Stoff umzugehen eines

Nachts gelang es mir auch am

anderen Morgen stellte ich fest

War nur der Vollmond

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Ein sehr persönlicher Gedanke

Irgendwann werde ich meinen Oberschenkel

mit der Rasierklinge von Haaren

befreien und die afrikaförmige

Pigmentstörung freilegen die

werde ich dann

photographieren und sie

allen zeigen

(zum Beweis und)

Das hört sich nun etwas blöd an es

ist aber wahr: den Rotweinfleck

habe nicht ich dorthin gemacht

Das war der Rotwein

Und eine halbe Halbinsel

eine Viertelsinsel

wahrscheinlich

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Eine andere Frage einer

anderen Säule

Kennen Sie Ihren Augeninnendruck

Wie das kleine Wundkrustenkrachen

des Herzens

Und an den Bahnhöfen

verhängen sie schon die Uhren

alles kommt zu spät

sage ich

Und zu Prometheus

Haste mal Feuer Du Assi

8. Schachtel (Signifikant)

Schreib doch mal, warum und worüber du schreibst, wird mir manchmal gesagt. Das heisst, es wird als Frage formuliert. Auf die erste kann ich noch immer keine Antwort geben, nicht, dass mir nichts dazu einfiele. Ich habe einfach noch nicht die richtige Form der Antwort gefunden. Anders verhält es sich dagegen mit dem Worüber. Sie ahnen es schon. Ich schreibe über Kartons, Schubladen, Schachteln und Koffer, eigentlich alle Gefässe und Orte der Aufbewahrung spielen eine tragende Rolle. Natürlich auch das ganze Drumherum, in zweiter Linie. Das über und unter dem Zwischen der Zeilen.

meistens ist damit ein leerer raum gemeint. er ist, wie schon einmal erwähnt, nicht vollständig leer, aber bis zu einem gewissen grad: leer gedacht. das wäre der anfang. dann füllt er sich langsam, wie das papier, auf dem auch dieser text ursprünglich stand, bis er endlich zu einem begriff gefriert, für den es freilich noch kein wort gibt. manchmal dringt danach etwas in sein innerstes, wie durch eine fluide membran, und sammelt sich dort an. man nennt es ablagerung. und – muss ich dann weiterschreiben, während dieser text entsteht. und korrigiere mich und ihn vielleicht.

Dranmor: Zyklen/Spiralen, zum 10. Kapitel

Tatsächlich, nun scheint ein Knoten geplatzt. Nachdem ich mich nun langsam wieder dem Ende des 9. Kapitels annähere, liegt plötzlich – wieso bin ich nicht vorher darauf kommen? – die einzig mögliche Variante um das Romanende vor mir, als wäre es schon lange so geplant. Ja, als wäre der ganze Text darauf angelegt.

Nach dem offenen Ende im 9. Kapitel (es ist nicht genau festgelegt, ob denn nun der Erzähler davonfliegt oder ob es sich um einen Suizidsprung von der Aarebrücke handelt), wird sich der Erzähler im 10. Kapitel aus seinem Bett erheben und mit der Niederschrift einer Romanstruktur beginnen.

Die entstandene Materialiensammlung zum Text und der Text “dranmor überschreibungen”, die ursprünglich als Kap. 10 geplant waren, werden also wieder aus dem Manuskript gelöst, werden aber vielleicht für Interessierte zum freien Download bzw. als Heftchen angeboten.

Bei den Strukturskizzen, also der Niederschrift handelt es sich aber um nichts anderes als dem hier und hier erwähnten Plotsheet (dem man noch einen anderen Namen geben wird), das sozusagen eine spezifische Lektüre bzw. die “Inhaltsangabe” (wenn man so möchte, denn freilich steckt in dieser Abbildung viel mehr und viel weniger als im tatsächlichen Haupttext) des vorangegangenen Textes anbietet.

Am Ende der Niederschrift der Struktur wird sich der Erzähler an die Arbeit machen und diese zu füllen beginnen, was natürlich wiederum zu dem Beginn des Romans führen wird.

Im Grunde, so eine Funktion dieses Ansatzes, wird hier also an einer unendlichen Spirale gearbeitet, bzw. diese abgebildet bzw. Mechanismen des Wechselspiels zwischen Lesen/ Schreiben/ Verstehen, tatsächlich also eines hermeneutischen Zirkels ausgestellt. Ein weiterer, positiver Nebeneffekt ist natürlich das inhaltliche Gerüst in Registerform, das nicht alleine lässt, wenn man in den jeweiligen, auch sprachlich durchaus unterschiedlichen Assoziationsräumen und Annäherungen verloren geht. Ich hoffe also, mit diesem Verfahren wird der Text eine im buchstäblichen Sinne runde Sache.

dran glauben

gewichtloses meinen einer trauer

grachtenlang rettet die verdünnung

deine hüfte, die leugnung eines

gedanken, der aus dem bau kommt.

im rothaus am see vom wohnwagen aus

guckst du, kühe, die salz leckend grasend

           den wald stärken

(Swantje Lichtenstein, figurenflecken oder: blinde verschickung, S.38, 2006)

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