Prellwände

Die ständigen Berge, die ich sehe, sind Prellwände und leiten um. Nicht trockene Hitze, wären sie sonst vereist? Sie verleiten Kälte aus allen Richtungen in diese Region. Auch aus der Heimat. Umgeleitete Heimatkälte. Heimat, die sich auflöst, um langsam nirgends zu sein; um überall sein zu können. Die Heimat ist auch im Flachland ein Berg. In der Ferne – verzweifelte Schreibübungen, um das Zittern der Hände in den Griff zu bekommen. Und: die Gleichgültigkeit des Themas. Dabei ist die Form das Thema. Eine förmliche Nichtvollendung des Schreibens, ein ewiges Baustellengelände jedes einzelnen Wortes. Dessen Summe: höchstens Fragment.

(Dranmor, Kap. 3.03, Über Berge schreiben)

Zur Arbeit am lektorierten Manuskript

(Dranmor, MV4)

Der Arbeitsauftrag, der sich aus dem Lektorat von S.J. ableiten lässt, ist sehr übersichtlich. Die Korrekturen im Manuskript halten sich – wider Erwarten – in Grenzen und die Anmerkungen sind überschaubar. Dort mit Canetti in Verbindung gebracht zu werden, lässt fast ein wenig erröten, ist mir aber auch schon ein bisschen bei der ersten Niederschrift aufgefallen. Während dieser Phase hatte ich mich tatsächlich auch ein wenig mit der Blendung beschäftigt.

Wie weiter? Ich werde also nun zunächst die Korrekturen, wo nötig, übertragen. Das Kapitel 1.12 – das erste Exzerpt aus der Sekundärliteratur, das metaphorisch die Brasilien-Teleologie vorweg nimmt, ist wohl etwas zu lang geraten und muss eingedampft und pointiert werden. Wie richtig bemerkt, fällt auch der grösste Teil des Barcelona-Kapitels (K.6) stilistisch aus dem Rahmen. Hier muss tatsächlich verdichtet werden.

Die Parallele Ichwelt > Brasilien (Dranmor) und Ichwelt > Barcelona (Icherzähler) möchte ich als alternativen Fahrplan aber schon so angelegt wissen. Hier werden einige biographische Realien Dranmors verhandelt. Modernisiert, könnte man vielleicht sagen.

Zur Namensgebung: natürlich sind die Personalnamen auf erste Sicht schwere Winke mit dem Zaunpfahl. Es ist aber nicht nur Anagrammatisches und Zeichenspielerisches. Dass der Widerpart (so sehr wider ist er nun auch nicht) Roman heisst, lenkt auch auf einen Gattungsdiskurs. Dass die Welt des Romans als Roman benannt wird, der aber mit vielen Romanentwürfen strukturell bricht – ich will ja nicht sagen, dass ich da der einzige bin, der damit gearbeitet hat, man denke da an Arbeiten jüngster Zeit von Ernst W. Händler oder Reinhard Jirgl – das steckt so in etwa dahinter. Warum sollte man es nicht so benennen?

Und Fernando als Variante zu Ferdinand, dem Realnamen Dranmors – naja, wo alles doch so fern ist. (So ein Wortspiel läge ganz im Geschmacke Dranmors. Man denke hier auch an die mehrschichtige und spekulative Rezeption und Auslegung seines Künstlernamens … Im Übrigen hat sich Dranmor alias Ferdinand Schmid in Brasilien selbst Fernando genannt. Davon zeugen diverse Publikationen. Man kann das vielleicht, nein, man muss es als Auseinandersetzung mit dem Selbst lesen.)

Und zu dem letzten Kapitel, das sich aus Metatexten zusammensetzt: dafür habe ich immer noch keine Lösung gefunden. Vielleicht doch als Kommentar- oder Kopfzeilentext? Vielleicht sogar als Fussnotentext? Oder an den jew. Anfang oder das Ende eines Kapitels? Es würde so die freie Lektüre einschränken und einen Plot festnageln, den ich ursprünglich nur als sozusagen kontingentes Element am Ende anbieten wollte.

So oder so bleibt viel zu diskutieren, und das wohl erst Ende März. Was mir andererseits genügend Raum gibt, mich mit den obigen Arbeiten zu beschäftigen …