2007-11-25 Viele Geschäfte haben zu

bin so verdorrt so ganz ohne

so ein fiebriges torkeln von

DICKER LUFT belämmert

wort besuch mein trockenes

lämmer hirn gedarrtes beben

nämlich mein NAME wie der

so lautet hier in KAIRO und

verdortet deiner oder deiner

auf meiner mundzunge LISAN

Viele Geschäfte haben zu – ist das nun, weil Sonntag ist, den Wochentagen gemäss gedacht, oder ist es so, weil hier der Gebrauch des Sonntags jener des Montags, wie ich ihn kenne, von dort, wo ich hergereist bin? Einer bedeutet, als ich nach den Öffnungszeiten des Geschäfts, wo ich Gitarrensaiten besorgen will, frage, es sei den ganzen Tag über geschlossen, da ja Sonntag sei, während er doch offensichtlich arbeitet. Nichts drängt ihn, (mir) dies zu begründen. Stelle den Wecker, die Uhr, mich ein, lege bereit, versorge, verschiebe Daten, Gerätschaften, bin verkühlt, gebe mir den Sonntag als einen Montag auf, doch, ein Brothändler steht am Eck, es zieht, da, aber, wo, was, finden

index

Paris, Kafka (notula nova supplement VII)

urlaubskartentext

pflanze meerbohne bücher

powertwitter mich

Und: Wahrhaftigkeit

a) etwas haftet an Wahrheit

b) Wahrheit haftet an diesem etwas.

im Falle a) etwas kann sich davon wieder lösen, bei starkem Wind, mechanischer Gewalt. Und b) Wahrheit ist flüchtig, kann auch Dich erwischen …

Söhnchen #1 dagegen, derzeit: an angry young boy.

Die 2 Tage um die 2 40er in Paris. Endlich mal Zeit zu schreiben. In Paris. Aber was? Man befindet sich, dort angekommen, immer noch in derselben Haut. Als wäre man nie weg gewesen. Also weiter. Kafka stopfen.

Wörter anfetten

sie aneinander reihen

die dicken Dinger

“Wir sind das Volk!” auch schon bei Kafka. Et un cendrier, svp.

Vor “La Belle Hortense”, cave, librairie, Bar litteraire, steht ein schweizer Exilliterat. Etwas einsam. Etwas allein. Hat noch nicht so recht Anschluss gefunden. Die linke Hand krampft etwas. Die Schreibblockadehand. Die rechte sucht nach einer Zigarette. (Wir dagegen sitzen gegenüber, in der Café Bar Brésil. (Dranmor, ick hör dir trapsen.) Mit der Aussenperspektive lebt sichs gut. Über einen Wandspiegel in der Hortense können wir den Schriftstellern in die Teller schauen. Möglicherweise gibt es Bratkartoffeln und Spiegelei und Spinat. Wir sprechen nicht Portugiesisch. Essen aber alles, was auf den Tisch kommt.)

Der schweizer Exilliterat ist wieder zurück ins Hortense gegangen. Wir nennen ihn einmal Emil Zipfli. Er hat zwei Beine, zwei Augen und zwei Brillen. Momentan setzt er die andere auf. Um eine SMS zu schreiben. An seinen Verleger, der ihn gerade versetzt hat. (Wohin soll den ein schweizer Exilliterat denn auch abends hingehen, wenn nicht ins Hortense, auf 1 Bier, oder 1 Wein. Andere Literaten fallen sich davor um den Hals. Zipfli fällt das Handy runter. Auch das mag Literatur sein. (Bald werde ich auch wieder Hawaihemdenhaftes tragen). Überhaupt: 1 Literatur wie 1 Hawaihemd.)

Und, wer hätte das gedacht: Thomas Stangl sitzt auch herinnen. Wir könnens nicht beschwören, aber wer sollte das sonst sein? Allerdings wird er gerade halb verdeckt. (Ins Brésil tritt derweil Sascha Lobo ein. Seine neue Barttracht gefällt uns gut. Auch sonst scheint er einen vortrefflichen Geschmack zu besitzen. (Zipfli geht ab. Wir bleiben sitzen.))

Und, heut nacht gebaut: ein WordPress-Twitter-Textmaschinchen, das jeden Tag 1 Post automatisch anlegt aus vordefinierten, täglich verlautbarten Phrasen / Aussagen. Zum Bsp: “Kunst ist …”

Ein Traum? Was sonst?

Ein Titel, vielleicht, für die EPUB-Reihe @ etkbooks: realkopie.

Überhaupt: die “kontrollierte Dynamik” des XY-Verlags. (Dagegen der gesunde Einfall am Morgen. Ein Textsammlungstitel, vielleicht Prosa, wie: “Deutsch als Fremdsprache“)

Auch eine Poetologie des Zufalls: ob wir gerade “ich”, “du”, “er”, “sie”, “es”, “wir”, “ihr”, “sie” sind, in einem Text. (Überhaupt: Wieviel Ich steckt doch in einem Satz ohne Ich? Wieviel Notiz, wo Ich doch notiert.)

Die Sachtätlichkeit

und

die Tatsächlichkeit

hernach

Grosz, Andreas: Meine Geliebte

Meine Geliebte

Ich liebte sie, doch nackt hatte ich sie noch nie gesehen. Und wie viel mehr würde ich sie lieben, sähe ich sie erst nackt, sagte ich mir.

Der Saal war voll. Viele Bilder hingen an den Wänden, barockes Zeug mit nackten Gott- und Halbgottheiten, eine Gemäldeausstellung, hätte man meinen können. Und meine Geliebte saß irgendwo in der Menge, an einem der Pulte. Ich selbst nahm nicht Platz, sondern blieb bei der Tür stehen.

Ein Schüler stand auf und ging zum Katheder. Ein zweiter, dritter, ein vierter folgten, und es wurden immer mehr, alles junge Kerle, die nach der Küche ihrer Mutter rochen. Dann gingen auch Schülerinnen nach vorn, die Reihen lichteten sich hinten, und um den Katheder herum drängten sie sich alle und entkleideten sich gegenseitig.

Ich suchte meine Geliebte unter ihnen, reckte den Kopf, stand auf die Zehenspitzen, aber sie ließ sich nicht blicken. Von hinten legte mir jemand die Hände auf die Augen und sagte: »Nicht erschrecken, ich bins.« Es war ihre Stimme.

»Wie bist du an mir vorbeigekommen, ich stehe doch die ganze Zeit schon hier neben der Tür?«, fragte ich.

»Nackt bin ich unsichtbar. Das wusstest du nicht?«



(c) / aus: Andreas Grosz, Fahnenflucht mit der Lokalbahn, edition pudelundpinscher 2007.

Andreas Grosz, 1958 geboren, lebt in Unterschächen UR. 1982 Übersetzerdiplom. 1994 ZUG (mit Guido Baselgia). 1996 Die Ameisenstraße im Schrank (Gedichte, mit Zeichnungen von Daniela Raimann). 2007 Fahnenflucht mit der Lokalbahn (Prosa)