Blutsverwandt











































Quote Er erinnerte sich an seinen ersten Aufenthalt im Heimatdorf seiner Eltern, Piazza Armerina, als er gerade sieben Jahre alt war und mit seinem Cousin Mario, dem Sohn von Onkel Salvatore, in einer langen, engen Gasse Fahrrad fuhr. …“ (S. 78)
Source Blutsverwandt, Autor Michele Giuttari, BASTEI LÜBBE, 2010, 384 Seiten n
Keywords Gasse, Fahrräder, Döner, Stufen, Graffiti, Fussgänger
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Produced 30.06.2009, 11:51 AM
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(blumenhalbwissen)

DLT: 3 Den Troll lesen 1: Die Bedeutung der Funktion

Der literarische Troll

Spekulationen zum Verständnis einer Funktion als Figur

(Essay, Beta)

3 Den Troll lesen 1

Die Bedeutung der Funktion

SCREENSHOT:

Q*

594 Kommentare (Stand 24.4.10) gab es zu dem Beitrag „Cougar, MILF und andere Sex-Schubladen“, ein quantitativ durchschnittlich kommentierter Beitrag der Yellow-Press-Klasse im „Mamablog“ einer Schweizer Tageszeitung. Der Kommentardiskurs um die sexuelle Attraktivität von Müttern repräsentiert durchwegs eine auf Alltagsbeobachtung und –einschätzung des Themas und seiner Facetten durch die Kommentatorinnen und Kommentatoren. Wie ein Exot oder Sprachmonolith steht da die Einlassung eines „Fritz“, die im Meer der Äusserungen geflissentlich übergangen wird. Die Metaphorizität der Aussage, die – fast biblisch-romantische – Bildlichkeit dieser Intervention, die aber auch als moralische Position zu diesem Thema gelesen werden könnte, ist keine des Andockens an den Textstrom, der sich munter fortentwickelt. Und doch verändert sie – in diesem Ausschnitt – die Qualität des Stranges.

Die Einlassung in diesem Beispiel ist unschwer als eine explizit literarische in einem ansonsten pragmatischen Thread erkennbar. Der (ignorierte) Troll pfopft den Text, so könnte man es vielleicht bezeichnen, das Gesamt mit einem diskursfremden Anderen, infiziert und hybridisiert diesen, nun einmal ungeachtet des (kaum abschätzbaren) Ausmasses der Textmenge, verschiebt aber deutlich die Grenzen der Aussagevielfalt. Aus Sicht des – nicht festgelegten Lesers – kann vielleicht sogar konstatiert werden: der – als pragmatisch entworfene Diskurs – rückt gesamthaft selbst näher in den Bereich der Verhandlung von Fiktionalem. Der Troll, den man hier einen literarischen nennen könnte, hätte damit die Funktion einer – wie stark auch immer – Fiktionalisierung von Welt(text) und stellt den virtuellen Diskurs, der sich als welthaltige Stimmenansammlung geriert, darum auch als fiktionales Gebilde aus bzw. macht auf dessen mediale Rahmenbedingungen aufmerksam. Im Grunde addiert er also selbst das Thema der Fiktionalität von Weltkonstruktion und praktiziert damit auch eine bestimmte Form antirealistischer Theorie eines Internen Realismus. Diese Form der Propfung liesse sich – etwas mathematisch anmutend – mit der Formel

A: P<-NP

beschreiben (18). Dessen Arbeit am „Welt“-Begriff, so die Interpretation wäre kurz als Typ A des literarischen Trolls zu bezeichnen.

Nach Christiane Heibach (19) können wohl auch Blogs mit offener Kommentarfunktion als partizipative Kommunikationsumgebung beschrieben werden, wenn diese nicht nur literarische (Primär-)Inhalte veröffentlichen, sondern selbst Literatur bzw. Dichtung sind oder sein wollen. Unter diesem Blickwinkel liesse sich die Trollfunktion noch etwas differenzierterer darstellen.

Der Kommentar als Trolltext in einem Literarischen Weblog, kann ein gewöhnlicher (P) sein, oder eben auch: ein „literarischer“. Viele Trolltexte werden sich allerdings zwischen diesen zwei Polen (P/NP) bewegen. Ein Trolltext kann eine psychologische Intention haben, sprich: auf die Manipulation der Beziehung Leser-Autor aus sein, nur die Autorschaft angreifen oder untergraben oder sich selbst als Scheinsubjekt oder dritte Position im Diskurs aufspannen wollen. Je nach zur Verfügung stehenden Mitteln (oder veranschlagtem Literaturbegriff) wird diese Einlassung auch als eine literarische, der Trolltext als ein literarischer zu fassen sein.

