Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 11/2017)

Es schlägt der Weltuntergong.
 
 
 
 

Viele Schriftis sind bloß schlechte Fälscher, die Kopien herstellen, ohne sich wenigstens gerade auch noch den Namenszug des Kopierten anzueignen.
 
 
 
 

Und dann diese erschreckenden Bilder: Weil der Urologe mir das angetan hat (nicht korrekt aufgeklärt, nicht korrekt vorabgeklärt und belogen über die Notwendigkeit der Operation) UND danach zu meinen Schmerzen sagte, das alles sei »psychodynamisch«, habe ich vor dem Einschlafen diese Gedanken: Ihn festzubinden, ihn mit einer brennbaren Flüssigkeit zu übergießen, ihn anzuzünden – und wenn er vor Schmerz schreit, ein Foto von ihm in Lebensgröße hinzuhalten mit den Worten: Aber sehen sie doch hier, ihnen geht es doch gut, sie bilden sich das alles nur ein!
 
 
 
 

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Editorische Notiz

In Bibliotheken ist die Cutter-Sanborn-Tabelle eine wichtiges Hilfsmittel zur Verschlüsselung von Autorennamen oder Stichwörtern. Mithilfe dieser Tabelle wird etwa aus dem Namen „Meier“ die Chiffre „M511“. Die Codierung soll wohl dazu dienen, Platz zu sparen, indem der Nachname abgekürzt und standardisiert wird. Sie erlaubt zudem das schnelle Auffinden, das Erfassen des Bestands und dessen Einordnung.

Die Cutter-Sanborn-Codierung ist aber auch eine Metasprache, die Sprache der Verwaltung von Büchern. Sie dient deren Profanierung als Katalogware oder deren Einverleibung in einen Wissensmoloch. Der Autorenname wird zu einem von vielen verschiedenen Codes – etwa der Thematik, des Fachgebiets, der Textsorte. Diese Codes setzen ein Buch in Zusammenhang mit anderen Büchern, mit einer Tradition oder Strömung, einer Fachrichtung oder schlicht einem bestimmten Regal.

In der vorliegenden Sammlung wurde das Cutter-Sanborn-System dazu benutzt, Gedichte aus verschiedenen Zeitaltern, verschiedener Herkunft und unterschiedlicher formaler Schulen silbenweise zu codieren. Dabei wurde versucht, wenn möglich ganze Wörter zu übersetzen. Buchstaben, die von der Codierung nicht erfasst werden konnten, stehen lose daneben oder verbindend dazwischen. Manchmal war es nötig, ein Wort in einzelne Silben aufzuspalten; in Ausnahmefällen war keine Codierung möglich, da die entsprechende Buchstabenkombination in der Tabelle fehlte.

Lyrik kann charakterisiert werden als eine Textgattung, die sowohl formal als auch inhaltlich einer Codierung unterliegt. So sind – je nach Schule und Epoche – etwa das Versmass, der Reim oder die Anzahl Zeilen pro Gedicht zwingende formale Vorgaben. Auf Inhaltsebene wird gerne mit Metaphern, Symbolen oder Zitaten und Anspielungen gearbeitet. Lyrische, stark verdichtete Texte (eben: Gedichte) erzeugen in knappen Platzverhältnissen eine Mehrdimensionalität, indem sie auf formaler, inhaltlicher und Klangebene auf Traditionen und Konzepte Bezug nehmen.

Was geschieht nun, so die Grundfrage des vorliegenden Korpus’, wenn man diese bereits mehrfach codierten Texte zusätzlich in einen zweckentfremdeten, aber neutraleren Biblio-thekscode übersetzt? Zunächst einmal bleiben die Gedichte als Gedichte erkennbar, auch wenn man sie nicht mehr (oder noch weniger) versteht. Bereits die Anordnung in Strophen und Verse reicht, um Texte als Lyrik auszuzeichnen. Dabei liest sich indes zum Beispiel auch das Inhaltsverzeichnis zu diesem Buch – vielleicht nicht ganz zu Unrecht – selbst als Gedicht.

Durch die zusätzliche Codierung wird also zunächst insbesondere die Struktur der Gedichte, deren Visualität in Strophen, Versen und regelmässigen Zeilenumbrüchen, betont. End- und Stabreime lassen sich auch in der Codierung nachvollziehen. Grundsätzlich werden zwei Qua-litäten lyrischer Texte sichtbar: Ruhe und Exaltiertheit. Die Wiederholung, das Muster, das Ordnungsprinzip – und deren Durchbrechung. Sie treten vielleicht sogar noch deutlicher hervor, während die inhaltliche Dimension nahezu vollständig unterdrückt und unverständlich wird. In den Hintergrund treten auch die verschiedenen Epochen; zwischen Rammstein und Goethe lässt sich codiert kein signifikanter Unterschied mehr ausmachen.

Im besten Fall entsteht durch die Codierung ein „freistehender Signifikant“, ein von semanti-schem Überschuss befreiter Bedeutungsträger, der selbst keine Bedeutung mehr enthält und doch auf zahlreiche Bedeutungssysteme verweist. Systeme, die vielleicht als solche entlarvt und ein wenig blossgestellt werden.

Bern, September 2017
Christian de Simoni