Dranmor VI,4

(Das Dritte)

Solche Dinge gab es. Und andere. Irgendwo wurden sie festgehalten. Vielleicht auf kleine Zettel notiert, oder in Hefte. Lose Blätter. Möglicherweise nummeriert und wieder abgelegt. Auch diese Geschichte in einem Rheinbad. Eine Rheinbadgeschichte wurde geschrieben: mit ihm, ihr und mir.

In dritter Person. Wer war die dritte Person? Am Ende immer der Erzähler. Sie wurde in der ersten erzählt und so auch niedergeschrieben. Eine Geschichte bei der immer zwei Personen, sie und ich, schwimmen gehen und sich am Ende zwei Personen unter Wasser in den Armen liegen, er und sie, nicht einfach nur in den Armen liegen. Eins werden. Und der Erzähler ist dann allein.

Zwei dritte Personen und eine erste: die erste wird zur dritten, die zwei Dritten zu einer, und eine Perspektive verschiebt sich. Auch auf den Zetteln. Und die Nummern stimmen nicht mehr. Andere Zettel kommen hinzu, zwängen sich in die Reihenfolge, sodass Buchstaben eingeführt werden müssen. Oder Nummern, die es noch gar nicht gibt. Und am Ende wird addiert, und es sind auf einmal fünf. Und man kann sie mit etwas Mühe an einer Hand abzählen. Kurz, bevor sie wieder verschwinden.

Und der, der übrig bleibt, muss erzählen. Wer übrig bleibt, erzählt immer und hat die Mühe, die Zettel in eine stimmige Ordnung zu bringen. Oder muss man es Protokoll nennen? Dann wurde protokolliert, und man weiss gar nicht mehr, was los war.

Es war Alkohol im Spiel, aber das ist nie die Ursache von Ereignissen. Vielleicht kann es bestimmte Ereignisse früher ermöglichen. Und vielleicht war es ein Grund, warum sie nicht mehr präzise erinnert werden. Warum nur noch Bruchstücke übrig bleiben und auch nur, wenn diese aufbewahrt und fixiert wurden, denn manche Speicher sind noch flüchtiger, als die Spuren auf Zetteln, in Heften oder Briefen, die dann aber auch zerfliessen, dünner werden und letztlich verschwinden, wie die Gebirgsflüsse, flussaufwärts, die in grosse Seen münden. Denn man blickt immer zurück, in Gegenrichtung und sie enden in einem Stein, einem kleinen Riss in einem Berg, einer Nichtigkeit, die Zeitspalte genannt wird. Sie werden nicht festgehalten.

Dass es gar kein Festhalten gäbe, wo nicht etwa ein Greifen war, zuvor. Höre ich ihn sagen. Und dass es nicht seine Schuld sei, wenn ich nicht begreife, wenn ich nicht zum richtigen Zeitpunkt begreifen könne, wenn ich nicht mit Griffen und Begriffen umgehen könne, höre ich ihn sagen. Vielleicht lacht sie über dieses alberne Wortspiel, vielleicht hätte sie darüber gelacht. Hätte sie? Ich kann nur ahnen, was sie getan hätte. Das Wissen um das mögliche Tun der anderen verflüchtigt sich so schnell.

Wären da nicht die Andeutungen. Die nicht begriffenen Sachen, die trotzdem benannt wurden. In den Heften und Briefen, und den Briefen die folgten. Und denen, die nie abgeschickt wurden. Und denen, die ich an mich selbst adressierte, und die nun, es ist dunkel heute Abend, der Wein nur noch Neige, gefangen sind. Bewacht werden in entfremdeten Kisten, in verjährten Kellern an den Rand gedrängt. Die aus dem Blick gezogenen Schachteln, in fremder Gewalt: die Zell- und Zeilstoff angreift und löscht und auch die anderen Substanzen zermürbt. So liegen die Andeutungen jetzt, meine, ihre, jahrzehntealte Begriffe, seinerseits. Und noch mehr: die ganz alten Wörter, die es heute nicht mehr gibt. Die Wörter der Väter und Mütter, die zuerst benutzt wurden, in ganz fremder Umgebung, sodass sie sich gar nicht mehr eigneten, ausgesprochen zu werden.

Dass diese Wörter, die zu Papier gebracht wurden, bleichten, oder – viel gewaltiger – von anderen ausgesprochen wurden, und entfremdet: Das ist das Dilemma, dass ich das nicht selbst tat. Tue.

Es wird keinen Frieden geben, bevor nicht ein letztes Mal die Sätze gesehen und bearbeitet wurden. Keine Ruhe, bevor den Wörtern und Sätzen, die aus den Spalten und Tälern der Berge kamen, das Rauschen genommen wurde.

Bis dem Treppenhaus die Tonleiter ausgetrieben wurde, den letzten Stufen in Moll der Kies in die Tasten getreten wird: sind denn hier keine Nachbarn? Und: leert hier denn niemand die Briefkästen. Und: wer soll denn nun die Treppen stimmen? Man kann den Kellereingang ja kaum noch sehen. Ist denn das Licht defekt? Wurden hier Schalter manipuliert? Als Waffe findet sich nur ein halber Besenstiel, der helfen muss, das Ungefähre auf Distanz zu halten. Auch das Dunkle. Auch das Rascheln und Fiepsen. Und den opportunistischen Kies. Gegen die Angst. Wovor? Dem Keller? Diesen Raum? Dem bis an die Zähne bewaffneten Schwamm darin, der nun seine Kiste zu verteidigen sucht? Und die Bündel Briefe, Hefte, Zettel. Den Buchstaben darauf und darin. Den Dingen darunter und dahinter. Den Andeutungen und dem einen oder anderen Bild?

Dies sei der letzte Gang hinunter, der letzte Riegel, der dem Sous-Terrain, wie man es nicht mehr nennen würde, vorgeschoben wurde; der dem Haus nun ein Aussen und Innen belässt, aber das Unterste leugnet: Seine Verschüttung. Seine Unzugänglichkeit.

Dies sei die letzte Einheit, die von mir erstritten und geborgen wurde, die noch schleimig und feucht nun auf diesem Tisch liegt: Die unverzollte Fracht, die nicht mehr gelöscht wurde.

Mit einer Nagelschere öffne ich das erste Bündel. Das Jahr 1995. Ein paar Bilder. Eine andere Schrift auf den Umschlägen eines anderen Bündels. Das Jahr 1985. Noch keine Schrift, gereihte Buchstaben, sicher, aber keine eigene Schrift. Dann der Schrecken beim Öffnen des ersten Briefes. Die Blätter, Seiten darin: feucht und leer. Auch die von mir an mich Adressierten. Gefressen. Kleine Striche, nur noch, an den Rändern. Krümel. Hektisch öffne ich ein weiteres Bündel. 1990. Briefe an den Vater. Und wieder die Schriften: weg! Gibt es überhaupt noch Schriften, Handgeschriebenes in der Wohnung. Ich schöpfe Verdacht, renne zum Schreibtisch. Was ist mit den Aufzeichnungen und Exzerpten? Ich wühle in einem Haufen. Dort. Ich kann meine Handschrift erkennen, atme auf. Es will uns scheinen, dass die Zeit gekommen war, wo sich alte Schäden nicht mehr übertünchen liessen, oder auch, dass man hie und da, schon aus Nachahmungssucht und durch freches Beispiel demoralisiert, die Gelegenheit nicht versäumte, um sich von lästig gewordenen Passivas auf wohlfeile Art loszukaufen … Die Exzerpte zu Dranmors Bericht des Kolonisationsprojekts. Protokolle eines Scheiterns. Gottseidank. Sie sind noch da.