Dranmor VI,1b

(Sabia)

Das müsse ich unbedingt ändern. Er verstehe ja, dass es unter dem Dach im Moment nicht auszuhalten sei. Ob ich ihn denn nicht in die Wohnung bitten möchte, er möchte mir etwas zeigen. Und im Keller sei es doch, er sagt: eher beängstigend. Nicht so beängstigend wie unter dem Dach, natürlich. Ja, der Holzboden dort, die Wände seien, nein, so etwas habe er noch nicht gesehen. Aber hier unten sei es einfach zu kalt. Kein Wunder, müsse ich die ganze Zeit husten und mir laufe die Nase.

Und der kleine Heizstrahler würde gar nichts bringen, würde nur Strom fressen. Würde nur nehmen und nicht geben: in der Wohnung sei er bestimmt besser aufgehoben. Und hier unten: das sei doch kein Zustand. Wer mich denn auf diese Idee gebracht habe? Überhaupt: ich könne doch noch nicht arbeiten, nicht in diesem Zustand. Weder hier noch dort. Ich gehöre eigentlich ins Bett.

Das könne er doch gar nicht beurteilen. Und vorbeischauen hätte er auch nicht müssen. Die Wohnung sei nun einmal, ich nenne sie so: unbetretbar. Wenn er schon unangemeldet vorbeikomme, müsse er, jetzt zumindest, mit dem Keller vorlieb nehmen. Ich schenke ihm ein Glas ein und er lehnt ab. Es sei noch nicht einmal fünf.

Er habe mir den ganzen Band vorbei gebracht. Er brauche ihn nun nicht mehr. Darin sei auch das Lied aus der Verbannung zu finden. Ich könne ihn gerne behalten. Er könne damit nichts mehr anfangen. Darin auf den Seiten 173 und 174 das von mir gesuchte. Das seien wohl die Seiten, die in meiner Ausgabe fehlten. Er glaube aber nun nicht, dass es sich dabei um eine Verschwörung handelte. Ein Bindefehler im Jahre 1900. Man habe da bestimmt nicht an mich gedacht, oder wollte irgendjemanden verwirren. Es sei bestimmt keine Verschwörung im Gange und ich hätte ruhig zur Arbeit gehen können, er hätte ihn mir auch dort zukommen lassen können.

Es täte ihm nun auch wirklich leid, dass er das so aufgebauscht habe. So wichtig sei das Lied aus der Verbannung auch bestimmt nicht – er habe wohl etwas übertrieben, als er sagte, hierin läge der Kern einer Dranmorschen Poetologie. Im Übrigen zweifle er mittlerweile daran, dass es überhaupt so etwas gäbe. Bei ihm. Aber, ich hätte ja noch drei Wochen bis zum Einsendeschluss, vielleicht sei da noch etwas zu machen. Er sage ich, weil er sich wahrscheinlich aus diesem Projekt zurückziehe. Er glaube nicht, dass sich in diese Richtung noch irgendetwas entwickle. Nicht bei ihm, er sei nun an einer anderen Sache dran. Wie es denn mit mir stehe?

Roman lacht, als ich ihm sage, dass ich auch unter anderem deswegen in den Keller umgezogen bin – nein, nicht gezogen, schliesslich schlafe ich ja noch in der Wohnung, die aber, wie gesagt nicht mehr betretbar, nur noch beschlafbar sei. Er schüttelt den Kopf, soviel ist aus dem Augenwinkel erkennbar, während ich die Zeilen überfliege: Die Palmen und die Heimat und die Blätterkronen. Und Uns begrüsst der Sabia. Wer ist dieser Sabia? Ich muss das recherchieren. Der Waldesschatten und der Liebe Zauberreich, die trüben Winternächte und wieder der Sänger Sabia. Sehnsüchte, Palmen flüstern und ein Gruss von Sabia?

Es sei kalt, und wenn ich ihn nicht in die Wohnung bitte … Nun, er müsse ja auch noch etwas erledigen. Er werde jetzt gehen. Ich könne mich ja wieder bei ihm melden, wenn ich etwas bräuchte. Zur Eingangstüre finde er selber, ich müsse mir keine Umstände machen. Aber da, hinter diesem Müllberg, das schaue ja gar nicht gut aus. Ich müsse das unbedingt beobachten. Das sei zwar noch gefroren, aber was, wenn es auftaue? Ob denn der Keller überhaupt dicht sei?

Und er helfe mir auch gerne, wenn es gar nicht mehr anders gehe, wenn ich mich entschliessen könne, die Wohnung aufzuräumen oder betretbar zu machen oder überhaupt zu betreten, sonst ändere sich nichts. Ich müsse wohl etwas pragmatischer werden, und geht.

Ich murmele etwas, während ich winke. Habe ich abgewunken? Nein, es steckt tatsächlich nicht viel für mich Neues dahinter. Die bekannte Idealisierung einer fiktiven Heimat im Reich einer tatsächlichen Idylle. Lass, o Gott, erst dann mich sterben, / Wann mein Land ich wiedersah, / Und die Heimat mich beglückte, / Wie es hier noch nie geschah; / Wie die Palmen es verkünden / Und der Ruf des Sabia //.

Im Brockhaus ist kein Eintrag zu Sabia zu finden. Erst im Internet finde ich einige Treffer. In einem medizinische Online-Lexikon finde ich einen Hinweis. Sabia: Brasilianisches hämorrhagisches Fieber, zugehörig zu der Familie der Arenaviridae.