DLT: 5.2 FIGURENANALYSE

Der literarische Troll

Spekulationen zum Verständnis einer Funktion als Figur

(Essay, Beta)

5 Funktion und Figur – Beispiellektüren, Anwendungen, Merkmale

5.2 FIGURENANALYSE

Anhand des Literarischen Weblogs von Alban Nikolai Herbst Die Dschungel. Anderswelt., das ganz explizit mit Avataren bzw. Trollen arbeitet, und diese Stimmen im Gesamttext zulässt, d.h. auch: diese als Rauschen, Diskurs, literarische und paraliterarische Textualitäten einbindet, verknüpft und gestaltet, wurde der in IV skizzierte Ansatz in der Form einer Matrix (Excel-Sheet als Kap. VII Anhang, Matrix) umgesetzt. Auch hier wird die Aussenperspektive eingenommen, denn der Blick hinter die Kulissen ist nicht der Blick des allgemeinen Lesers und erforderte auch schwierige und erhebliche Operationen, die den Hrsg. des Blogs miteinbeziehen müsste, was wiederum die Lektüre beeinflusste. Die nicht weiter verfolgbaren Stimmen der Kommentatoren sind dort häufig mit dem „(Gast)“-Status versehen. Der Trolltext wurde also ohne hemmende Login- und Selektionsprozedere gepostet. Obwohl Alban Nikolai Herbst selbst für die Anlage solcher, mancher, einiger Trolltexte als verantwortlich zeichnen würde bzw. auch Vermutungen anstellbar wären, welcher Trolltext denn aus dieser Feder stammte, ist dieses Verfahren nicht transparent. Es ist also kaum beweisbar – aus der Aussenperspektive – welcher Trolltext denn nun ein „echter“ wäre oder auch nur ein vom Autor als Stimme „gefakter“. „In dubio pro reo“. Es gilt im Zweifelsfalle also die Unschuldsvermutung und somit sollte eine Lektüre der Dialoge der Figuren – nun in einem als „Roman ohne Ende“ (oder: einem Roman als vielstimmiges, verzweigtes Gespräch ohne Anfang und Ende) – verstandenen Text, versucht werden. Der unten durchgespielte Ansatz nähert sich also dem Trolltext über seine Ankopplungspunkte innerhalb eines Threads und beobachtet gleichzeitig in welche Textbeziehungen er zu intervenieren versucht. Daraus ergibt sich ein Vorschlag für mögliche Beschreibungsmodelle von Trolltexten als Dialogfiguren innerhalb solch eines Projektes. Die in der Matrix veranschaulichte Trolltextfigurenhermeneutik muss selbstverständlich eine subjektive bleiben. Wie auch im Funktionsmodell durchgespielt, wird hier lediglich ein möglicher Ansatz von Analyse markiert werden. Individuelle und abweichende Assoziation sollen dabei so selbstverständlich sein, wie dies auch im gängigen rezeptionsästhetischen Verständnis der Fall ist.

SCREENSHOT MATRIX (klick):

Und oft vergess‘ ich sie zu füttern.

Erinnerung der Ekstase. – Als fände auch jene nicht allein im Gehirn, sondern zerstreut im ganzen Körper statt. Als säße, niste sie dort überall.

Sie lebt nun schon seit Wochen im Hoffmannschen Aquarium. Nicht der verlorenen – der gescheiterten Ideen. Und oft vergess‘ ich sie zu füttern.

Wenn ich dann aber vor ihr stehe, ihr zusehe, wie sie dort schwebt und schwimmt, sich durch die aufsteigenden Luftbläschen laviert, spiegelt sich in meinen Augen, auf der anderen Seite der gläsernen Wand, dies träge, monotone Flimmern. – Ja, meine Tiefseeäugige! Mein knochiges, schönes, nasses Tier! Es wird Zeit, heute werfe ich dich zurück ins Meer…

Nervöses Schreiben am Morgen. Aus dem Unrecht gegenüber dem Schlaf. – Nicht die müden Augen, die Augen aus dem Traum, Augen in der Nacht gewachsen, Augen voller Erinnerung dorthin.

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