20. Schachtel (In Samt und Seide)

Körperkisten und Gedankensärge, gleichermassen. Wirksam, kommen zum Einsatz nur offensichtlich, nur oberhalb der Erde, Gefässe der Abschiednahme, gleichermassen.

Die Urnen dagegen: abstimmungshalber, und fürs Regal. Für den gedachten Wiedergebrauch. Für den Widerspruch.

noch jeden meiner familie habe ich zweimal unter die erde gebracht. noch jeden zweimal verabschiedet, in die kiste gegrüsst und den kopf gesenkt bei der einlotung des metallboliden in die erde. ein ritual, zwei rituale, die nie hinterfragt wurden – bei uns. ein gruss an den körper, einer an den inhalt, der allmählich entweicht.

Kartongeschichte

Selbstverständlich mag ich die Prosa Helmut Kraussers. Selbstverständlich werde ich bei einem Text mit dem Titel „Kartongeschichte“ (marebuch, 2007) hellhörig. Beides zusammengenommen zwingt meinen Lektüreplan zur Flexibilität und ich wittere eine Schachtel. Bis S. 25 wurde allerdings noch nichts in diesem Dienste entdeckt. (Von den Quadraten abgesehen. Auf dem Cover. Auf dem Titelblatt. Als Gefässe der Kapitelnummern – was Grund genug wäre.) Und auch kein Meer oder sonstiges Gewässer. Schwimme ich weiter.

Notizen zu einer Topik der Besprechung eines Frühstückseis

Eigentlich sollte an dieser Stelle ein kleiner Bericht vom Treffen mit meiner Dranmorlektorin folgen. Ich will hier aber nicht mit Details langweilen und verweise auf die wesentlichen Punkte, die in der Rubrik schon genannt wurden und die gerade überarbeitet wurden. Stattdessen werfe ich hier einen im Zug entstandenen Notizenhaufen unter obigem Titel ab. Füge hinzu, was vielleicht nicht schwer erkennbar ist, dass es sich hierbei nicht (nur) um eine Sammlung von Ansetzungen zur Rede über Eier handelt, sondern generell eine Rede über die Rede über. Das Ei kann folglich also getrost als Text gelesen werden. Was solls? Es ist zunächst ein ungeordneter Materialhaufen eines noch zu schreibenden Textes, der eine Typologie eines Eierdiskurses auf noch zuzuordnende bzw. ergänzende Methoden literaturkritischer oder –wissenschaftlicher Annäherungen an Literatur (oder, wenn man so will: Text) umlegen soll. Mal sehn …

Über der die Konsistenz (zu weich, zu hart, gerade richtig) / Grösse (zu gross, zu klein, grade richtig) / Geschmack (frisch, kräftig, fad, schlecht, seltsam) / Verhältnis Dotter – Eiweiss (angemessen, unangemessen) / Temperatur zum Zeitpunkt des Servierens (zu heiss, zu kalt, gerade richtig) / Farbe des Eis, der Schale (Gesamteindruck, gleichmässige Färbung) / Bemerkungen zur Gestalt des Eierbechers / Bemerkungen zur Gestalt des Servierenden / Bemerkungen zum Gesamtarrangement (Kontext, dazu gehören auch Analyse der Qualität der Brötchen, Brote, des Kaffees, des gesamten Gedecks) / Das Salz / Die Verfasstheit des Essenden / Mutmassungen über Hühner und Gedanken über Legebatterien / Das Wetter / Vergleiche mit vergangenen Eiern, – Rezensionen / Gedichte / Reime mit Ei / Reime auf Ei / Über das Ovale, Über andere Formen / Über die Lautbildung von “Ei”. Über Eier in anderen Sprachen / Über das Essen von Eiern in anderen Kulturen / Über den Eierhandel / Über legendäre Eier, z.B. das des Kolumbus, Zareneier / Über berühmte Hühner / Über andere Verwendungsformen von Eiern. Eiersalat, -Likör / Eier als Zutaten / … /

dein aufschub (ad acta*)

in kurzen hosen sitzt

in tiefer abstraktion

in langmut später

aufschub ist dein name nicht

lässt dich nicht fahren in

geschlossnen räumen und nicht

im ichverbot vielleicht

einmal in einem lift

mit dir allein

freut sich dagegen an der

feuchten haut sehr

eigenen kleinen seins

in grossen gruppen

trinkend – literweise buch und

beispielsweise bühnenwörter

saufend fressen

dick ist der der dick sich denkt

verkündend grappa schlürfend oder

schmeiss die alte katze raus

die hat hier keinen platz

im chor

am lederjackenabend im

programmkino den kinoschirm

sich fest ans bein gedrückt

wenns regnet

trocken ragt

das ewige hingegen

deiner wörter stumm

bleibt deine sprachbox sauber

verkrusten tage

rasten an der oberfläche

bleibt wenig übrig nach

der reinigung des teppichs

deiner schaufabrik von

wunden sätzen hinten

zwischen faulem zahn und mund

und später stund

——

* (zu ddI, ddII, ddIII). zu den akten, zunächst. mehr ist im moment nicht zu holen, aus dem bild. an dieser stelle und, um im bild zu bleiben, aufgeschoben bleibt hier alles bis montag. keinen aufschub duldet dagegen das treffen mit meiner lektorin in köln. etwaige kommentare bleiben ab morgen zwischenzeitlich in der moderationsschleife.