werkschau 03 – der berner salon

morgen noch nichts vor? besuchen sie „werkschau – der berner salon“

samstag, 1. september 2007
stelldichein-bar: ab 16h
programm: ab 19h
wo: salon westrich, bahnstrasse 22, 3008 bern

moderation: brischitt la maire

mit beiträgen von: alexander egger, gizzi flaubert, thomas blaser, caroline schenk, luis valdivieso ragazzone, bernhard nick / irene kräutler, eveline blum, brigitte meier / christoph mühletaler / christian schönholzer („les lutins“, pixies-kammermusik), luciana cignola, hartmut abendschein („edition taberna kritika“), daniel henseler, markus a. hediger. michael perkampus, rittiner & gomez, undundund

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Chloride

(E11)

Seine Haut war immer noch aufgedunsen. Besonders die Faltenwürfe der Fingerkuppen widerstanden der Ausbeulung der Zeit, der Teint, illuster, rote Flecken wichen nur langsam dem edelkranken Grundzustand in weiss und weich, die Poren noch geweitet, wie er bei schwachem Licht erkennen konnte im Rückspiegel eines geparkten Autos am Ende seiner Strasse. Die rollte Benedikt weiter von hinten auf.

Die Wadenkrämpfe, die er kurz nach dem Ausstieg aus dem Thermalbecken bekommen hatte und nur mithilfe eines herbeigeeilten Bademeisterassistenten unter Kontrolle gebracht werden konnten, waren augenblicklich mit einer hohen Magnesiumdosis zu bekämpfen. War das Wasser noch sein Element?

Die Strecke, die er früher einmal noch spielend zurücklegen konnte, ja, die er gerade einmal zur Aufwärmung genommen hatte, bereitete ihm heute – nach so langer Zeit körperlicher Passivität – grösste Schwierigkeiten, und geblieben war nur die Hartnäckigkeit sein vordefiniertes Minimalziel zu erreichen. Mit diesen Konsequenzen. Der Fehler dann: sich sofort ins überheisse Brausewasser zu begeben. Anfängerfehler. Benedikt war klar, dass er beim nächsten Mal, wenn es überhaupt ein solches gab, so eine überdrehte Sache gemächlicher anzugehen hatte. Verschwommen dagegen: sein gerade noch, wie er einschätzte, genialischer Vergleich, oder besser: die Assoziation, ein Schwimmbad, seine unterschiedlich grossen und funktional divergierenden Becken, seine Umkleidekabinen, Passagen, Ein- und Ausgänge, Ein- und Ausstiege, Schichten, Nasszellen, Verbindungen, kurzum: die ganze Aussen- und Innenstruktur ins feste und ephemere Gebäude einer Bibliothek zu übersetzen.

Im Whirlpool hatte er noch für jeden Ort, da wie dort eine Entsprechung gefunden, und besonders sein Hauptmedium: Wasser – schien sich von dort in dieses als wirklich geschmeidige Metapher zu transferieren. Mit der spezifischen Zugabe, augenrötende Essenzen, auch für diese hatte er ein passendes Pendant gefunden.

Theoretisch war ihm das eine wie das andere – gemeinsamer Nenner – Heterotopie, Spielplatz entkleideter Gedanken, beweglicher, fast schwerkraftloser Modelle in lockerem Medium, undsoweiter.

Wie gerne hätte er das alles festgehalten, was ihm da durch den Kopf geflossen war, aber Papier und Wasser, das weiss jedes Kind: Erzfeinde, und je schneller er seine Schreibstube ansteuerte, umso mehr schien sich das, was sich da unter dem Druck massierender Düsen gebildet hatte, wieder zu verflüchtigen.

Die endlose Strasse. In Sichtweite seiner Haustüre waren Vorplatz und umschliessendes Heckengelände schon fast eingedunkelt, nur noch trübe Verklumpungen, die der vollautomatischen, bewegungsempfindlichen Hauszugangslampe Grund zu strahlen gab – just in diesem Moment.

Die helle Aussendung wies aber nicht nur in diesem Moment die restliche Trennschärfe der Umgebung zurück, sondern gab auch noch die Konturen von etwas anderem frei: über drei Stufen gefläzt lag dort ein Körper, der schnell darauf zu vibrieren begann, was Benedikt dazu brachte, innezuhalten.

Immer feinere Umrisse zeichneten sich ab, bald war ein Rock zu erahnen, bald festes Schuhwerk, das nun Halt suchte und gleich darauf dem sich erhebenden Rest unterstand. Aus einem dunkelblauen Mantel ragte oben der Kopf Annas, wie Benedikt nun endgültig an der Pagenfrisur ausmachen konnte. Nieselregen setzte wieder ein, und das Gebüsch: erneut in Stimmung zu plaudern. Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen, begrüsste ihn Anna.

