Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 06/2011)

Brauchtum: Spezialform der Tyrannei.

Von der Überlegenheit der Schreibkunst: Schreiben ist ja nicht (nur) ein ›Spielen‹ mit Worten; es ist auch ein stetig hochkomplexer Versuch, die Intelligenz selbst, alles Wissen und unsere Mitteilungsmöglichkeiten davon neu zu arrangieren und zu komponieren. Das ist zum Beispiel bei einem Bild nie möglich. Auch wenn es mathematisch exakt aufgebaut werden kann, ist da nur noch Mathematik drin, nicht gleichzeitig noch alle möglichen Überlegungen etwa zur Methode selbst und tausenderlei in der Welt und im Kopf (also jenseits der Augen). Und doch ist ein Text oft mehr mit Wärme gefüllt als ein Bild. Nur die Musik schafft es auch noch, diese doppelte Höhe der Komplexität und Fülle allen Denkens gleichzeitig mit einer Empfindungswärme zu versehen, die solche Kunstwerke nie zum Kitsch werden lässt.

Der Tod als das Eindringen der absoluten Banalität ins Reich der Literatur.

Der bärenstarke, junge, heldenhafte Soldat: Ich werde sie alle killen. Ich werde der größte Held meines Landes sein. Ich werde –

Der kleine Profi: (knallt ihn ab)

Der Kollege des Bären, ein ebenso trainierter, schöner, junger, stolzer Mann: Mein Bruder! Ich werde Dich rächen. Du sollst nicht vergebens gestorben sein. Ich werde –

Der kleine Profi: (knallt ihn ab)

Nehmt doch den Dichtern endlich die Ostsee weg!

Kain opferte nur Pflanzen, Abel auch Fleisch; Gott gefiel nur das Opfer von Abel, was dann letztlich zum Todschlag führte. Gott ist eben ein Schweinehund.

Aber die Hölle wollte keinen Bauchrednerquasisprechanonymus aus mir machen. Sondern ich soll die mögliche Wahrheit weniger den tauben als den leisen Ohren mit dem Federvieh Computer predigen. Federn übrigens haben auch die Gelehrten hinter den Ohren, die mit all ihren Federn gleich wie die Vögel mit ihren ganz befiederten Ohren besser hören als mancher mit seinen nackten langen Ohren.

Hochgradig närrisch sind die, die glauben, das Glück des Menschen beruhe auf dem Wesen der Dinge selbst. Denn nichts ist echt. – Sich täuschen zu lassen wäre also nicht arg? Es wär das einzig Ungetäuschte. Weil das Gefühl echt sein kann.

Zum Blog Salzkristalle & Trüffelpilze

Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 05/2011)

Dienstag: Auf zweite Chance im Lotto warten. / Freitag: Selbsttötung.

Ich bin Kremator – ein nützliches Mitglied der Gesellschaft.

Die Minute ist eine blühende Provinz.

In einem ausgesprochen hässlichen Zeitalter borgen die Künste nicht vom Leben, sondern untereinander. – Die Zeiten aber sind immer hässlich.

Ich erkannte ihn an der Art seines Gehens. Und sah an seinen Augen, dass auch er mich erkannte. Aber wir gingen aneinander vorbei, ohne Wort. Wir wissen, dass wir allein sein wollen.

Die schöne Landschaft recht mit Löffeln fressen.

Was unterscheidet uns wirklich von der nichtmentalen Natur außerhalb unserer selbst? Unser Wille zumindest nicht. Wir fallen von der Brücke wie der Stein neben uns.

Wie die meisten das Leben leben: Die Erhöhung des Irgendwie zum Gültigen …

Nicht ein Erschrecken vor dem Tod – vor dem Leben! Warum lebt alles?

Zum Blog Salzkristalle & Trüffelpilze

Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 04/2011)

Mein Interesse für das ›Wilde Denken‹ gerät zunehmend in Widerspruch zu einem Plädoyer für soziale und wissenschaftliche Progression. Aber mit der Zeit zu gehen, das bedeutet zurzeit, den Fokus auf die Erscheinungsformen und Hochburgen von Wirtschaft und Technik auszurichten. Bei dieser so genannten Avantgarde der Wissenschaft gehe ich oft lieber wieder zurück zu einer Art Primitivismus des Denkens, die zum eigentlich auch Angestrebten eine disparate, ja selbst aus konträren Vektoren kombinierte Verbindung eingeht. (Es entsteht die paradoxe Kulturoption einer ›Regression nach vorn‹, der nurmehr eine Art von sehr bewusst zu einem gewissen Teil naiv geschriebener Literatur gerecht wird oder gar erst gerecht werden könnte.)

