Warum eigentlich nicht?

(…) Literatur sollte – utopischer Gedanken, wie man ihn vorm Einschlafen hegt – als Antwort auf ihr Bedrohtsein nur noch in geringer Auflage herauskommen, damit echte Nachfrage nach den 3000 oder 4000 Exemplaren entsteht (das wäre schon ein Bestseller), einer Ware mit hohem Stückpreis. Warum nicht 50 Euro für ein Buch, das anstelle eines Vorworts seine Kalkulation enthielte, bei der die Arbeitszeit des Autors mit dem Stundenlohn eines Handwerksmeisters angesetzt wird? Davon könnte man schon existieren, auch der ältere Autor, dessen langes Schreibleben heute kein Bonus mehr ist, sondern ein Malus. Der Versand liefe über das Internet, die Werbung über Kritik. Es gäbe keine Vorschauen mehr, keine Vertreter, keine Anzeigen, und nur ausgesuchte Buchhandlungen bekämen die Lizenz für gute Bücher. Weniger wäre unendlich viel mehr. Nur damit käme die Literatur vielleicht noch einmal auf einen grünen Zweig.

Bodo Kirchhoff in: literaturen1/2_08 (Wie es um uns steht)

Schwarzbücher / A3S2(2)

(D23)

Nur R3

JÄGER (via Lautsprecher): Das war doch schon ganz ordentlich.

WEBER (eher kleinlaut): Danke.

R1

SACHWITZ: Eine Bibliothek ohne Bücher? Wo sehen Sie sich da eigentlich?

KÄS (lacht hämisch): Irgendwo dazwischen. Unsere Arbeitsplätze seien sicher, haben sie gesagt. Oder so ähnlich.

SACHWITZ: Mein Arbeitsplatz war schon immer sicher. Aber wie verdiene ich bald meine Brötchen, das frage ich mich so langsam?

KÄS: Ich habe auch Kinder.

SACHWITZ: Hier ist das Reglement.

KÄS: Und?

SACHWITZ: Und was?

KÄS: Was steht drin?

SACHWITZ (überfliegt das Papier): Eine Menge Kleingedrucktes. Was interessiert Sie denn?

KÄS: Die Neuerwerbung von Büchern, zum Beispiel?

SACHWITZ: Hm. Hm. Hm. Entscheidung bei Neuerwerbungen in Nurbuchmedien. (Zitiert) Von der Anschaffung von Nurbuchmedien ist in Zukunft hauptsächlich abzusehen. Das wird kurzfristig zu einer kleinen Unterversorgung im Bestand, längerfristig aber, wenn Verlage und Wirtschaft erst einmal durch diese, auf höherer Ebene abgesprochenen Massnahmen zum Umdenken gebracht wurden, eine grössere Flexibilität und natürlich auch, so hoffen wir, zu einer medien- und nutzergerechten Nachbestückung führen.

WERBETRAILER: Wir schaffen Raum für Ihre Utopien. Wir sind Ihre Bibliothek.

Durch R1 werden vermehrt Bücherwägen gerollt.

Lieber nicht

(B37 zu M37)

Der Ignorant, der nichts vermutet, wo er nichts sieht. Dem nichts ist, wo er nichts hört. Der seine Säfte für sich behält, wo er nichts riecht. Dem einfach gar nichts zu schmecken imstande ist. Hört nicht das Schreien der Verzweifelten zwischen den Zeilen. Sieht nicht das Elend der Aneinandergedrängten, der in den Gängen Zusammengequetschten und um Gnade Flehenden. Nimmt davon, was er braucht. Nur das nimmt er und reisst es heraus ohne Mitleid um die anderen. Reisst ihnen die Seiten aus. Spuckt Galle in den Falz an den dürren Stellen und an den saftigsten entleert er sich.  Erbricht sich über die Zahlen am Ende ihrer Läufte und pfeift darauf, dabei noch ein Lied. Nimmt sich dies zum Beispiel und ein anderes noch hinzu, das gewillt.

Dann ist er fertig und am Ende und die Mechanik seiner Hände vollführt die Bewegung: sein Lieblingsding, sodass alles, was er dort hinterlassen hat an der oberen und unteren Kante wieder herausspritzt. Und das Geräusch, das ihm dabei entweicht, auch das kommentiert er lieber nicht.