W. selbst

(B10 zu M10)

Fernsehen? Die Projektbegleiter machen das auch so. Die Projektleiter machen das nicht aus einer Langeweile heraus. Dahinter steckt ein konkretes Kalkül und nicht etwa Selbstlosigkeit, wie man uns denken machen will. In den Fokus stellt sich die Verwaltung des Selbst. Die grossen Posen, die es zu einem Anderen machen. Diese Verwaltung ist AUFGABE. Es wird an einer Stückelung der Zeit gearbeitet. An einer Stückelung in maximal kleine Einheiten. Man bevorzugt das Modell der Intervallschachtelung. Gedacht wird, vermutet W., an eine äusserste Auslagerung des Eigenen in ein Zurverfügungstehendes. Das Zurverfügungstehende muss weitmöglichst dem Anderen, das man noch nicht selbst ist, übergestülpt werden. So wird da gedacht, bilanziert W. Das andere wird immer weniger. Schwieriger wird es auch weiterhin, das Selbst in immer kürzeren Einheiten zu denken. Die Räume werden eng. Wer kann sich vorstellen, in immer kleineren Etappen bei sich zu sein. Doch nur Projektleiter, mutmasst W. nicht ohne noch einmal nachzuschenken.

Und die Projektplaner. Und die Projektbegleiter. Oftmals ein und dieselbe Personengruppe. Oftmals ein und dieselbe Person. Oftmals, nein immer, in gewissem Sinne, die Gruppe eine Person, die sich durch den ganzen Körper gezogen hat. Schaut man auf so ein Projektreferentenleben, denkt er: was für ein Projektreferentenleben? Oder: Projektplanerleben. Denkt er unwillkürlich, muss man denken: Projektabschluss. Das Leben als eine Summe kürzester Momente zu begreifen. Eine Zigarette zu rauchen, um ein Beispiel zu nennen. Ein mittlerweile verpöntes Beispiel, aber seis drum. Ein Beispiel, das in einem bestimmten Ausland unbedingt würde wegretuschiert werden müssen wie ein halbmillimetergrosser Knabenskulpturpenis in einem Kinderbuch. In dem Anderen. Dieses als: eine Allegorie eines sehr kurzen Moments. Ausdrücken! Man hat das selbst in der Hand. Hier: hat man das Selbst in der Hand. Gedankenverloren. Die Schwaden. Die verpufften Energien. Die rauchgewordene Lebenszeit versus ewiger Nebel. Versus all der Nebel auf den Bergkämmen, die zu betrachten: in einem kurzen Moment auf einer Terasse. Auf einem Balkon. Südlage. Südblick. Süden, seufzt W. Möchte man das wirklich?

Der Hungernde

(M52)

Das ist ja das Merkmal jenes “Bruches”, von dem Jedermann als von dem Urleiden der modernen Cultur zu reden pflegt, dass der theoretische Mensch vor seinen Consequenzen erschrickt und unbefriedigt es nicht mehr wagt sich dem furchtbaren Eisstrome des Daseins anzuvertrauen: ängstlich läuft er am Ufer auf und ab. Er will nichts mehr ganz haben, ganz auch mit aller der natürlichen Grausamkeit der Dinge. Soweit hat ihn das optimistische Betrachten verzärtelt. Dazu fühlt er, wie eine Cultur, die auf dem Princip der Wissenschaft aufgebaut ist, zu Grunde gehen muss, wenn sie anfängt, unlogisch zu werden d.h. vor ihren Consequenzen zurück zu fliehen. Unsere Kunst offenbart diese allgemeine Noth: umsonst dass man sich an alle grossen productiven Perioden und Naturen imitatorisch anlehnt, umsonst dass man die ganze “Weltlitteratur” zum Troste des modernen Menschen um ihn versammelt und ihn mitten unter die Kunststile und Künstler aller Zeiten hinstellt, damit er ihnen, wie Adam den Thieren, einen Namen gebe: er bleibt doch der ewig Hungernde, der “Kritiker” ohne Lust und Kraft, der alexandrinische Mensch, der im Grunde Bibliothekar und Corrector ist und an Bücherstaub und Druckfehlern elend erblindet.

