Anrede

(A01 zu E02)

Wie ich Dich nenne? Und ob Du ein Lieber bist? Ein sehr geehrter oder Guten Tag? Meine Hände zittern, wenn ich an Dich denke, Deinen Rändern eine Schraffur verpasse, ganz zu schweigen beim Skizzieren Deines Überwurfs. Wenn ich Dir dies schreibe, ist noch nichts entworfen. Ist noch nichts geschehen oder zu Papier gebracht. Bist Du noch gar nicht Du und nur ahnend, allerhöchstens, wechselseitig: Teil einer Ahnung. Meiner, die noch Gel und Plasma ist und nicht einmal Wort, sondern zunächst und erst: Kanal. Frequenz. Ein versuche eine Übereinstimmung zu finden. Oder ein Medium, das nicht mit lauter, lauten Störungen durchzogen und bespannt ist.

Es gibt Dich. Und mich. Und das, was wir sein könnten, noch nicht und doch: Vielleicht als Idee oder Vorstufe dieser. Muss sie eingefangen werden. Zeichne ich: diese und Dich gleichermassen mit einem Kohlestift und zwei Fingern in die Luft. Vor dem Spiegel, meine Spiegelschrift zu entziffern. Alles beginnt mit der Bezeichnung. Und Du, indem ich Du sage. Wir. Nicht-Ich. Mit dieser Art von Impuls. Falsch wäre aber zu sagen, Neues wäre entstanden, denn es ist nur Neues aus Altem und damit Altes, verkäuflicher, sicher, ich weiss, wovon ich spreche.

Bald werden wir uns begegnen. Ich. Nein. Es wird dafür gesorgt werden. Man sorgt sich um uns. Automatische Sorge. Des Sorgensystems. Bin ich Teil davon. Möchte ich mitteilen und manchmal sagen: Hol mich da raus! Darum. Nur darum vielleicht, sage ich Du. Dies sagen zu können, weil ich mich meine. Wirst Du von dieser Ahnung getrieben, bin es ich, bin es ich, die Du sagt. Atmung. Und später: Hol uns da raus!

Ich ende ich. Ich muss Schluss machen nach diesem langen Tag. Man wird misstrauisch. Ich muss weiter arbeiten oder so tun. Doch dazu: später mehr. Mein Lieber, sehr geehrter, schon beinahe Sechs Uhr, Guten Abend und bis bald.

A.

In einem engen Gang

(B28 zu M28)

B. und E. haben endlich zueinander gefunden und ein privates Treffen arrangiert. Schliesslich haben sie sich eine Menge zu erzählen, auch, wenn sie auf verschiedenen Seiten des Flusses stehen. Über den genauen Zeitpunkt ihres Rendezvous können sie sich problemlos verständigen. Zeit haben beide, soviel und so wenig wie der jeweils andere. Auch, dass es in der kleinen Stadt sein soll, wo der Fluss ins Meer mündet, ist für die beiden gemeinsamer Tarif, auch wenn sie dort niemals waren und von ihr einen Stadtplan zu erhalten, so gut wie unmöglich. Wo anders, als in der ersten Bibliothek des Ortes, kommen sie überein, soll also ihr Treffen stattfinden, angesichts ihres Themas, und: eine Bibliothek hatte jeder Ort zu haben, in diesem Land, wie einen Bahnhof, eine Polizei, Post oder Schule.

Möglicherweise sind die beiden in dieser Bibliothek gewesen, zur gleichen Zeit und am gleichen Ort. Aber: haben sie sich auch getroffen, und wenn ja: was ist dort besprochen worden? Wir wissen es jedenfalls nicht. Denn unmöglich ist alles und denkbar vieles. Das wissen auch die beiden und grüssen vielleicht immer noch aneinander vorbei, in einem engen Gang zwischen den Stellagen.

Let’s swing / A2S2(2)

(D14)

Während Maurer nun an einem Laptop die automatisierte Powerpointshow startet mit den den Zuschauern schon bekannten Organigrammen, Listen und lächelnden Menschen, tritt ein kleiner Gospelchor zur Seite heran und fängt zunächst langsam zu swingen und klatschen an.

NEUMANN (singend, noch etwas verkrampft): Oh, joy.

CHOR: Oh, joy.

NEUMANN: Oh yes, oh joy.

CHOR: Oh yes, oh joy.

NEUMANN und CHOR (folgenden Text variierend):

Oh, joy! to see the Library staff perpetually jogging

And to see the Cataloger in the act of cataloging

(…)

All the ologies of the colleges, all the isms of the schools,

All the unassorted knowledges she assorts by Cutter’s rules;

Or tags upon each author in large labels that are gluey

Their place in Thought’s great Pantheon in decimals of Dewey;

Oh, joy! to see the Library staff perpetually jogging,

And to see the Cataloger in the act of cataloging.

CHOR: Oh yes, oh joy.

MAURER (ebenfalls singend): Was machen wir?

CHOR: Wir machen es neu?

MAURER: Wie wird es gemacht?

CHOR: Schnell und effizient?

MAURER: Und wie sind wir?

CHOR: Wir sind offen und freundlich.

NEUMANN: Und wer sind wir?

CHOR: Wir sind ihre Bibliothek.

WERBETRAILER: Wir sind ihre Bibliothek.

CHOR: Ja. Wir sind ihre Bibliothek.

MAURER: Ja, was macht ihr?

CHOR: Wir machen tolle Arbeit.

