Einträufeln, puffern

(E18)

Wo war zu suchen? Wo die Orte, wohin die Woge zu stellender Fragen? Wo sonst, wenn nicht hier an der Quelle, die sich jetzt und für immer für ihn verschlossen hatte? In diesem Städtchen, das sich selbst als Mutter jenes Raums gebärdete, als Makro, als duplizierte, überbordende Struktur seines einigen Horts. Gefühlsmässig, dachte Benedikt, und weiter: „Hausverbot!“ Und: „Hier gibt es keine Anna Soundso.“ „Hat es nie gegeben.“ Lügner! Löscher! Verbrecher!, hatte Benedikt geschrieen, als er nach dem peinlichen Verhör und der Preisgabe seiner Identität vor die Türe befördert wurde.

Die Raucher um den Pot hatten für einmal geschwiegen und ihr Kondensat vollständig gefrühstückt. Bedeutende Blicke wurden ausgetauscht, dann tuschelte es weiter. Dann eben nicht, trotzte Benedikt. Dann eben woanders, in Zukunft, dann eben dort, wo man sich nicht kennt, wo man unvoreingenommen auftrat, wo keine Machenschaften zu schaffen machten. Er würde sich, so einfach war das heute, eine blitzschnelle Leitung besorgen und von nun an allen Dingen von zu Hause aus und mit der Kleinstzelligkeit elektronischer Datenpäckchen auf den Grund gehen. Er würde sich Namen geben, wie sie die Welt noch nicht gehört hatte, würde Rollen und Kostüme erproben und in deren Gewand ein Dasein führen, dort und dort, und auch dort, gleichzeitig und barrierefrei. Und ohne Reue, selbstverständlich. Er würde, ohne Vorbehalte, sein – wie er war. Er und … noch hatte er nicht ganz aufgegeben, Anna wiederzusehen und mit ihr, ihr gemeinsames Ding durchzuziehen. Auch, oder gerade deswegen war ihm nun sehr wahrscheinlich: Anna war es ähnlich ergangen. Gefeuert, gelöscht und aufgelöst – im besten Falle – aber noch irgendwo vorhanden, und hoffentlich zu sich gekommen. Irgendwo da draussen in technischer Umgebung. Are friends electric. Und irgendwo an einem kleinen Ort mit ein paar Wänden und einer Decke. Wo war nur die Spur?

Die Idiotenrennbahn hatte ihn bei dieser Analyse klammheimlich aufgesogen und ihn weiter in ihren Bann gezogen, ohne dass er aus ihr herauszusteuern wusste. Die kleinen Geschäfte unter den Arkaden – er kam sich vor wie ein Leser, der entlang einer grellbunten Buchreihe schweifte, die Schaufenster: lebendige Buchcover, die ihn förmlich ansprangen und ihn hineinziehen wollten in ihren Text, die mit ihren eigenen Mitteln um seine Aufmerksamkeit kämpften, und den andern ökonomischen Umständen, dass er auch noch sicher den einen vor den anderen Fuss zu setzen hatte und aufzupassen: dass ihn der Gegenstrom der glasgesichtigen Shopper nicht rücksichtslos niedertrampelte und zermalmte.

Schon fand er sich in einer Lederwarenhandlung wieder und ein freundlicher Mensch tat ihm kund: heute war sein Glückstag, und: heute war ein guter Tag für Leder. Und dass es ihn wundervoll kleiden würde, dass er eigentlich der geborene Ledermann war.

Benedikt hätte es ihm beinahe abgekauft, konnte sich aber noch rechtzeitig, bevor er in eine Reihe eleganter Jacken gestiegen wäre – dann hätte es für Jahre kein zurück gegeben, und dies auf Raten -, wieder auf seine eigentliche Mission besinnen und fragte nach Anna. Haben Sie dies Person gesehen? Nein? Ich habe leider kein Bild von ihr dabei, aber ich beschreibe Sie ihnen gerne. Sie sieht so aus, und so. Und manchmal auch so. Haben Sie nicht? Das ist schade. Danke. Ich werde mich weiter umhören.

Auch der Optiker, der ihm ein 1A-Brillengesicht attestierte, konnte ihm nicht weiterhelfen. Und nicht die Buchhändlerin, die in ihren Novitäten unterging, und nicht die Apothekerin, die nur das Gelbe in seinen Augen sah, und andere Symptome, die sofort zu behandeln waren. Im Restaurant „Harmonie“ hatte man seinetwegen einen Tisch reserviert, schüttelte man aber doch den Kopf auf die Beschreibung Annas. War nicht da, so eine Person, und: so könnte ja jeder aussehen, man sollte da einiges präziser beschreiben können. Präzision. Sie alle wissen nicht, oder geben vor nicht zu wissen, dachte sich Benedikt, und doch gab er nicht auf, liess sich hineinreissen woimmer man auf sein Erscheinen drängte, hörte sich geduldig die Preisungen hauseigener und exklusiver Dienstleistungen an und fokussierte danach sein Gegenzug aber immer zielgenau seiner Suche und Bestimmung zu. Im Modehaus unterband sich ein Gackern hinter versteinerten Mienen. Ein Schreibwarengeschäft bot an, eine Vermisstenanzeige aufzusetzen und zu kopieren, und eine Mobilfunk- und Kommunikationscenterfiliale wollte ihn gleich unter Vertrag nehmen. Immer erreichbar sein, versprach man ihm viele Male.