Die Schönheit des geformten Schmerzes.

Alles ›gemacht‹, nichts ›echt‹, nichts ›von innen her notwendig‹, also de ganz Chäs Kitsch, trotz aller Linkitüde? (Aber wenn es nur das wäre, dass man die eigene Verlogenheit schmerzvoll erkennt und daher als tragischen Zug in seine Lyr einarbeitet?)

Gerade unaktuell: Fasnacht. Fasnacht? – : Alle verordnet, nein: erlaubt lustig. Und sowieso: Fasnacht: Alle dürfen gratis im Bus sitzen; Kinder: Alle bekommen Bock-Prämien bezahlt; Versicherungen bezahlen Taxi-Gutscheine, wenn man über die Festtage nicht trinkt. Aber wir: haben kein Auto, erhalten nichts; haben keine Kinder: erhalten nichts; haben kein Interesse an der Fasnacht: nix! (Und kommt mir nicht mit ›Förderungen‹. Die erhalten Bauern auch. UND den ganzen Rest). Es ist eben, all das, was die Mehrheit will. – Längst leben wir in einer Mehrheitsdiktatur (siehe 16.02.2011); Minderheiten werden nicht (mehr) voll akzeptiert, sondern immer öfter diffamiert oder zumindest vor den Kopf gestoßen. (Don’t tell me nothing ‘bout being a writer! Immerhin bekommt nun ›writer’s block‹ einen zusätzlichen Sinn: Dress black, smash’em! Ein bewusst entleerter Grind am nächsten Grind aufgeschlagen: Hey, da spritzt das Nichts!)

Die zart dreinschlagenden Blüten meiner Gedankenwurzel.

Sie waren, ja, sie waren in New York, sie waren in der Großen Galerie der Cheops-Pyramide, sie haben Petra von Nahem gesehen: was alles ein »ganz anderes Lebensgefühl« vermittle – aber anscheinend nicht für lange – zuhause leben sie weiter wie stets … … … !

Der Wortschatz der XXX: Essen = Mampf / Mampf-Mampf = Festessen / Gluck = Trinken / Gluck-Gluck = Alkohol trinken / Schnarch-Schnarch = schlafen / Bumm-Bumm = arbeiten / Ummagumma = Sex / Die Zahlen 1 bis 30 für die Nummern der Schraubenschlüssel. – – – Happy New World.

Es mag der Spitz aus fremdem Stall uns immerfort bekläffen; doch seines Bellens lauter Schall beweist nur, dass wir reiten!

Zum Blog Salzkristalle & Trüffelpilze

Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 03/2011)

Die Entlarvung des Ichs als grammatikalisch gespeiste Fiktion: Wir wollen sparen / Wir wollen Häusle bauen / Wir wollen Kinder haben / Wir wollen eine gute Bildung / Wir wollen etwas Gutes tun / Wir wollen das Land verteidigen / Wir wollen die Welt wissen lassen, wer wir sind / wir wollen … / Und wissen vor lauter Wollen nicht mehr, was sie wollen; und suchen Rat bei ganzheitlichem Sackhüpfen, in einem interkontinentalen Besinnungslager, im Publikum einer Fachmesse für selbststrangulierende Nirwana-Technik, bei einem Kongress zum Problem frühsexualisierter Computer oder beim Unterwasser-Training zur Sensibilisierung philosophierender Goldleberflecken bzw. herumstreunender Zahnschmelzfußballmannschaften. Voll gefangen im Perpetuum absurrdumm.

Es ist nicht ausgeschlossen, zwischen dem einen Satz und dem nächsten – glücklich zu sein!

Pfüeti, min Tochter, du musst nicht in den Krieg. Dein Brueder schon, sonst ist er kein Mann. Isst keinen Mann. Vergewaltigt Frauen. Pfüeti. Pfüeti. Pfui Teufel. Wenn nur die Russn nicht kommen, oder die Chinesen, die sollen auf weiße Frauen stehen. Und sie dann legen. Flach. Pfüeti.

Erst seit einigen Jahrzehnten nach der Aufklärung ist es evident, dass es auf Erden nie wirklich besser werden wird. Und erst seit damals konnte der Roman zu der Makellosigkeit streben, die ihn weit über die Realität stellt. Denn erst seit damals muss man zwangsläufig in ihm und durch ihn versuchen, Perfektion wenigstens dort herzustellen. (Und wird die Welt nicht dadurch doch besser?)