Dabei rang sie immer noch um Luft, als Benedikt sie hereinbat. Eben war sie erst angekommen, behauptete sie, und wollte auch gleich wieder weiter. Auch war sie rein zufällig in dieser Gegend, wie sie sagte: Ich war nicht sicher, ob du da bist.

Sind wir also schon beim Du?, fragte sich Benedikt. Das ging ihm doch alles etwas schnell, aber er unternahm nichts gegen diese weitere Vereinnahmung, nahm ihr stattdessen den Mantel ab und klopfte diesem den Sprühregen von der Schulter. Dann warf er ihn über einen Küchenstuhl.

Hast du meinen Brief erhalten? Benedikt zog entschuldigend die Achseln nach oben. Er hatte noch keine Möglichkeit gehabt, seinen Briefkasten zu leeren. Fürchtete sich auch ein wenig davor, denn immer befand sich darin alles, nur nichts von Belang. Was ihn immer sehr ärgerte, und diesbezüglicher Verärgerung stets zu befürchten. Froh war er, wenn sich darin immer nichts oder fast nichts befand, und eigentlich sollte sich darin auch immer fast nichts befinden, nach den unmissverständlichen Anweisungen, die er an die Zulieferungsindustrie richtete, die diese aber immer wieder aufs Neue geschickt uminterpretierten, um seine Fach weiter und ungestrafterweise zurotzen zu können. Also ärgerte er sich nur noch alle paar Tage.

Ich habe noch nicht nachgeschaut, antwortete Benedikt also, und fügte hinzu, dass er den ganzen Tag unterwegs gewesen sei. Als er mit seiner Aversion gegen Briefkastenspam nachlegen wollte, unterbrach ihn Anna, wie schade das doch sei, denn sie hatte ihm darin Wichtiges mitgeteilt.

Benedikt war nicht eingerichtet, Gäste zu empfangen. Aber Anna war sehr zufrieden mit dem Vorhandenen, freute sich über kühles Sparbier und sogar den alten Jägermeister, von dem sich Benedikt nach vielfachen Erwägungen doch nicht getrennt hatte bei seinem Umzug, wie sich herausstellte. Mit viel Eis und etwas Zitronensaftkonzentrat war die braune Brühe sogar durchaus geniessbar. Lecker, schmatzte Anna, dann schoben sich wieder Sorgen in ihr Lächeln.

Sie waren auch schon in ihrer Wohnung, legte Anna unvermittelt los. Sie gaben sich grösstmögliche Mühe, nicht bemerkt zu werden, hatten aber ihren Scharfsinn und ihre Aufmerksamkeit unterschätzt, sprach sie weiter. Wer, unterbrach sie Benedikt, von wem spreche sie da? Anna blickte zur Wand und spielte am Verschluss einer Bierdose. Ich spreche von den Leuten, die immer wieder versuchen, mich von meiner Arbeit abzuhalten, die mich behindern! Benedikt wurde nun etwas ungehalten. Er hatte genug Erfahrungen von Annas Ausweichmanövern gesammelt und wollte: Jetzt aber bitte Fleisch an die Dinge. Wer bitteschön sind diese Leute? Von wem sprichst du da die ganze Zeit? Sind es Kollegen von dir? Polizei? Hast du Feinde? Warum?

Anna war den Tränen nahe. Du glaubst mir also nicht? Wenn sie es nicht selbst besser wüsste … aber … nein … das war unmöglich … Sie hatte das Gefühl, sie habe das alles schon einmal erlebt … was heisst erlebt? … zumindest gelesen! Anna machte die Flasche leer und gab noch drei Eiswürfel hinzu. Den Rest des Gläschens füllte sie mit Zitronensaft auf, sodass das Getränk die Farbe eines abgestandenen Eiskaffees annahm. Vitamine, kommentierte sie ihre Aktion trocken. Immer gut: Vitamine.

Obwohl Benedikt fest entschlossen war, nicht aufzugeben und nun endlich mehr über ihre Verfolger oder ihre Verfolgung, an die er schon fast nicht mehr glauben konnte, herauszubekommen, probierte er es, angesichts ihres Zustandes mit Güte und fügte dem wiederum nur ein neutrales: Soso hinzu, das – ohne aber intendiert worden zu sein – doch eine ordentliche Portion Mitleid enthielt.

Anna hatte das herausgehört und fasste sich wieder. Hast du zufällig die Zeitung vom letzten Samstag da? Muss ich mal nachschauen, antwortete Benedikt und war schon auf halber Strecke zu einem Altpapierstapel, der gleich neben dem Kühlschrank seinen Platz gefunden hatte. Sie wollte ihm etwas zeigen, das für sich selbst spräche.