So hatte sich Benedikt langsam durchs enge Magazin der unteren Altstadt, über den ausladenderen Transportparkour der globalisierten Markenhändler hinauf zum Bahnhofvorplatz, oder dem, was dort einmal entstehen sollte, gerungen. Hatte sich einen Namen gemacht und einen anderen gestreut, sass bald mit leeren Händen auf einem Bänkchen und verfolgte das Donnern der Pressluftmaschinen, der systematischen Plättung des Areals.

Und bekam das Starren. Auf einmal der starre Blick und ein schon bekannter Reiz. Die Augen stellten ihr Tränen ein, schwer zu entscheiden, ob wegen zu wenig zugesprochenem Trost oder aus einer anderen Unterversorgung heraus, und: der Lidverschlussvorgang harzte. Das Öffnen der Augen, vielleicht auch, weil es soviel Staub gab in der Luft – gelang nur noch mit grösster Anstrengung. Hinzukommend: die Müdigkeit. Die Kraft der Maschinen und Arbeiter, bald muskelnde Masse, bald nur noch Pfeil und Verschiebung, bald Schraffur und System vieler ihm noch unbekannter Zeichen, die sich geisterhaft in Ordnung hielten, bald für ihn sinnvolle, experimentelle Textur. Der gesamte Bauplatz dann: reine, grobe, trockene, kalte, laute Lektüre, die ihn immer mehr zu fesseln wusste,

Ist Ihnen nicht wohl? Ist Ihnen nicht gut? Ihnen ist schwindlig. Darf ich Sie stützen? Geht es Ihnen besser? Ich helfe Ihnen gerne über die Strasse. Passen Sie auf! Die Gleise. Hier, nehmen Sie, essen Sie etwas, Sie sehen hungrig aus. Und nehmen Sie einen tüchtigen Schluck hiervon. Sind Sie sicher, dass Sie wieder alleine … Und nehmen Sie das.

Der Beamte der Heilsarmee hatte sich rührend um ihn gekümmert, auch wenn das gar nicht nötig war, entliess ihn mit einem Mandelbärli, das er für solche Fälle immer in der Tasche führte. Nur raus aus diesem Staub und Lärm, hat er gesagt, hier kippen die Leute reihenweise um, die zulange stehen blieben. Dürfen Sie nicht zulange hinschauen, hat er noch gesagt, trocknen die Augen ein, wenn man nicht spezielle Linsen trägt, hat er gesagt, und: Gehen Sie jetzt nach Hause. Ruhen Sie sich aus. Das wird schon wieder.

Mit diesen Worten wurde Benedikt entlassen und gewassert, wieder den Strom entlang – den Hirschengraben hinunter.

Vor dem Badezimmerspiegel, nachdem er sich die Kuchenreste aus den Bartstoppeln gebürstet hatte, träufelte er sich die Salzlösung, zu deren Anschaffung er sich in der Apotheke hatte überreden lassen, in die Augenaussenwinkel, und siehe da: die Rötung verschwand, das Klappen und Klimpern der Deckel verlief widerstandslos und was er zu erkennen vermochte, war ums andere wieder: was tatsächlich war. Auch war die Lösung von recht würzigen Geschmack. Sie nährte ihn und gab ihm neue Kraft.

Nach einem kleinen Schläfchen und einem dicken Espresso setzte sich Benedikt an seinen Arbeitstisch und bilanzierte. Anna hatte er nicht gefunden, auch wenn er unkonventionellste, wenngleich die einzigen, ihm zur Verfügung stehenden Suchstrategien angewendet haben mag. Noch nicht. Aber er spürte, er war auf dem richtigen Weg. Hatte zumindest eine Möglichkeit gefunden, Herr über das Vorhandene zu werden. Mit fünf prallen Schuhkartons machte er es sich auf dem abgewetzten Parkett bequem, entdeckelte diese und begann gemächlich: zu sichten, zu ordnen und zusammen zu stellen. Liess einzelne Teile, die sich nicht fügen wollten, einzelne Teile sein, tat dies und arbeitete mit weit aufgerissenen Augen, solange, bis seine Organe um weitere Nährsalzlösung bettelten, dann wieder von vorne und aufs Neue und noch einmal. Er kam langsam voran. Etwas wuchs. Etwas verzahnte sich.