Aus: Friedrich Wilhelm Nietzsche, Die Geburt der Tragödie, Kap.18

Durchs naturhysterische Museum

(E7)

Warum grünen die Bäume so saftig, zwängen sich durch die Bögen, blinzeln zurück, neugierig, wedeln mit hölzernen Schlingen? Warum spiegeln sich Jahreszeiten, achsensymmetrisch oder drehen sich um ein geheimes Zentrum, um einhundertachtzig Grad? Gerade einmal so, dachte sich Benedikt, als er in die Laube eintauchte. Und die Arkadensteine: die grauen Blöcke gewinnen an Oberfläche, schleudern Himmel in ungewohnte Ecken und beschallen, entschatten beiläufige Hotels mit eiligen Menschen, Portiers in einladenden Kostümen nehmen ein paar Koffer in Empfang und nicken dem Vorbeischwebenden zu, wie Benedikt registrierte. Und das kleine Parkcafé, zu Unzeiten bestuhlt, füllte sich mit plappernder Masse, die sich die Lippen mit Milchschaum verzierte, dazu das nun weniger geplärrte Frühlingslocken des Federviehs, das sich gierig um Streuselkuchenreste balgte, Teichententauchen, wohligwarmes Wasser wahrscheinlich, binnen Augenblicken, Hitze, feuchte Hände, Achseln, des ungewöhnlichen Klimas oder der einigen Kilos wegen, deren Schwere aber nicht weiter ins Gewicht fielen, fragte sich Benedikt.

Selbst den verlotterten Damen am Strassenstrich war er wohlgesonnen und beschleunigte nicht, sondern tanzte seitlich an ihnen vorüber, grüsste die gesichtslosen Mütter auf einem Spielplatz ganz in der Nähe, schob Förmchen zurück in den Sand, liess sich beschnüffeln von einem herrenlosen Hund, das vorher Gekotete weitgehend ignorierend.

Etwas war anders, aber Benedikt noch nicht bereit diesem Zustand einen Namen zu geben, obwohl er ihn doch einigermassen genoss. Insgeheim wusste Benedikt natürlich, was geschehen war, aber das war nichts Neues, das heisst: das Sogeschehene war ihm vertraut und konnte etwas bedeuten oder auch nicht.

Schon die Wahrscheinlichkeit der Bedeutungsfähigkeit des Ereignisses zu berechnen, unterliess er aber, weil er dies desöfteren schon unternommen hatte, nie aber, ohne dieses Ergebnis wieder revidieren zu müssen.

Also blieb ihm: kein Name und auch nicht ein vager Anhaltspunkt, um nicht zu sagen: Beweis, dass hier etwas nicht ganz Geheures vorlag, das dieses noch Namenlose einmal charakterisieren könnte, und das war nicht viel.

Es blieb also bei diesem Gefühl, ein Wort, das Benedikt nicht besonders schätzte, und auch nicht das, was es mehrheitlich zu bezeichnen meinte, aber er beschloss, es dennoch irgendwie positiv zu akzeptieren.

Wenn, ja wenn es nicht weiter seine Arbeit behinderte, denn diese fortzusetzen und abzuschliessen, so schärfte er sich ein, hatte im Moment oberste Priorität, bis er sich wieder einmal etwas anderem zuwenden wollte. Und das sollte noch warten können.

Da gab es noch Einkäufe zu tätigen. Obwohl seine materielle Versorgtheit für einige Jahre abgesichert schien, entsagte sich Benedikt den Griff ins Feinkostregal, ja überhaupt: die Besorgung ökologisch wertvollerer Produkte der Marke „naturaplan“, um hier und da einen Rappen zu sparen. Gewohnheit? Sozialisierung? Vielleicht, und Benedikt gedachte einen Moment seines gotthabihnseligen Vaters, der auch immer nur Instantkaffee aus der untersten Abteilung getrunken hatte, aus denselben Gründen vielleicht, weil dessen Vater, Kriegsgeneration, Russland undsoweiter … er also dieses Vaterverhalten nicht abschütteln konnte, jener wie dieser.

Aber er machte Ausnahmen: Da waren diese leckeren Nüsschen in indischer Gewürzkruste, vakuumverpackt in einer Aluminiumdose, die auch gut als Aschenbecher taugte: bei diesen musste er immer zugreifen. Und bei den Tütensuppen machte er eine Ausnahme und kaufte sich immer einen mittelgrossen Vorrat einer höherpreisigen Sorte. Einer, bei der im nicht immer schlecht wurde.

