Auch das ist Größe

Auch das ist Größe bei den Gerechten

Sie können ermessen wie klein wir sind

     wie nichtig in wuchernden Wichtigkeiten

Wo Menschen nur höhere Ziele verfechten

Da zeigt sich erst wie gemein wir sind

     wie falsch in all unsern Richtigkeiten

(Wolf Biermann, Heimat, S.82, 2006)

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Öffnen, rekonstruieren

(M50)

Wie Gessner seine bibliotheca universalis intendiert Fries sein Werk (d.i. Bibliotheca philosophorum, h.a.) als offene Form: Im weiteren Verlauf der Vorrede verspricht er, er wolle zugeben, wenn er sich über chronologische Zuschreibungen unsicher sei, um Sachkundige dadurch zu veranlassen, ihn auf Verbesserungen hinzuweisen; diese wolle er dann mit namentlicher Nennung der res publica litteraria bekannt machen. Bemerkenswert ist hieran zweierlei: Erstens bezieht sich die Offenheit der Form anders als bei Gessner, entsprechend der veränderten Intention des Werkes, nicht auch auf die vorauszusehende weitere Textproduktion der Zukunft, sondern ausschließlich auf die Rekonstruktion der Vergangenheit. Fries’ Projekt ist mithin von Fischarts Kritik an Gessner nicht betroffen: Die Vergangenheit ist theoretisch vollständig rekonstruierbar, wenn man wie Fries einen zeitlichen Grenzpunkt markiert. Zweitens benennt Fries an dieser Stelle explizit den Adressatenkreis seines Werkes: Es ist die internationale Gelehrtenwelt, und zwar insbesondere die nachfolgenden Generationen.

Aus:  Werle, Dirk. – Copia librorum : Problemgeschichte imaginierter Bibliotheken 1580 – 1630 / Dirk Werle. – Tübingen : Max Niemeyer Verlag, 2007. S.205

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sollten sie sich vielleicht wundern, dass hier in jüngster zeit nur so wenige kommentare eingegeben werden: meine stammleserin ist gerade im urlaub …

Der zweitsonderbarste Fall von der Welt

(B09 zu M09)

Einige Jahre später wird sich auch ein Sohn Goethes aus einer nicht weiter genannten Verbindung gegen seinen Erzeuger wenden. Er wird ein Pamphlet schreiben mit obigem Titel und damit seinen Alten Herrn sehr traurig stimmen. So ist die Pubertät!, wird dieser dann sagen. Einen Nichtsnutz wird ihn Goethe wenig später nennen, allerdings doch ein wenig gerührt, von seiner Schreibkraft, von der Schärfe und aufkeimenden Brillanz seines illegitimen Ablegers, den er daraufhin nur noch eine kurze Zeitspanne aushalten wird. In „Über das nichtstuende Nichtstun“, einem Kapitel dieser Sudelschrift, wie sie Goethe auch einmal nennen wird, kann sein Autor doch dergestalt Argumente anführen, die Goethes Idee eines nützlich-zweckfreien Schreibens zumindest für einige zweifelhaft machen wird.

Noch mehr entrüsten wird es Goethe allerdings, dass er kein Kapital aus seinen Anlagen schöpfen wird. Dass das so erscheinende, schmale Heftchen, das nur unter der Hand und in geheimen Kreisen zu zirkulieren beginnen wird, das letzte sein soll, was von ihm erscheinen und er tatsächlich seine Theorie in die Praxis umsetzen und von heute auf morgen kein einziges Wort an das andere reihen wird. Der Junge wird verstummen, bald ausreissen und dann nicht mehr gesehen werden.

Möglicherweise wird dem alten Mann so das Herz gebrochen werden, dass er gar nicht mehr anders kann, als melancholische Gedichte zu schreiben oder auch, seine Kritiker werden lange nicht verstehen werden, sich ins Allegorische zu stürzen.

Eines Tages aber wird ihn das Gerücht erreichen, man habe ihn – seinen Sohn – in einer Vorstadtbibliothek Genuas gesehen. Wie gross wird da Goethes Freude sein? So gross doch mindestens, dass er auf die Frage, was man denn tun solle, wieder sagen wird: „es ist gar nichts zu tun, als dass man tut“. Dann wird er friedlich einschlafen, was man dann vielleicht so überliefert.

Räume, Harmonien, Konfusionen

(M49)

Ich versuchte es, entwarf den Grundriß nach den Angaben meines Meisters und stieß einen Freudenschrei aus. »Jetzt wissen wir alles! Laßt mich einmal zählen . . . Ja, die Bibliothek hat sechsundfünfzig Räume, vier siebeneckige und zweiundfünfzig mehr oder minder quadratische, von denen acht fensterlos sind, während achtundzwanzig nach außen gehen und sechzehn nach innen!«

»Und die vier Ecktürme haben jeder fünf Räume mit vier Wänden und einen mit sieben . . . Die ganze Anlage folgt einer himmlischen Harmonie, der sich vielerlei tiefe und wundersame Bedeutungen zuordnen lassen . . .«

»Großartig, wie Ihr das herausgefunden habt«, sagte ich bewundernd. »Aber warum ist es dann so schwer, sich darin zu orientieren?«

»Weil die Anordnung der Durchgänge keinerlei mathematischem Gesetz entspricht. Manche Räume gestatten den Durchgang zu mehreren anderen, manche nur zu einem, und vielleicht gibt es sogar welche, die gänzlich verschlossen sind. Wenn du das bedenkst, das und den Mangel an Licht und die Unmöglichkeit, sich am Sonnenstand zu orientieren (und dazu die Spiegel und die Visionen), dann begreifst du leicht, warum das Labyrinth imstande ist, jeden Eindringling zu verwirren, der es mit Schuldgefühlen betritt. Selbst wir waren gestern nacht ja ziemlich verzweifelt, als wir den Ausgang nicht fanden. Ein Höchstmaß an Konfusion durch ein Höchstmaß an Ordnung: wahrlich ein raffiniertes Kalkül. Die Erbauer der Bibliothek waren große Meister!«

Aus: Umberto Eco, Der Name der Rose. München, 1982. S. 136