Aus Sicht distanzierterer Beobachtung wäre zu verhandeln, inwiefern jew. ein solcher Text als literarisch ambitionierter einzustufen wäre, womit sich allerdings automatisch eine weitere Diskussion um generelle Literaturbegriffe und –konzepte umschlösse; der Ansatz für eine traditionelle Form der Kritik.

Ohne diesen Mechanismus nun weiter zu erläutern oder zu erproben, wird diese (nicht unumstrittene) Form der Einlassung hier in der Formel

B: NP<-(N)P

markiert bzw. generalisiert und dieser – in Abgrenzung Typ A – einen eigenen, anderen Typenstatus (B) einräumen. Während Typ A – hier und in beispielhafter Interpretation – eher auf die Gemachtheit von Welt und Erfahrung verweist und damit eine relationistische Position vertritt, könnte man bei Typ B zu einem differenten Ergebnis kommen, das als Beschreibungseventualität und –variante zur Verfügung stünde (vgl. dazu ausführllicher das Kap. 5A).

Weitere Beispiele wären zu nennen, die weder der einen noch der anderen Type zugeordnet werden könnten. Eine explizit literarische Äusserungsform, die in „nichtpragmatischer Weise“ auf einen nichtpragmatischen Post, Beitrag oder Kontext antwortet, z.B. ein Gedicht mit einem Gedicht o.ä. beantwortet (20) oder einen literarischen Text im Kommentar einfach weiterschreibt, Textgrenzen überschreitet, Schnittstellen von hybridautorschaftlicher Publikation als Fortsatz nutzt (21), könnte damit konsequenterweise in der Formel

C: NP<-NP

umschrieben werden, und könnte als rein ästhetische Intervention mit der Absicht der Werkmanipulation aufgefasst werden. Eine scheinbare Zweckfreiheit (aus ästhetischer und Leserperspektive in einem klar als Literarisches Weblog (22) erkennbarem bzw. annonciertem Blog) eines Trolltexts wird bisweilen unterlaufen, indem dem Text (mit dem wieauchimmer semantisch ausdeutbaren Nickname) ein Link hinzugefügt wird, der als klar transitorischer Interventionsversuch zu bewerten ist (Typ C1). Auch hier zielt in gewissem Masse der Text auf Aufmerksamkeitsakkumulation ab, will diese aber von der originären Postseite abziehen bzw. entfernen. Möglich wird damit eine theoretische und praktische Verschickung des Lesers (durch einen semantisierten oder nichtsemantisierten Link) ins Leere (auf eine nichtexistente Website oder, erläuternd, auf ein gegoogeltes Bild o.ä.) oder sogar auf eine eigens dafür geschaffene Trollseite oder einem Thread (23), die oder der eine Identität der Nichtidentität an einem anderen Ort (24) (Typ C2) aufzubauen versucht.

C1: NP<-NP’ (transitorisch, fiktionales Objekt)
C2: NP<-(N)P’’ (transitorisch, fiktionaler Ort)

Auch maschinell (25) oder halbmaschinell generierte Einträge (via Robots, Spamattacken, Trackbacking) können – je nach Literaturbegriff, s.o. – diesem transitorischen Typus zugeordnet werden, werden aber, wegen ihres willkürlichen, nicht auf ein konkretes Objekt zielenden Charakters, von letzteren stärker zu unterscheiden:

D: NP<-(N)P’’’ (transitorisch, pragmatischer Ort)

Hinzuzufügen wäre, dass bei allen transitorischen Typen (abzüglich D) ein je offenes und variantes Wirken und Verhalten auszumachen wäre, denn ohne die Kalkulation eines gewissen Lustgewinns (seitens des Trolltextverursachers) im – aus literarischer Sicht – Spiel mit Text, wäre eine sich fortsetzende Trollvertextung in einem Thread kaum vorstellbar. Eine spieltheoretische Annäherung (26) an dieses Thema wäre der Vollständigkeit halber noch anzugehen.

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—————–

18 In der Folge: „P“ = Pragmatischer Text, „NP“ = Nichtpragmatischer Text, die Apostrophierung markiert die mögliche Verschiebung, Varianz, Metonymizität, Differenz zu den vorgängigen Typen

19 Christiane Heibach, Literatur im Internet, 331

20 vgl. http://parallalie.twoday.net/stories/621605/#comments

21 vgl. http://www.abendschein.ch/site/comments/die_bilder_varianten_entwurf/

22 Zur Differenz „Literarisches Weblog“ / „literarisches Weblog“ bzw. LW (NP) vs. lW (P): Ersteres, wie in AN Herbsts „Weblog als Dichtung“ als eines, das selbst „Literatur ist“ im Gegensatz zu Blogs, die die Software lediglich zu Publikationszwecken nutzen. Herbsts „Literarisches Weblog“ Die Dschungel.Anderswelt sei auch genannt als Beispiel für eine Präsenz mit offenem oder moderiertem Kommentarkanal. Es wären natürlich auch Wikis oder andere Systeme mit solchen Schnittstellen denkbar, allerdings sind bislang nur wenige (Bsp.: BC / http://bc.etkbooks.com/) bekannt, die auch mit ihrem „Sein als Dichtung“ (vgl. „NP“), als solche wirken, gegenüber denjenigen, die explizit nur poetische / literarische Inhalte präsentieren.

