Du und ich

In dir das Meer, die Wellen, helle Strände,

geheime Tiefen, weites Firmament.

In mir die Dürre, Wüste ohne Ende

und toter Kies, auf dem Geziefer pennt.

In dir die Kammern wunderbarster Schätze,

okkulte Schönheit, Glanz vom Orient.

In mir die traurig abgeschiednen Plätze,

wo Müll verrottet, stinkt und schwelt und brennt.

In dir, gleich der Akoya, feine Perlen.

In mir Gerümpel, Reste, Schrott, Zerfall.

Und doch wählst du mich unter all den Kerlen.

Sag mir, Geliebte, hast du einen Knall?

taz > (GROa)

September

Du, Neunter, einst der Römer Siebter,

bist nur zu Recht ein ganz Beliebter.

Ach, Spender letzter Sommerwonnen,

granatgefärbter Abendsonnen,

von roten Äpfeln, blondem Weizen.

Du musst auch nicht so maßlos heizen

wie diese Julis und Augüste.

(Angeber, die man streichen müsste.)

Nein, du bist feines Sinnensausen,

bar sinnentleerter Fußballpausen,

und bleibst – anders als Grass’ Gedicht –

doch mehrdeutig und vielgeschicht.

Erfüllst uns auch mit schlimmem Schauder:

Geburtsmonat des Volker Kauder.

Frech fegst du uns die Haare platt,

sofern man denn noch welche hat.

Lässt böse es an Börsen stürmen,

die Banker fallen aus den Türmen,

ganz wie der DAX steil abwärts sausend.

(Tipp: Monatsende knapp fünftausend)

Was mich noch an dir hängen lässt,

Eröffner des “Oktober“fest

und Todesmond so vieler Ochsen,

das ist dein Hang zum Paradoxen.

Der hebt dich aus der Monatsmasse.

September, du hast wirklich Klasse.

Nur was ich nicht so an dir mag:

Nicht ein einziger Feiertag!

taz > (GROa)

Am tiefen Meer

Pathos gewaltigen Fühlens.

Ehrfurcht vor Schöpfung und All.

Menschliche Unrast. Unmenschliches Klagen.

Frei sein von Tod und Verfall.

Schüttere, sündige Dingwelt

schmilzt in hellscheinendem Sein.

Tiefe. Entfesselte Kräfte. Und Klarheit.

Klänge – so füllig und fein.

Fügung in Schicksal und Schmerzen.

Glanz irisierenden Seins.

Kosmos und Ich als ein irdisches Ewig.

Welt wird messianisches Eins.

All dies kann ein Mensch empfinden,

der von hohem Fels erblickt:

Wellen, die sich – meergeschickt –

wuchtig donnernd strandwärts winden.

Schade, dass das gar nichts nützt,

wenn man an der Algarve sitzt.

Wie ich zurzeit. Denn jetzt mal ehrlich:

Die Wellen sind hier reichlich spärlich!

taz > (GROa)

Philosophen-Frühling

Im Innen eiskaltes Kalkül,

doch lau der Frühling außen –

da hat der Denker das Gefühl,

er muss auch mal nach draußen.

Dispute kümmern in dem Fall

Albertus Magnus wenig.

Die Klasse muss zum Völkerball.

Und er? Wie immer König.

Auch der termingenaue Kant

mit Lampe, seinem Guten,

macht Ausgleichssport am Spielfeldrand

(Gymnastik, elf Minuten).

Da vorn bringt an der Freibad-Bar

ein Subjekt namens Hegel

den Geist an sich, der einzig wahr,

mit Sekt auf Nichtdenk-Pegel.

Selbst Nietzsche, der sonst schweigsam ist,

belehrt, bekehrt, bequatscht da

‘nen Dompfaff (Thema: Antichrist)

und pfeift “La Cucaracha”.

Derweil in blühendem Gebüsch,

beschützt vor fremden Blicken,

Herrn Heideggers seiendes Ich

und Fräulein Arendt … äh … reden.

Dort! Sloterdijk mit Baseball-Cap

bequem ins Gras gekugelt,

wo er in Badeshorts am Lap

sich selbst bei Google googelt.

Bloß Schopenhauer und sein Pu-

del sitzen giftig-bitter

fernab der Philosophen-Crew.

Ihr Wille: ein Gewitter!

taz > (GROa)

Rücktrittbremse

Ein föhnfrisierter Flop, formatbeschränkt,

den es zu Protz und Patte drängt – geschenkt!

Ein konzentriertes Nichts, ein weißes Loch,

dem alle Anziehkraft abgeht – doch, doch!

Der morgens fromm moralisch Moll anstimmt,

mit Maschi abends Shrimps und Schampus nimmt,

dass der nicht glaub- noch würdig ist – na klar!

Dass dessen Werte keiner will – wohl wahr!

Der winselnd ausweicht, wartet, bettelt, blufft,

brav Besserung gelobt – wie hündchenhaft!

Sich selbst als “Opfer schlimmen Schimpfs” erwählt,

sein Tun als “durchhalte-gestählt” – das quält!

Doch dass das Amt samt Würde – schon vergessen? –

im Arsch ist, seit die Dicke machtbesessen

den Widersacher dort in goldne Watte

verpackt, entsorgt und endgelagert hatte.

Dass in der BarRD Pecuniat

mit Politik, sich Bund mit Bimbes paart,

dass Geldgeilheit hier Staatsgeschicke lenkt –

Ist da ein Mann wie der nicht gottgeschenkt?

Ist nicht, wo Macht gern mit Moneten pennt,

ein Wicht wie Wulff als Bundespräsident

– gehievt, geschmiert, gewieft, moralisch hohl –

des Staates schönstes, passendstes Symbol?

Na also! Weitermachen!

taz > (GROa)