Schreiben und Strafen

(B35 zu M35)

« Der Reisende war schon ein wenig für den Apparat gewonnen; die Hand zum Schutz gegen die Sonne über den Augen, sah er an dem Apparat in die Höhe. « Der Reisende wollte schon verstummen, da fühlte er, wie der Verurteilte seinen Blick auf ihn richtete; er schien zu fragen, ob er den geschilderten Vorgang billigen könne. Der Offizier erkannte, daß er in Gefahr war, in der Erklärung des Apparates für lange Zeit aufgehalten zu werden; er ging daher zum Reisenden, hing sich in seinen Arm, zeigte mit der Hand auf den Verurteilten, der sich jetzt, da die Aufmerksamkeit so offenbar auf ihn gerichtet war, stramm aufstellte – auch zog der Soldat die Kette an -, und sagte: »Die Sache verhält sich folgendermaßen. Noch war etwas nicht in Ordnung, das nur er merkte; er kletterte wieder hinauf, griff mit beiden Händen in das Innere des Zeichners, glitt dann, um rascher hinunterzukommen, statt die Leiter zu benutzen, an der einen Stange hinunter und schrie nun, um sich im Lärm verständlich zu machen, mit äußerster Anspannung dem Reisenden ins Ohr: »Begreifen Sie den Vorgang? « Der Reisende hatte das Ohr zum Offizier geneigt und sah, die Hände in den Rocktaschen, der Arbeit der Maschine zu. ‹ Sie wollen eingreifen, Sie haben nicht das gesagt, was er verkündet, Sie haben mein Verfahren nicht unmenschlich genannt, im Gegenteil, Ihrer tiefen Einsicht entsprechend, halten Sie es für das menschlichste und menschenwürdigste, Sie bewundern auch diese Maschinerie – aber es ist zu spät; Sie kommen gar nicht auf den Balkon, der schon voll Damen ist; Sie wollen sich bemerkbar machen; Sie wollen schreien; aber eine Damenhand hält Ihnen den Mund zu – und ich und das Werk des alten Kommandanten sind verloren. Aber vielleicht wollen Sie das nicht, es entspricht nicht Ihrem Charakter, in Ihrer Heimat verhält man sich vielleicht in solchen Lagen anders, auch das ist richtig, auch das genügt vollkommen, stehen Sie gar nicht auf, sagen Sie nur ein paar Worte, flüstern Sie sie, daß sie gerade noch die Beamten unter Ihnen hören, es genügt, Sie müssen gar nicht selbst von der mangelnden Teilnahme an der Exekution, von dem kreischenden Rad, dem zerrissenen Riemen, dem widerlichen Filz reden, nein, alles Weitere übernehme ich, und, glauben Sie, wenn meine Rede ihn nicht aus dem Saale jagt, so wird sie ihn auf die Knie zwingen, daß er bekennen muß: Alter Kommandant, vor dir beuge ich mich. Als der Offizier oben endlich fertiggeworden war, überblickte er noch einmal lächelnd das Ganze in allen seinen Teilen, schlug diesmal den Deckel des Zeichners zu, der bisher offen gewesen war, stieg hinunter, sah in die Grube und dann auf den Verurteilten, merkte befriedigt, daß dieser seine Kleidung herausgenommen hatte, ging dann zu dem Wasserkübel, um die Hände zu waschen, erkannte zu spät den widerlichen Schmutz, war traurig darüber, daß er nun die Hände nicht waschen konnte, tauchte sie schließlich – dieser Ersatz genügte ihm nicht, aber er mußte sich fügen – in den Sand, stand dann auf und begann seinen Uniformrock aufzuknöpfen. Er hatte die Hand der Egge nur genähert, und sie hob und senkte sich mehrmals, bis sie die richtige Lage erreicht hatte, um ihn zu empfangen; er faßte das Bett nur am Rande, und es fing schon zu zittern an; der Filzstumpf kam seinem Mund entgegen, man sah, wie der Offizier ihn eigentlich nicht haben wollte, aber das Zögern dauerte nur einen Augenblick, gleich fügte er sich und nahm ihn auf. Der Reisende sah zu dem Soldaten und dem Verurteilten hinüber.

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(A07 zu E14)