Und an der Kasse, zusätzlich: zwei Päckchen „Parisienne orange soft“, denn er war vor kurzem auf Leichtzigaretten umgestiegen. Die Verkäuferin kannte diesen letzten Wunsch am Band schon und liess, wenn er mit seinem schütterbestückten Wagen in der Schlange auftauchte, sogleich die automatische Zigarettenorgel herunter.

Heute schwenkte Benedikt noch einmal aus. Hatte er etwas vergessen? Sicher war diese Ungewissheit mit diesem Gefühl in Zusammenhang zu bringen, das er aber auch nicht hier weiter analysieren wollte. Ah ja, verrückte Idee, er hatte einen mächtigen Appetit auf ein Eis und schob noch einmal zurück zu den Gefriertruhen, einer bunten Eiswand, vor der er zunächst nicht in der Lage war, irgendetwas auszuwählen, weil das kollektive Farbgeschrei die Trennschärfe der einzelnen Produkte unterlief.

Einen Waldmeisterfinger. Wie lange hatte er den nicht gegessen? Er war erstaunt, dass es dieses Eis immer noch gab, erstaunt auch, dass er es noch wiedererkannt hatte in diesem Gemetzel und stellte dann fest, dass an ihm verpackungsmässig die Zeit scheinbar spurlos vorübergegangen war. Nur in der Preisklasse wurde nach oben angepasst, wie er sich nun erinnerte, aber das war ihm heute egal, denn: da war dieses Gefühl, das alle weiteren Kriterien verdrängen konnte, und er griff zu.

Mit dieser Wahl hatte er die Kassiererin etwas aus der Fassung gebracht, zumindest kam sie kurz ins stocken, als sie das Eis über den Scanner zog. Sie blickte ihm tief und verschwörerisch in die Augen, dachte Benedikt. Dann wurde alles andere wieder zur Nebensache.

Vielleicht hatte dieses Gefühl aber doch auch nur mit dem etwas ungewohnten Wetter zu tun, das ihn und seine Umgebung in einen durch und durch hormonellen Zustand beförderte, wie er nun überlegte. Das wäre gut, denn auf Sonnenschein folgte bekanntlich Regen, und dieser war wiederum gut für den Rasen, wie sein gotthabihnseliger Vater immer zu sagen pflegte, wenn ihm nichts weiter dazu einfiel, erinnerte sich Benedikt, als er den Schlüssel ins Schloss schob.

Wo war er stehengeblieben? Ah, richtig: Vor seinem Schreibtisch. Benedikt packte seine beiden Plastiktüten aus und vergewisserte sich noch einmal. Mit Anna war er jeden einzelnen Titel durchgegangen und die Richtigkeit dieser Herausgabe stand völlig ausser Zweifel, aber dennoch hoffte es in ihm irgendwo, dass es noch etwas zu beanstanden gab. Gab es aber nicht, und er wurde wieder zurückgeworfen in die Rolle des Entscheiders: was primär werden sollte aus dem Bereich des Sekundären, überhaupt: was nun, aber das hatte man ja schon einmal, wie ihm jetzt einfiel, zuerst begutachtet werden würde, also fasste Benedikt sich schnell und griff – dieses Mal mit geschlossenen Augen und nachdem von ihm ordentlich gemischt worden war – zu.

Weiter unten wollte er sich Notizen machen, denn genau diese Fragen, wenn nicht sogar diese Fragestellungen mussten dokumentiert und verfolgt werden. Und er versuchte sich Fragen zu stellen und bekam sich nicht gefragt. Und verwarf, eine Frage zu stellen, denn bald hätte er sich auch mit nur ein paar wenigen Wörtern begnügt. Ohne Fragezeichen. Die Passagen betreffend, beispielsweise, und ihre Korrespondenz mit den „kargen Leben“. Es wollte keine Frage werden, nicht einmal ein halber Satz. Nicht einmal eine Halbsatzhälfte. Und dies alles mit Leibniz zu verknüpfen. Etwa eine Leibnizthese darin zu finden, war ihm im Moment unmöglich. Schliesslich handelte es sich hierbei um eine Grossthese, die gar nicht daran dachte, in etwas allzu Konkretes überführt werden zu wollen. Benedikt hielt in diesem Moment inne, denn er fühlte sich plötzlich sehr seltsam, fühlte sich – er wusste gar nicht wie anders zu beschreiben – als einfach nur: hier. Für ihn noch abseitiger: er hatte plötzlich ein ganz präzise Lust auf den Waldmeisterfinger, den er auch alsbald öffnete.