30. Schachtel (Seelen, Reste)

Wo anders als in den Ecken findet Ablagerung statt? Kommt es zur Gärung? Also zum Denken. Eine Kugel als eine Art Generatorsein, Poolsein dieser ganzen Vorstellung en gros ist für diese Tätigkeit eine wenig brauchbare Form. Wieder geistert eine Fliege umher, die sich im Innern des Runden auf einen endlosen Weg macht, ohne auch nur ungefährem Wissen über Start und Ziel ihres Bewusstseins. Eine stattliche Anzahl Blätter wird von einem Gummiband nicht mehr gehalten. Sucht sich einen anderen Ort.

ich verwalte sie. weise sie in eine ausgeschiedene verpackung. in eine ganz reele schachtel: einer alten zeitschriftenbox mit radierter, aber noch rekonstruierbarer signatur: jus zq 92. die jahrgänge 1997-2002. in einer datenbank kann ich ihren ehemaligen inhalt recherchieren. es handelte sich um eine schriftenreihe mit dem titel „die wirtschaftsprüfung“. sie gibt es hier nicht mehr. auf papier.

Beispiele

(M37)

Machen Sie einen Besuch in der Bibliothek; Bücher haben die unendliche Annehmlichkeit, daß man sie an beliebiger Stelle zuklappen kann, ohne daß man je eine Klage von ihnen hört. Nehmen sie sich ein Beispiel.

Aus: Ingomar von Kieseritzky, Obsession, Ein Liebesfall. Stuttgart, 1984. S.77

Das Imaginäre

(M36)

„Das Imaginäre konstituiert sich nicht mehr im Gegensatz zum Realen […] es dehnt sich von Buch zu Buch zwischen den Schriftzeichen aus, im Spielraum des Nocheinmal-Gesagten und der Kommentare; es entsteht und bildet sich heraus im Zwischenraum der Texte. Es ist ein Bibliotheksphänomen.”

Michel Foucault, Die Phantasmen der Bibliothek, in: Michel Foucault, Botschaften der Macht. Der Foucault-Reader Diskurs und Medien, hrsg. von Jan Engelmann, Stuttgart 1999, S. 85-91, hier: S. 87

Papier / Körper / Metapher

(M35)

Jede Macht, inklusive die des Rechts, zeichnet sich zunächst auf dem Rücken ihrer Untertanen ab. Das Wissen macht es genauso. So schreibt sich die abendländische ethnologische Wissenschaft in den Raum ein, den ihr der Körper der Anderen liefert. Man kann also sagen, daß Pergament und Papier an die Stelle unserer Haut getreten sind und daß sie die Haut in glücklichen Phasen ersetzt haben, um sie herum ein schützendes Vorfeld bilden. Die Bücher sind nur Metaphern für den Körper. Aber in Krisenzeiten ist das Papier für das Gesetz nicht mehr ausreichend, so daß dieses sich erneut auf dem Körper abzeichnet.

In: Certeau, Michel de. – Kunst des Handelns / Michel de Certeau ; aus dem Franz. übers. von Ronald Voullié. – Berlin[-West] : Merve Verlag, 1988. S.254f.