So unwahrscheinlich es sich vielleicht ausnehmen mag, lieber Benedikt: Da war keine Unterbrechung, für die ich direkt verantwortlich zu machen bin. Es liegt, denke ich, in der Logik des Systems, dass solche Ereignisse vorkommen müssen, da sie möglich sind. Auch wenn sich ein Ausfall dieser Art und diesen Umfangs positiv auf mein Projekt auswirken mag. Mein Projekt? Unser Projekt! Aber eins nach dem anderen, haben wir gesagt und über Inaugenscheinnahme gesprochen. Du tatest es zumindest, als Du von einer Autopsie des Vorrätigen dachtest. Nimm Dir die Augen vor! Und die der anderen. Man kann sich selbst nur schlecht in die Augen schauen. Ohne Spiegel. Man wüsste eigentlich gar nichts. Wo wir gerade davon sprechen: Geschieht doch Wissen nur durch die anderen. Genauer: durch das Selbst im anderen. Ist das Wissen doch immer zu zweit. Genauer: Initiiertes immer schon zu zweit. Die Elektrizitäten. Stromstärken. Widerstände und Spannungen. Zu grössten Teilen eine Sache der Logistik und des Transfers. Und zu speichern: Man sollte manchmal auch alleine weitergehen. Oder wird weniger und bald alleine, wenn die Grenze erreicht wurde. Speicherkräfte versiegen. Wenn sich das Viele verhärtet. Die Datenströme, dann: vor allem eine Frage der Belastbarkeit und Akkumulation. Umso entscheidender, wirst Du mir beipflichten, immer an ausreichende Entladung zu denken. Dem Memory-Effekt, wurde es genannt, entgegenzuwirken. Bist Du noch bei mir? Was wir zusammengetragen haben: es muss auch einen Ausgang finden. Platz machen für weitere Gravuren. Und ich spreche nicht von einer vollständigen Defragmentierung unserer Basis. Ich spreche von unseren Augen. Die wird man uns nicht nehmen können. Unsere gedachten Augen. Trotzdem einen herzlichen Dank für Deine Aufrichtigkeit. Eine nicht eben glückliche Situation der Übergabe, in die Du begeben wurdest. Aber auch das muss Dir keinen Verdruss bereiten. Was sie glauben, in Besitz genommen zu haben, werden sie nicht finden. Ich habe mich um Alternativen bemüht. Wonach sie suchen, wird sich genau im Moment des Gefundenwerdens vernichten. Was nur annähernd richtig ist: denn was sie zu sammeln vorgeben, liegt in so grosser Zahl vor, dass sie dessen gar nicht habhaft werden können. Um es zu umreissen: es handelt sich um die Idee einer unendlichen Dublette, die sie nicht begreifen können. Die nicht mit ihrem Verwertungsprinzip in Einklang zu bringen ist. Eingenäht in die Lederhaut dieser Tasche. Tatsache. In die Zellen des noch lebenden Tiers. In die Spender der Hüllen der Dinge. Nicht viel mehr als ein Atemzug. Nicht viel mehr als ein Duftstoff. Hormonelles. Aber ich versuche es auch nicht zu bagatellisieren. Die Tasche war ein Unikat aus Amsterdam. Warst Du schon einmal in Amsterdam, Benedikt? Deine A.

§7, BSG / A3S1(2)

(D20)

Weber stürzt sich derweil an das Mikrophon und drängt Fröhlich ab, was auch über Lautsprecher zu hören ist …

WEBER (räuspert sich): Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Aufgrund der Ereignisse in jüngster Zeit und zur Sicherheit der Belegschaft, wurde Paragraph 7 des neuen Betriebssicherheitsgesetzes, wie unlängst im Protokoll des Zwischenkaders angekündigt und gutgeheissen, in Kraft gesetzt. Diese Massnahme wurde notwendig, weil wir auch in Zukunft nicht ausschliessen können, dass es zu Zwischenfällen kommen kann, wie wir sie alle nicht schätzen.

An dieser Stelle möchte ich noch bekannt geben, dass die vakante Stelle, die sich aufgrund einer Neutralisation, ähem, eines Personalausschlusses in Folge einer Störung des Betriebsfriedens ergeben hat, leider aus ökonomischen Gründen nicht nachbesetzt werden kann.

Wir versuchen aber die dadurch angefallenen und noch anfallenden Arbeiten durch weitere Umstrukturierungen aufzufangen und diese gerecht zu verteilen. Die sich aufgrund natürlicher Fluktuation ergebenden Verschiebungen bleiben davon aber unberührt. Wir danken für Ihre Aufmerksamkeit.

AUTOMATENSTIMME: Ende der Durchsage.

R1

SACHWITZ (gedämpft): Neutralisiert? Was soll das heissen?

KÄS: Gefeuert! Rausgeschmissen. Was denken Sie denn?

SACHWITZ: Ich denke gar nichts. Ich vermute nur.

KÄS: Wollen wir kurz zusammen dieses Protokoll suchen?

SACHWITZ: Das bringt doch nichts. Das ist doch schon durchgebracht. Das wird doch verschleppt und ausgesessen. Aber irgendwas müssen wir doch tun. Ich habe keine Lust von jetzt an die ganze Zeit nur noch in die Luft zu flüstern.

KÄS: Wir haben doch nichts zu verbergen.

SACHWITZ (in die Kamera): Nein, wir haben nichts mehr zu verbergen. (Die Kamera gibt ein Blinksignal)

Von R2 über R1, ab nach links, werden von Helfern Bücherwägen geschoben. Unter Aufsicht von Neumann und Maurer. Man begrüsst sich untereinander förmlich mit „Mahlzeit“. Das Gespräch zwischen Sachwitz und Käs wird nicht fortgesetzt.

R2

Während Flitz immer noch die Informationstafeln studiert, kommt Flugs in den Raum.

FLITZ: Mahlzeit.

FLUGS: Mahlzeit.

FLITZ: Meinen Sie vielleicht nicht auch, dass die jüngste (dämpft Stimme) Innovation nicht etwas übertrieben ist? Ich meine ja nur.

FLUGS: Sie haben doch selber dafür gestimmt. Sie können doch jetzt nicht im Nachhinein …

FLITZ: Ich habe mich enthalten.

FLUGS: Sehen Sie! Das ist Ihr Problem. Sie haben sich enthalten. Und damit haben Sie doch dafür gestimmt. Sie wollen keine Verantwortung übernehmen. Wissen Sie, wie ich das nenne?

FLITZ (protestiert): Das kann man doch so jetzt nicht sagen.

FLUGS: Verantwortungslos. (Flitz protestiert weiter). Verantwortungslos nenne ich das.

FLITZ (mit Blick auf die Kamera, die nervös zu blinken beginnt, will beschwichtigen, flüstert): Ja. Ich bitte Sie …

FLUGS: Sie bitten mich? Sie können froh sein, wenn von dieser Haltung nichts bekannt wird. So etwas sieht man ja gar nicht gerne.