Einer, der sich immer nur auf das Ticken der Uhr(en) konzentriert, sich manisch darauf konzentrieren muss und wahnsinnig wird: »Hören Sie es nicht, Herr Doktor, Sie hören es doch? Es tickt … – es tickt die ganze Zeit; es/sie will mir etwas sagen … «

Ein Hyper-Exakter: so einer, der die Nachricht erst durchstreicht, bevor er sie ausradiert.

Gott ›leugnen‹ darf jederfrau und jedermann. Gegen die Religionen polemisieren aber stellt die gesellschaftlichen Strukturen in Frage.

In einem freien Europa müsste es den Bürgern freigestellt sein, welchen Körperteil sie für einen Ausweis fotografieren lassen möchten. Der Vergleich von Köpfen setzt sowieso überholte Prioritäten. Kleider, Brüste und Schwänze sind längst wichtiger.

Zum Blog Salzkristalle & Trüffelpilze

Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 02/2011)

Höll Dir Hell-Fetzi-Pah

Höll Tier Hill-Witz-I-A

Hol’s Dir Höch-Viel-Psi-A

Höck’s Mir Hump-I-Mina

Etc.

Wahrer ›elitärer‹ Schriftsteller: Der durch die Fassade des Gesagten hindurch die Lineatur einer Wahrheit, die anders nicht mehr oder überhaupt nicht sagbar wäre, durchschimmern lassen will – zu unserem Entsetzen.

Während das Wort ›Kultur‹ leider schon lange verschiedenste Bedeutungen hat, versinkt auch ›Kreativität‹ zunehmend im Vorsumpf der Zivilisation.

Nur ein 18-Jähriger kann sich der Solipsismus-Idee voll und ganz anhängen. Lasst ihn älter werden und die ersten körperlichen Beschwerden haben: Er wird euch was pfeifen auf »nur im Gehirn vorhanden«. (Qualia, Qualia hoch!)

Dass der Mensch nicht gehen kann und wohnen, wo überhaupt er will, ist Wahnsinn. Merkt das überhaupt einer in aller Deutlichkeit?

Das Leben als wahrer Künstler kann mit einer Quitte verglichen werden: Roh keinesfalls genießbar, werden die nicht schmackhaften Gerbstoffe durch Kochen abgebaut und ein herrliches Endprodukt resultiert daraus, der zwar logischerweise kleinere Teil des Ursprünglichen, aber dafür gewissermaßen eine total vergeistigte Essenz dessen und in eine Transzendenz überführt, die einzig lohnt und anzustreben ist.

Ganz im Gegenteil zu Nabokov, der das Schreiben von Aphorismen für ein Zeichen von Arteriosklerose hält, finde ich, dass es nur die konsequente Fortführung seiner Methode wäre: Statt Interviews nur noch schriftlich zu geben (also das Aufzeigen der eigenen Gedanken in nuce), gibt man gar keine mehr und schreibt die deutlichen Worte in Aphorismen nieder.

Die so genannte ›Intelligenz‹ kommt bei den meisten Menschen nur aus Gewohnheiten heraus, nicht aus dem Begreifen einer Situation.

Ewig blauen licht die fernen Wehen: ewig, ewig … ewig, ewig … ewig, ewig … ewig …

Unser Sinnesapparat (Kant) liefert uns doch nur ein sehr beschränktes Bild von der Welt; das, was wir aufnehmen müssen, um zu überleben. Wer nicht bloß überleben möchte, sondern darüber hinaus etwas mehr erwartet (nicht alle tun es), sollte versuchen, den eigenen Sinnesapparat zu übersteigen – sofern das möglich ist. Hier spielt die Kreativität meines Erachtens ihre wichtigste Rolle: Phantasie geht eben über Visionen hinaus, die nur die Zukunft betreffen, etwa eines Bauwerks oder der Einrichtungsvariante des eigenen Zimmers oder des möglichen Haarschnitts beim Frisör. Gerade, weil viele Bilder, Töne etc. dieser phantasierenden Kreativität ›nicht zwingend nötig‹ sind.

Es gibt allerdings auch noch einen weiteren Weg: Indem wir über diesen Weltbildapparat nachdenken, uns über die Beschaffenheit dieses Weltbildapparates Gedanken machen, arbeiten wir ebenso an einem ›Auszug‹ der Menschheit aus dem (nicht selbstverschuldeten) Reichweitebereich unseres Sinnesapparates und der bisherigen Selbstverständlichkeit der Welt: Wir greifen zu auf eine eigentlich un-begreifliche, sinn-lose Welt. Man nennt es auch Philosophie (in ihrer streng logisch-›mathematischen‹ Form).

Ich bin der lebende Kulturverträglichkeitsartikel!

Zum Blog Salzkristalle & Trüffelpilze