Tiere in Notwehr

Materialien zu einer noch zu schreibenden, gleichnamigen Gedichtserie.

BEZIRK BRAUNAU 09.08.2007

Eine 45-jährige Hausfrau ist beim Schwimmen im Badesee Wildenau von einem “unbekannten Fisch” am Dienstag beim Schwimmen im Badesee Wildenau attackiert worden.  Dabei war die Hausfrau nur ruhig im Wasser gestanden.

Bis sie plötzlich einen brennenden Schmerz in der Kniekehle spürte. Bei der momentan recht warmen Wassertemperatur und der ständigen Störung durch die Badegäste könne es schon passieren, dass die großen Fische aggressiv werden.

Die 45-Jährige musste ihre Bisswunde von einem Arzt behandeln lassen.

Weiter Meldungen

– In Wilhering im Bezirk Linz-Land ist Mittwochvormittag ein 17-jähriges Mädchen, das auf einem Rad saß, von einem Hund in einen Unterschenkel gebissen worden.

– Eine Kuh hat am Mittwoch in Michaelenbach im Bezirk Grieskirchen eine Bäuerin attackiert. Die 58-jährige Pensionistin prallte bei dem Angriff gegen eine Stalltür und verletzte sich schwer.

– Die Attacke des Feldhasen auf eine Frau in Linz ist derzeit das Gesprächsthema. Es ist nicht der erste Fall, in dem Tiere in unserem Bundesland tagelang die Schlagzeilen der Medien beherrschen.

aus den ORF-News aus Oberösterreich.

Herbstmond

O Mond! Wie öde, o, wie dumm

hängst du da oben wieder rum,

treibst träge dich durch Wolkenschollen,

wenn andere gerne schlafen wollen.

So käsegelb, so schal, so fahl

befunzelst du Busch, Berg und Tal.

Das nennst du Licht? Da lach ich laut!

(Dazu ist es auch noch geklaut.)

Mann, Mond, sei doch mal wie der Stern,

der Sonne heißt – den hat man gern.

Der macht sich nächtens nicht so wichtig.

Die Sonne, Mond, sie sieht das richtig:

Glut. Gleißen. Glamour. Glanz und Star.

Doch du dagegen? Ganz und gar

bloß Krater, Dellen, Löcher, Beulen.

Mensch, Mond, mit dir ist es zum Heulen!

Und Nacht für Nacht die gleiche Leier.

Hey, Mond, das geht mir auf die Eier!

O Mond, so öde, o, so dumm,

sag mir nur eins, Mond, sag: Warum?

Doch nein! Sags nicht! Bewahr dein Schweigen!

Denn etwas Schönes ist dir eigen

– da kann ich sagen, was ich will.

Du hast was Gutes: Du bist still.

taz > (GROa)

Marginales

(B24 zu M24)

Auf der anderen Seite dagegen sitzt, wer hätte das gedacht?: sein Gegen. Sein Anderes. Sein Feind und Feindesfreund. Ein Troll, von dem er nur die einzelnen Ziffern der sich stets verhaspelnden Benutzernummer weiss. Ein Ding ohne Namen, das nur zerstören will. Schlimmer noch: es zerstört nicht etwa nur, sondern arbeitet ausdauernd und fleissig an der Negierung der Grundlagen des Bestehenden, indem es sich dem Druckwerk hinzufügt. Jeder Verweis. Jeder Hinauswurf. Jede Rüge und jeder Tadel prallen an ihm und seinen Machenschaften ab und er verwandelt sich in drei weitere Fehlleistungen. Das Festgestellte bezweifelt er immer mit einer Zuschrift am Zeilenspiegel. Mal ist es ein nüchternes Nein. Dann wieder ein vgl. aber, unterstrichen und mit einem unleserlichen Fortsatz. Man kann auch die zeitweilige Laune des Trolls an den Keckheiten seiner Einlassung erahnen. Wenn er etwa schrreibt: Hört, hört!, So ein Unsinn! oder Was?. Am effektivsten aber erscheint seine Kritik, die es freilich stets in einer makellosen Handschrift abliefert, immer dann, wenn sie ein wenig berechtigt ist. Nicht etwa, wenn ein Denkfehler nachgewiesen wird, dazu ist dieses Wesen nicht in der Lage, aber, wenn auf ein kleine Schwäche in der Darstellung hingewiesen wird. So kann einem wahrlich grossen Gedanken, der sich mit einer winzigen Unsicherheit in der Zeichensetzung darbietet, durch dessen ätzende Korrektur am Rande, elendiglich das Genick gebrochen werden.