Dranmor VIII,5b

(Randlingen)

Da kann man ein Brötchen erkennen. Ein zwei weitere, die doch zu essen seien. Man müsse sich doch ernähren. Und die älteren und zerfallenden, die Brosamen, die ringsum lesbare Spuren bilden. Braille? Die ehemalige Hefeklöse umtanzen und verehren und rufen: ihr seid unsere Sonnen, geblendet von der jüngsten Jugend des Frühstücks. Nur das in der Mitte stoisch: Lasst mich in Ruhe, und In der Gedanken Dämmerung verglimm, / Was blenden einst vor einem Geiste stand; / Und immer heller glüht der Sonne Brand, / Des Feuerballs, der mich so trübe stimmt. /

Die anderen Brötchen schweigen betreten. Die Brosamen, die sie umkreisenden Planeten, strahlen weiter vom noch nicht bewucherten Tisch. Tapetenmuster, wo keine waren. Dschungelmuster: überwältigendes Grau, bräunliche Striemen, rote Knospen, da ein paar, und dort; Imperative des sich allmählich verfertigenden Raums.

Eine Ecke entpuppt ein Bildernest, zwei rahmenlose Schreine wilden Malens. Hier eine Skizze, nein ein barockes Gemälde eines ehemaligen Waldbewohners. Ein Gehöft als Waldmittelpunkt und Au, grelles Querformat, die vielen Fenster, die wie Augen auf den Betrachter starren. Outsiderwerk, von hundert Wassern gebleichte Lichtung des Wahnsinns. Das Hier. Randlingen.

Auch hier eine Sonne. Hinter der Mondmaske – vor ihm ein strahlendes Paar. Ein wirklich interessanter Rahmen. Der Wald zur Au.

Daneben: blauer See undatiert, Oel auf Pavatex. Bei längerer Betrachtung das gleiche Motiv. Nur invertiert. Ein Etwas in einem anderen. Wölfli und Steffen, die umgekehrten Vorzeichen als Vorzeigeinsassen Randlingens, wie man versuchte zu erklären. Diejenigen, bei denen man sich nicht ganz sicher war, die es aber doch geschafft hätten, im Nachhinein. Posthum sozusagen, die Medizinmänner nicht ohne Stolz. Wenn es mich interessiere, ja, dort im Regal läge eine wichtige Publikation des Hauses. Die Bilder seien auch darin zu finden, auch einige, die hierin geschrieben hätten.

Was kann man anderes tun als blättern, solange die Sonne scheint und gewiss, dass dieses Buch heute nicht vollständig verschlungen werden würde, und man nie wisse was morgen sei und ob man morgen noch würde lesen können.

Man überfliege. Man gleite über alles, was zu überfliegen wäre, stocke hier und dort, weiche dem einen oder anderen Baum oder Gebäude aus, Vögel flattern dann irritiert auf. Dann lässt man sich in der Erschöpfung auf einem kleinen Hügel nieder, einem Textmonolithen, einer dichten Insel und lese die Zeilen Im Walde, beispielsweise Falls ich nicht sehr im Irrtum bin, / flaniere ich dann her und hin / und mein, ich sei in einem Zimmer, / umwoben von gemaltem Schimmer. /

Dieses Gedicht Walsers sei nicht publiziert worden, der Widerspruch, und hier, vielleicht in diesem Zimmer geschrieben, man wisse es nicht. Man könne es aber auf 1931 datieren.

Oder Das Wenige, das sich selbst schrieb. Hier, In seines hübschen Stübchens Enge / Schrieb er an Büchern ein Menge. Oder die Dinge, die sich noch im Reim übten und sich doch in einem Roman verfingen. Aber die hellen Brötchen, dazu der dunkle Kaffee, verboten, nein, man werde keine Ausnahme machen.

Man schätze auch die letzten drei Zeilen des Archivars, er lächelte ironisch und war tot. Das alles in allem lustige Buch überfliegend. Die Internierten – Klassiker der Schweizer Psychiatrie. Randlinger Meister. Die Enge. Und wenn das Papier knapp wurde, musste man sicherlich kleiner Schreiben. Mussten auch die Rückseiten beschrieben werden. Alles, was beschreibbar war, wurde beschriftet, so dicht, als gelte es am Ende einen grauen Block abzuliefern. Einen erratischen.

Ein rollender Wagen. Gefliesstes Echo. Meine Türe hat keine Klinke. Innen nicht und die Angeln sind im Rahmen versunken. Das kleine Guckloch blind und verklappt. Neugierig: Kommt da ein Brötchen?

Ihm geht Die Zeit behend vorbei, als wenn sie früher schon gewesen sei. Gedichte und Dramolette aus dem Gesamtwerk. 1971. Danach eine andere Randlinger Grösse. Aber die Klappe öffnet sich und ich stelle mich schlafend, denn das beobachtete Wachen ist eine einzige Störung. Ist ein Mord. Ist ein Anstaltsroman. Das Wachen ist eine einzige Prozessunterlage. Die zwei Klappengesichter und ihr Maskenlächeln. Wie ein ganz liebes Kind. Dann eine Psychoanalyse der Dauerschlafherren. Sagen sie das? Wir lassen ihn schlafen oder Er muss schlafen. Und etwas essen! Alle zwölf Brötchen auf einmal. Und die Reste werden eingeatmet. Auf Lunge geraucht, die Restbrötchen. Später. Klappe zu.

Eine Geschichte müsse irgendwo spielen. Die meine spielt im Kanton Bern in einer Irrenanstalt. Was weiter? Man wird wohl noch Geschichten erzählen dürfen? Ich sei hier immerhin in Randlingen und die Personen, die hier auftreten, seien frei erfunden. Und dass dieser Roman keine Schlüsselroman sei.

Und legen Sie doch bitte diesen Schmid weg. Schmid, h-ö-r-e-n-s-i-e-b-i-t-t-e! Einer der so heisse, kann gar nicht geschrieben haben. Da sei jedes Wort darüber kein Wort mehr.

Aber, dass er ja gar nicht so heisse, offiziell. Aber natürlich, Herr Matto, dass er ihretwegen auch anders heisse, oder ganz anders und man ruhig mit seinen Buchstaben würfle. Aber nicht hier in Randlingen, ob ich verstehe, hier drin gibt es sowas nicht und jetzt Her damit! Und die Risse am Einband und der sich spaltende Buchrücken und der Kampf um das Lesebändchen. Einer hat sich verletzt. Eine tiefe Daumenwunde tropft. Ein kleines Geschrei. Das sei nun konfisziert. Das hätte man schon lange tun sollen.

Das trifft nicht besonders. Wesentliche Stellen wurden von mir herausgenommen und in Sicherheit gebracht. ich werde ihnen nicht mein Versteck verraten. Aber sie haben das Fehlen entdeckt! Ein Schlüssel dreht und windet sich von aussen in die Tür.