23 Zur Identität von verteilten Trolltexten. Auch denkbar ist der Troll als verteiltes Textich von verteiltem Text (wenn rekonstruierbar, erahnbar, z.B. durch Nicknames, E-Mail-Adressen, IPs). Vgl. Dieter Roth (als Troll) / Advertisment (pragmat. vs. poet. Text)

24 Bsp. für eigene Trollwebsites: http://zumgoldenentroll.blogspot.com/2010/03/kundschaft.html#links / http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/irgendwie-ist-es-ja-reizend/

Festzuhalten sind aber auch literarische Weblogs / Websites, die häufig eine (multiple) Identität vorzugeben suchen, in der Absicht andere Erscheinungsformen anzugreifen bzw. gegen diese pejorativ zu wirken. Diese sind nur am Rande als literarische Trolle zu bezeichnen. Identitäten werden dort hinter Masken versteckt, sind aber eher als Avatare zu verstehen, da Avatare reale Identitäten hinter Masken verstecken. Trolle dagegen sind reine Masken.

25 Je nachdem, ob denn solche (auch kontingente) Texte als literarische seitens der Leser mitgelesen / verstanden werden wollen. Hierbei muss noch unterschieden werden: die Möglichkeit der Leseperspektive eines (Troll-)Texts von Innen (vom Hauptautor bzw. Admin, also diejenigen, die auf Backendinformationen Zugriff haben) bzw. Aussen (alle anderen). Bei obigem wird eine Sicht der Aussenperspektive angenommen.

26 S.a. Trolling als Spiel (Spiellevels etc.): http://www.jfo.org.uk/info/new/troll.htm

* http://blog.tagesanzeiger.ch/mamablog/index.php/8757/cougar-milf-und-andere-sex-schubladen/comment-page-3/#comments

Auch die klügsten Konventionen bleiben Gemeinheiten.

Andacht im Kaffeehaus. – Vor den wunderlichen Gebärden der alten Damen in den Hinterzimmern an den Bridgetischen, vor ihrer exotischen Höflichkeit, vor ihrer atavistischen Etikette (welcher nur der Herr Franz, der Oberkellner im Frack, noch zu genügen weiß). Dieses fremde Hermetische, dieser ruhige, behäbige, museale Fluß der Gesten und Sätze wird nur für den Beobachter aus einer anderen Zeit gestört, kurz, blitzartig durchbrochen, von seltsamen senilen Tics, die zu ignorieren, ihnen aber selbst mühelos gelingt.

Auch die klügsten Konventionen bleiben Gemeinheiten.

Treue. – Das Versprechen, ihm und mir von Zeit zu Zeit ein paar Gewohnheiten zu stehlen, damit wir uns auch verkennen. Die Pflicht zum Diebstahl unter Freunden.

p24

Blumenwissen ist keine Kunst (notula nova 131)

Und: Georg “Nun ja” Seesslen

“Ein wandelnder Schokoriegel in obszöner Kleidung, der verzweifelt versucht noch blöder zu gucken als sein Hund.” (BM, 99)

(((ô)))

Und: Nichtmüssen ist auch keine Kunst. (Dagegen: Don’t help, it’s art!)

Und: etwas an jmd. vergessen. (Auch: Etwas an Google vergessen.)

Suchmaschinenprimus

Peinliche Distinktionen des Blumenwissens

(„Es wackelt die Schelle, es spritzt der Saft.” Die Analyse des Rückenaufdrucks auf T-Shirts. Die Analyse der letzten Grüsse an die Welt.)

Und: “Im volkstümlichen Diskurs verteidigt sich das übriggebliebene, reaktionäre deutsche Kleinbürgertum gegen die zwangsglobalisierte Unterschicht” (BM, 194)

Das Einfach-Raus-Ticket

Die Apologie der Kleinen Form

(Z.B. Polgar: “Schöne Literatur mit geschwollenem Wanst ist ein Widerspruch im Beiwort“)

Poetry Slam als Textinszenierungskonzept. Jede Dieter-Roth-Wurst ist da heute noch spannender. (Individualität ist, was man nicht erkennen kann. („Ich liebe eine Variante meiner Tante“))

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