Lyophylias Lust der Gefriertrocknung

(B56 zu M56)

Am anderen Brunnenende galt die Gefriertrocknung als die effizienteste und schonendste Trocknungsmethode für durchnässte Papiere und also Bücher. Und nur das beste Verfahren schien ihr gut genug, das Wasser aus ihren heiligen Schriften zu entfernen. Vorerst war an dieser Stelle an die Erzeugung eines Vakuums von ihr aus nicht zu denken. Wie also das Wasser in nie flüssiger Form zu halten, sodass alle schädigenden physikalischen, mechanischen oder biologischen Prozesse im Papier ausgeschaltet werden konnten? Sie kam an den Trippelpunkt ihrer Karriere und investierte in Anlagen. Schnell begannen sich die im Vakuum aus den Papieren entweichende Wasserdämpfe an den Eiskondensatoren bei bitterster Kälte zu sammeln. Vorsicht musste walten. Nach der Gefriertrocknung waren die Papiere extrem trocken und in diesem Zustand vorsichtig zu behandeln. Und nachzubehandeln. Zu glätten und zu pressen. Und zu beachten: Durch die Wasseraufnahme des Papiers und anschließende Feuchtigkeitsabgabe während des Trocknungsprozesses traten an den einzelnen Papierfasern ungleichmäßige Spannungen auf, die ein Wellen bzw. Verziehen zur Folge hatten. Wellen und Entwellen. Lyophylia hatte eine weitere Idee. Derart deformierte Papiere konnten wieder geglättet werden, indem man sie unmittelbar nach dem Trocknen durch Pressen in eine plane Form brachte. In diesem plattgepressten Zustand verblieben die Bücher so lange, bis das Papier wieder seinen normalen Wassergehalt aus der Luftfeuchtigkeit aufgenommen hatte. Natürlich gab es weitere Probleme. Kleinigkeiten. Gestrichenes neigte bei stärker Durchnässung beispielsweise zum Verkleben. Doch im grossen und ganzen war sie mit ihrer Arbeit zufrieden.

Kommentare

(B55 zu M55)

# ben

Am 21. Oktober 200X um 12:28 Uhr

drehende, kreisende bücher: als theoretische bzw. als bibliotheksform (wenn man eine bibliothek sich als buch denken mag) hat sich das markus schon vor einiger zeit mit seiner bibliothek von wergenstein ausgedacht. das nur am rande …

# HerrC

Am 21. Oktober 200X um 13:36 Uhr

na ja die idee ist nichts neues, das hat danilo kis auch gemacht, allerdings auf hohen niveau

# ben

Am 21. Oktober 200X um 14:10 Uhr

ist ja interessant. und: wusste ich noch gar nicht. gibts dazu auch eine bibliographische angabe?

# HerrC

Am 21. Oktober 200X um 14:26 Uhr

Mehr dazu » hier.

er ist im selben Jahr wie Beckett und Bernhard gestorben, was für ein trauriges Jahr….und das Buch welches ich meine heißt Enzyklopädie der Toten.

Elfriede Jelinek bezog sich in ihrer BüchnerPreisRede darauf, die Rede ist sehr zu empfehlen.

# ben

Am 21. Oktober 200X um 15:04 Uhr

auch eine fiktive bibliothek (wie man nun schon auf zig andere zeigen kann). trotzdem danke für den hinweis. sehe nur noch nicht den zusammenhang mit der wergensteinschen bibliothek, die sich schon rein physisch anders ausnimmt – bei allem, was ich dazu gefunden habe. zur idee dahinter: dass der theoretische leseakt den tatsächlichen und der tatsächliche immer zwangsLÄUFIG den theoretischen nachzeichnen muss, dies aufgrund der räumlichen anordnung – der hermeneutische zirkel als eigentliche pointe des textes … darauf finde ich keinen hinweis. muss da über die bücher …

# HerrC

Am 21. Oktober 200X um 15:15 Uhr

man kann so einen Roman auch einfach lesen, dann kommt man schon dahinter, die Idee ist dass es irgendwo in den USA einen Ort gibt, in dem von jedem Menschen eine kleine Abhandlung steht..

wie man nun schon auf zig andere zeigen kann.

ich glaube nicht dass es irgendwo auf der Welt jemanden gibt der wie Kis schreiben kann.

# ben

Am 21. Oktober 200X um 15:22 Uhr

naja. lesen sie. und glauben sie. mich interessiert hier in diesem speziellen fall eher die vielfalt der modelle.

Legendenbildung

(B54 zu M54)

Abb.o.: Ein Baum. Darunter ein Mensch (oder ein Tier?) auf einem Frosch (oder einer Kröte?) vor einem Frosch (oder einer Kröte?). Der Baum wird umflattert von einer Textbanderole. Am Horizont: Gebirge.

Abb.u.: Brücken verbinden Texte. Auf einer Brücke ein Fussgänger. Die Welten (Kugeln) des Universums als Texte (Körper. Bücher.). Beleuchtete Brücken. Brückenköpfe. Avenue des Champs-Élysées. Im Hintergrund, in weiter Ferne: Nacht.