11. Schachtel (Identitäten)

Die kleine, durchsichtige Plastikschachtel mit dem Visitenkartenmustern ist angekommen. Einhundert Mal ein weisses Kärtchen mit ein paar Informationen zu einem Projekt, darüber Name, Telefonnummer und weitere Hinweise zu meiner Person. So dünn kann man sein, so wenig braucht es, um mit mir in Kontakt zu treten.

ich habe mir überlegt, diese karten zu nummerieren und zu zeichnen. sie also als limitierte edition herauszugeben, ohne dass die empfänger davon wüssten. ein hundertfaches gedicht, wird man vielleicht einmal sagen. etwas sehr konkretes und darum völlig frei von bedeutung. dann müsste ich mich aber von ihm trennen, einhundert mal, und sein behältnis, der einband eines buches mit dem immerselben loseblatt, oder – wenn man will – einer sammlung von kurzgeschichten, einer sammlung der immergleichen kurzgeschichte aus namen und kontaktdaten – er stünde leer, das vielleicht einzige, was hier etwas bedeutete. ich werde sie gar nicht erst öffnen.

9.2

im bad nebenan // im geraume der zeit im gestör der / geräusche des wassers und klapperns / gezerre an taschen metallisches reiben / emaille und erregtes getue dem plätschern der / spülung nicht klarem geschnaubes betrete / ich leise betreten das / bad sie mit rotem gesicht schon im / aufbruch begriffen stösst mir / vor die brust niemals nie werde / ich nur den leisesten zug meines / namens auf teile des textes von / ihr so verbreiten und niemals nicht auch / nur den teil eines abtritts der / rechte von ihr über das was / von mir unter uns in der form / dieses textes geschehen erreichen stösst / sie mit ins blaue geröteten lippen mir / noch einmal wütend entgegen ich / schütze in abwehr noch weiterer wort / offensiven den körper mit worten und / händen die ihren rotierenden leib in / spontanem impuls von mir weisen und / schleudern ihn stürzen ihn in eine / schräglage bringen mit / krachendem schädel schlägt sie auf die / kante der wanne und bleibt / reglos liegen //

Dranmor Korrespondenz 6

aus einer Email von R.R., auch betreffend diesen Beitrag.

Lieber Herr Abendschein,

jedesmal, wenn Sie von Ihren Arbeiten an Dranmor schreiben, wird ein eigenartig intensiver Gedankengang in mir hervorgerufen. Es ist wahrscheinlich so eine Art Vorfreude auf Ihr Buch und Neugierde natürlich auch.

Da gibt es aber andererseits ein Überlegung, die mich nicht loslassen möchte und deshalb denke ich, ich teile Ihnen diese einfach mit: Ich frage mich, wie andere Menschen auf Ihren Roman, so wie er hier vorliegt, reagieren werden.  Diejenigen, die Ihr Weblog kennen, haben eine Ahnung von dem, was Dranmor inhaltlich bedeutet und aussagt.

Aber ich muss gestehen, dass meine erste Begegnung mit Dranmor sehr befremdend war. Ich dachte an sehr komplizierte Aussagen, die ich nie verstehen würde. Ich denke, dass man, wenn man so dem Buch begegnet (ohne je etwas davon gehört zu haben) eher an etwas Technisches oder Historisches denken wird, aber eigentlich nicht an eine literarische Schrift.

Ist es nicht so, dass äusserlich ein Buch zuerst anziehen muss, so dass man darauf aufmerksam wird?

Ich denke, eine zweite Über-, Unterschrift, die den tatsächlichen Inhalt beschreibt, sei sehr wichtig…!

Aber wie bereits erwähnt, es ist eben nur ein intensiver Gedanke. Auf keinen Fall würde ich mich in Ihre Arbeit einmischen wollen – dafür schätze ich sie viel zu hoch!

Liebe Frau R.

Sie sprechen da ein paar wichtige Punkte an und ich bin da ganz ihrer Meinung. Als ich das Bändchen das erste Mal in Händen hielt ist mir eine frappierende Ähnlichkeit bspw. mit Dissertationen aus dem Fink-Verlag aufgefallen. Obwohl vorne explizit “Roman” steht, hat die jetzige Gestaltung, optisch wie auch den Titel betreffend, wie Sie sagen etwas Technisches/ Wissenschaftlich- Historisches und könnte abschrecken, obwohl die Montage (das Konterfei Dranmors wird von einer Schreibmaschine aufgesogen bzw. überschrieben) vielleicht auf den Weg schickt, dass es hier eben um Fiktion geht, um metafiction, wenn man so will. Aber man muss das vielleicht noch mehr kennzeichnen.

Hier habe ich mir schon einmal Gedanken gemacht, das aber nicht weiter verfolgt. Es ist ja noch ein bisschen Zeit. Aber sicher ist, das muss auch noch diskutiert werden … Herzliche Grüsse, H.A.

Dranmor, MV3, als Band vorgestellt

So also könnte ein Bändchen aussehen, vor mir der unlektorierte, unkorrigierte, aber zur Befeuerung der Phantasie schon einmal in Form gestellte Dranmortext – die weiter zu bearbeitende Manuskriptversion 3.

Aber das Anfassen, Blättern, Gleiten; das Prüfen, ob die Struktur hält – gelingt vielleicht nur und auch oder ergänzend: haptisch.