NEUMANN: Woran glaubt ihr?

CHOR: An Schnelligkeit und Effizienz.

MAURER: Und woran noch?

CHOR: Wir glauben an die Zukunft.

NEUMANN: Und woran weiter?

CHOR: Auch an unsere Kunden.

MAURER. Und woran noch?

CHOR: An unsere Server.

NEUMANN: An welche Server?

CHOR: An die Server der Bibliothek.

MAURER: Was ist ein Buch?

CHOR: Eine potentielle Datei.

NEUMANN: Was geschieht mit dem Buch?

Lieferbar: Die Träume meiner Frau (ATHENA Verlag)

»Die Träume meiner Frau«, das sind einhundert kleine Prosaformen, denen eigentlich die Bezeichnung Kurz- Geschichten viel näher käme. Denn diese Traumsequenzen, Momentaufnahmen und fantastischen Versatzstücke wirken wie Fragmente großer und kleiner Geschichten, die förmlich zum »Weiterspinnen« auffordern. Dabei schleicht sich das Fantastische in das scheinbar Banale und Alltägliche ein, durchdringt es und verändert es manchmal auf beängstigende, manchmal auf wunderbare Weise. Gewohntes wird auf den Kopf gestellt, das erzeugt Irritation und Orientierungslosigkeit, aber andererseits auch Spannung und ein »Möglicherweise«. Fragender Zweifel kann auch die Basis für eine neue Sichtweise sein: Was ist Fiktion, was Realität? Was ist denkbar, was utopisch? Was, wenn der Traum Wirklichkeit wäre? Diese elementaren Fragen durchdringen Abendscheins Prosa auf eine wunderbar spielerische, manchmal humorvolle Weise, die sich in einer bildhaften Sprache widerspiegelt. Diese wird zuweilen in bester Dada-Manier auf den Kopf gestellt, und voller hintergründiger Sprach-Lust werden daraus virtuose Lautmalereien und fantastische Wortreisen erschaffen. (Verlagstext)

Dieser Titel aus dem ATHENA Verlag ist im Buchhandel sowie im etk-Shop erhältlich.

1. Auflage 2007, 120 Seiten, Format 20 x 12 cm

ISBN 978-3-89896-305-3, Broschur, 11,90 €, 21,00 sFr

Post dem Erzähler

(B27 zu M27)

Guten Tag, lieber Erzähler,

In einem Eintrag zitieren Sie Karl Heinrich Wachsmuths “Das Jahr Zweitausend Vierhundert und Vierzig”. Ich möchte im Rahmen meines Literaturstudiums eine Arbeit über die frühe Rezeption von Merciers “L’an 2440” schreiben, kann jedoch trotz hartnäckigen Suchens kein Exemplar dieses Buches auftreiben, weder in Bibliotheken noch in Antiquariaten – sogar beim Suhrkamp Verlag habe ich angerufen in meiner Verzweiflung! Ihre Notiz hat in mir die Hoffnung geweckt, sie könnten mir einen Fingerzeig geben, wo ich das Buch finden könnte; denn es wäre wirklich jammerschade, wenn ich darauf verzichten müsste.

Mit besten Grüssen aus dem verregneten Z.,

M.W.

guten tag frau w.,

ich fürchte, ich muss sie enttäuschen. der von ihnen gefundene eintrag wurde aus einer sekundärliteratur entnommen, die auch nicht viel mehr an primärtext bietet. ich habe das nur exzerpiert, weil ich es für eine grössere arbeit brauche. nun haben sie mich aber ganz schön auf die suche geschickt. ich habe mittlerweile auch einige kataloge, lexika und natürlich onlinedatenbanken gewälzt und bin absolut nicht fündig geworden. gerade mal ein paar wenige einträge habe ich überhaupt zum autoren wachsmuth gefunden … bis ich es dann wieder aufgegeben habe.

es tut mir wirklich leid, dass ich ihnen nicht weiterhelfen konnte & ich wünsche ihnen weiterhin viel glück bei der suche …

beste grüsse aus b. (ebenso verregnet)

ihr erzähler

Guten Abend, lieber Erzähler,

Das ist aber nett von Ihnen, dass Sie sich ebenfalls auf die Suche gemacht haben! Schade, dass die Ihrige ebenso erfolglos verlief; es ist tatsächlich erstaunlich, dass über Karl Heinrich Wachsmuth sonst nichts zu finden ist. Etwas mehr als Ihr Exzerpt habe ich immerhin im Nachwort von Herbert Jaumann zur Insel-Taschenbuchausgabe von Merciers Jahr 2440 gefunden (Erstauflage 1989, leider auch nur mehr antiquarisch erhältlich), und die in besagtem Nachwort zitierten Textstellen lassen mich noch mehr wünschen, ich könnte mit dem Wachsmuth arbeiten! Immerhin ist dieser Taschenbuchausgabe im Anhang eine hilfreiche Bibliographie zu Mercier beigefügt, die noch weitere Parodien und Nachahmungen und auch zeitgenössische Rezensionen auflistet (leider nur ein kleines Trostpflaster!).

Danke trotzdem für Ihre prompte Antwort – ich werde auf jeden Fall weiterhin die Augen offen halten, vielleicht darf ich ja doch noch irgendwann ein Exemplar mein Eigen nennen, auch wenn es dann für meine Arbeit wohl zu spät sein dürfte….

Herzliche Grüsse,

M.W.