Der Stapel wuchs dort fast ungelesen zu einem wilden Haufen, durchsetzt mit Inseratemagazinen und Gratiszeitungen, und eine gezielte Suche gestaltete sich sehr schwierig und auch das Vorhaben, obwohl die Anhäufung numerus currens, dozierte Benedikt, dort zum besagten Zeitpunkt zu gelangen, ohne dass das peinliche Konstrukt in sich zusammenbrach.

Als er sich immer mehr dem Wochenende näherte und Fündigkeit zumindest in greifbare Nähe gerückt war, hörte er ein schematisches Hupen, gefolgt vom Signal des Lichtbewegungsmelders.

Das muss für mich sein. Anna sprang auf und zerrte ihren Mantel vom Stuhl. Eine Freundin Die wollte sie abholen. Unbeweglicher Benedikt: in der Hocke gelähmt, spürte er eine langsame aber eindringlich zunehmende Verkrampfung seines Oberschenkels, die im Moment der Entlastung gegenwertig seine Wade befiel. Nur mit äusserster Anstrengung fand er eine Position, die beide Schmerzherde gleichzeitig entlasten und Auflösen konnte. Und noch anstrengender fand er es, von seinem Schmerz und seiner Schwäche abzulenken und so zu tun, als könnte seine Konzentration vor dem Zeitungshaufen kein Wässerchen trüben. Als Anna sich an ihm vorbeischob, sich bedankte und ihm einem flüchtigen Kuss an die Wange hauchte, konnte er sein Gesicht nur zu einem halbidiotischen Grinsen entstellen, wie es ihm vorkam. Etwas Regenwasser blieb zurück an dem Stuhl, als sie ging, und er zog sich an ihm hoch um sich bald darauf wieder zu Boden zu werfen, sich flach abzulegen und mit aller Kraft seine Beine gegen die Wand zu drücken.

Nach einiger Zeit, die sich wie Stunden gebärdete, hatte das Blut wieder seine natürliche Viskosität erreicht und seine Gesamtkonstitution war einigermassen passabel, sodass er sich auf seine Beine verlassen konnte und zum Briefkasten humpelte. Fast hätte er darauf gewettet: es befand sich nichts darin bis auf eine Broschur, die zu einem Besuch eines abschüssigen Gartencenters einlud. Keine Hinweise, auf einen Brief. Kein Garnichts, das ihm die jüngste Erscheinung erklärte. Blieben ihm nur die vermischten Meldungen eines Samstags einer alten Zeitung.

Kleines Miesmacherlied

Hilft nichts

Hilft nichts

Hilft dir nichts

Bist du Mensch

Bist du einmal nur Mensch

Bist du immer ein Mensch

Hilft dir gar nichts

Auch acht Wochen später nicht

Dunkel noch immer kein Licht

Ändert nichts sich und nicht

Auch nicht eines der noch

Zu skizzierenden1

Wahnsinnsgemälde der

Ungleichung Ich

Sind bunt und enthaltsame Leiden

Die singst du dir schön

Bleiben stehen im Konjunktiv

Blüten im Konjunktiv

Sind es die achso

Geliebten weil

Passiven Gäste

Und schau mal die Zecken

Schau noch einmal

In feuchten Falten

In Fussnoten

Zwanghafte Störungen2

Oberarmabwärts zwei

Stimmen im Dreieck

Der Mann ohne Rückseite

Geht bald auf Reisen

Zum Ende der Laichzeit

Phil Collins John Elton3

Und und undsoweiter

Beim Zahnarzt zum Abschluss

A cheekful of sorrows

Ein Mangel zieht an dir vorbei

Kann nichts machen

Die Texte beklagen ihr Schweigen

Versuchst dus dagegen mit

Sprachen gerechterer Bibeln

Willst dich abseits stellen

Steht da immer einer

Hilft nichts

Hilft nichts

Hilft dir nichts

Bist du Mensch

Bist du einmal nur Mensch

Bist du immer ein Mensch

Undsoweiter

______________________

1 zur diachronie / synchronie in digitaler umgebung: digitale innovationen vermögen bildinformationen seriell, d.h. diachron darzustellen. wann aber wird es möglich sein, bspw. einen roman “synchron” abzubilden? wann gibt es den “roman auf einen blick” – einen text mit einem gewissen umfang konventioneller zeichen, der sich aus seiner verdichtung während nur eines bruchteils einer sekunde entwickelt? heisst dann wohl: entlädt. zumindest vorstellbar eher noch näherungsweise bei einem gedicht. doch die frage enthält eine undichte stelle. der zeitbegriff ist aufgetaucht. damit wird das ganze natürlich hinfällig. hilft also nichts.

2 z.b.: anankastische (zwanghafte) persönlichkeitsstörung. mindestens drei der folgenden eigenschaften oder verhaltensweisen müssen vorliegen: 1. übermässiger zweifel und vorsicht, 2. ständige beschäftigung mit details, regeln, listen, ordnung, organisation und planen, 3. perfektionismus, der die fertigstellung von aufgaben behindert, 4. überzogene gewissenhaftigkeit, skrupelhaftigkeit und unverhältnismässige leistungsbezogenheit unter vernachlässigung von vergnügen und zwischenmenschlichen beziehungen, 5. übermässige pedanterie und befolgung von konventionen, 6. rigidität und eigensinn, 7. unbegründetes bestehen auf unterordnung anderer unter eigene gewohnheiten oder unbegründetes zögern, aufgaben zu delegieren, 8. andrängen beharrlicher und unerwünschter gedanken oder impulse (quelle: wikipedia)

3 ungelogen! so, oder in einer anderen reihenfolge …

Atmet er noch?

(B16 zu M16)

Denke ich mir die Welt zuende, zurecht, denkt sie sich, blickt durch die Füsse, das Regalende, die Streben, Verschraubungen im Visier, die Dübel, von Spiralen penetrierte, wieder zurück in die eigene Rahmung, verschiebe ich, verrücke ich sie innerhalb lotbarer Grenzen, ist sie Welt. Bediene ich mich daran, ist sie freizügig, lese aus ihren Reihen, Verwandte, Freunde, umarme ich den, der da neben mir schnarcht, schlafen kann trotz der vordämmrigen Helle, ist er mehr oder weniger als das, was er ist: Mensch.

Und sein unkluger Spruch auf den er beharrte: einmal Mensch, immer Mensch – ihr jetzt noch viel widerwärtiger, weil noch präzisionsloser nach seiner Bewegung. Ist er vielleicht Mensch, aber nicht nur. In diesem Spiegel. Ist er auch Einzelteil seiner Summe. Pars pro toto. Weiter: Zentrum seines Fortsatzes. Seine Körperverlängerung. Ist er: Buch. Sie beschliesst diese Strecke “Nachruf” zu nennen, formt: “War nicht nur Mensch, sondern auch Buch”. War manchmal in erster Linie Buch, mit etwas Mensch dran. War Papier und eigener Umschlag. Manchmal hart und manchmal dehn- und biegbar weich.

Rückschau: In solchen Momenten ist sie immer selbst Papier geworden. Gegenpapier. Unterlage, wie alles andere auch, alle anderen, die da rechts und links von ihm standen. Sein Schnarchen wird leiser, verstockt sich, Unregelmässigkeiten, etwas gelbliche Flüssigkeit tritt zum Mundwinkel aus. Waren wir eingezwängt, Seite an Seite, unsere Vorne und Hinten undurchlässig und der Druck mit den Jahren: zunehmend. Keilung. Sein Kopf dreht sich zur Seite, wendet sich von ihr ab, herrenlos, die Augäpfel zittern unter den Lidern. Waren Hüllungen, in uns tanzendes Chaos, Schwärze, Vor- und Zurückweisungen. Wurden immer elementarer. Auch Bücher können sich auseinanderleben. Können sich überholen. Gemeinsam, wie für sich. Lieber Getrenntlebendes sein, denkt sie sich. Am Ende für sich stehen mit der freien Sicht auf die Aussen, Vorne und Hinten, ganz hinten und das Äusserste, das man immer noch hat, resümmiert sie, und er lässt still von seinem Atem los.

We are open: edition taberna kritika

die edition taberna kritika ist im umfeld der weblog- und netzliteratur entstanden. während jedoch die „digitale bohème“ sich langsam in angesagten clubs warmtanzt, bringen wir unsere kinder ins bett, schalten die nachttischlampe ein und blättern in einem buch. diesem umstand und dem glauben daran, dass manche texte zu einer finalen und somit gedruckten version tendieren, trägt die etk rechnung.

auf den seiten der etk erhalten sie die jüngst erschienenen titel „urban studies“ und „Enzyklopädie der ungeraden Dinge (EuD)“ sowie hinweise zu anderen publikationen und geplanten produktionen, die auch unter diesem label vertrieben werden.

einige der titel sind über den buchhandel erhältlich. es werden allerdings auch immer wieder bücher in kleinauflagen angeboten, die nur exklusiv über den verlag bzw. die druckerei erhältlich sind.

details zu den titeln sowie deren bestell- und lieferbarkeit entnehmen sie bitte der editionsseite …

bitte beachten sie weiter: das lieferbare programm der etk wird auch am 1. september an der werkschau #3 präsentiert werden.