Freitag, 18. August 2006

luftbibliothek

erst jetzt stosse ich auf diese anmerkung mit einem zitat von charles babbage in franz dodels weblog, das zunächst verwirrte, dann aber klarer und verständlicher wurde und bald eigene vermutungen (lange gehegte, vage vorgestellte, nie formulierte modelle) bestätigt. und noch weitergehend: die frage worüber oder warum schreiben* ein für alle mal beantwortete. denn es geht sehr wohl um eine sehr sehr kleine aber ganz konkrete form der einflussnahme.

10374-10378: Vgl.: Charles Babbage, The Ninth Bridgewater Treatise. A Fragment. First publishes 1837; 2nd ed. London 1838; Chapte IX., On the Permanent Impression of our Words and Actions on the Globe we inhabit: “The pulsations of the air, once set in motion by the human voice, cease not to exist with the sounds to which they gave rise. [..."> The waves of air thus raised, perambulate the earth and ocean’s surface, and in less than twenty hours every atom of its atmosphere takes up the altered movement due to that infinitesimal portion of the primitive motion which has been conveyed to it through countless channels, and which must continue to influence its path throughout its future existence. [..."> Thus considered, what a strange chaos is this wide atmosphere we breathe! Every atom, impressed with good and with ill, retains at once the motions which philosophers and sages have imparted to it, mixed and combined in ten thousand ways with all that is worthless and base. The air itself is one vast library, on whose pages are for ever written all that man has ever said or woman whispered. [...">“

____________

* wenn wir das schreiben nicht nur als grundlage und vorstufe des gesprochenen wortes (voice), sondern analog, die bewegungen des schreibens und die dadurch verursachten druckwellen als akkumulierbar, speicherbar oder sonstwie (atmosphärisch) repräsentierbar vorstellen. weitere stichworte: schallarchive, lichtbildarchive, druckwellenarchive, luftliteratur

text #4293 (hab) ∈ zettelkasten
(13) kommentareprint ≈ (0) trackbackspermalinkrss (dieser beitrag)


kommentare

hinweis: bitte erst denken, dann schreiben! kleine tippfehler werden von uns stillschweigend korrigiert. kommentarlose löschungen behalten wir uns vor.

#1

das bild der luftbibliothek ist wundervoll.
nicht ganz oder nicht auf anhieb einsichtig jedoch deine bemerkung: “die frage worüber oder warum schreiben ein für alle mal beantwortete”.

(eine andere frage die sich aus der luftbibliothek ergibt: wie sind ihre bücher zu lesen - wie im materiellen sinn: wie öffne ich ihre bücher?)

mah  am  18.08.06
#2

ich gebe die frage mal an dodel weiter. vielleicht ist es auch verboten, sich darüber gedanken zu machen, weil man sich ganz auf die bestückung konzentriert. (ähnlich, wie ein schreibender sich vielleicht keine gedanken über seine leserInnen machen sollte, weil es eine blockade auslösen könnte). ein praktisches beispiel aus der bibliothekspolitik. heuer wird (koste es was es wolle) für ein kurz- bis maximal mittelfristiges nutzerinteresse digitalisiert, in formaten, von denen man nicht weiss, wie sie in eine fernere zukunft transportiert (weitergereicht) werden sollen. man blendet das (mehrheitlich) einfach aus. diese literatur wird verschwinden. aber, man argumentiert mit einer verfügbarkeit unglaublichen ausmasses. die bemerkung ging jetzt ein bisschen an deiner obigen frage vorbei. ich versuchte das unter dem blickwinkel langer zeitläufte zu sehen, die diese frage dann wiederum etwas kleiner macht ...

hab  am  18.08.06
#3

du hast die frage, die ich in klammern setzte, beantwortet und über diese antwort liesse sich streiten, da bibliothek eine verfügbarmachung für den interessierten leser impliziert (ob sofort, heute oder erst in einigen wochen - egal). die bestückung macht die qualität einer bibliothek aus - oder irre ich mich?

noch immer nicht verstanden habe ich, was ich im ersten kommentarteil ansprach. 

mah  am  18.08.06
#4

wie es “imaginäre archive” gibt, gibt es auch “imaginäre bibliotheken”. (ich meine da den foucaultschen archivbegriff). es handelt sich da weniger um tatsächliches material (ein buch bspw.), sondern die vorstellung einer grammatik oder eines regelsystems, das meint, wie etwas zu einer bestimmten zeit üblicherweise gesagt/beschrieben wird, oder nicht. im falle der luftbibliothek (das jetzt so weitergesponnen), geht es um die vorstellung, dass und wie etwas geschrieben wird und sich in einem vorstellungsraum (in der luft) versammelt. ein (zeitl.) jeweils spezifisches spektrum an bewegungen, die gedanken darstellen, ohne aber, dass man sich die einzelnen gedanken herauslösen und vorstellen könnte. es ist also vielleicht eher eine art muster ... (und wir beteiligt an der gestaltung des musters)

hab  am  18.08.06
#5

und weg ist die babbage-poesie!
nein, ich lese den zitierten text anders - nämlich wörtlich. natürlich ist meine frage, wie diese bibliothek zu lesen sei, unsinnig - aber genau aus dieser in den raum gestellten möglichkeit ergibt sich die kraft dieses bildes. 

mah  am  18.08.06
#6

du sagst bild. genau das ist es! es handelt sich bei dieser bibliothek um ein (allerdings ganz konkretes, zu konkretisierendes) bild. (oder bilder?). man müsste das einem maler in auftrag geben ..

hab  am  18.08.06
#7

entschuldigung, ich antworte erst jetzt auf den ersten teil deiner frage (die ich erst jetzt als frage begreife). es geht hier allgemein um sinnstiftung, also darum, warum man offensichtlich etwas macht, was auf den ersten blick keinen sinn macht. (nicht wirksam ist). es ist also eine form der beteiligung an diesem, nein, dieser muster. es ist das sorgetragen, dass etwas nicht erstarrt. es ist sicher nur eine kleine verschiebung. aber aus sicht der chaostheorie gibt es den schmetterling, der vielleicht doch eine lawine auslöst. aber auch das ist nur ein pathetisches bild ...

hab  am  18.08.06
#8

vielleicht kann man den pathos etwas mindern, indem man den schmetterling durch das ersetzt, was ein mann im kriegsgetümmel vor jahrhunderten brüllte oder was eine frau auf der anderen seite der welt ihrem kind ins ohr flüsterte, und die lawine durch das, was wir hier auf den bildschirm schreiben.

mah  am  18.08.06
#9

die lawine durch das, was wir hier auf den bildschirm schreiben. ... die “lawine” vielleicht: die energie, die uns das hier schreiben macht ...?!

hab  am  18.08.06
#10

Wahrhaft atemraubend und prophetisch.
ich war zugleich an die Lichtmalerei Picassos (mit der Taschenlampe im dunklen Studio) erinnert - als Bild sozusagen ;-)
Sinn ergibt der scharfsinnige Schluß Babbages vor allem in der Synthese: die Stimmen sind nicht wieder trennbar. Die Ein-Buch-Bibliothek kann nur von außen (Weltraum?) geöffnet werden.

grau  am  18.08.06
#11

vom sog. opl (one-person librarian)

hab  am  18.08.06
#12

luftbibliothek, warum atme ich?
luftbibliothek, warum schreibe ich?
luftbibliothek, warum lese ich?
warum lebe ich?
ab und zu glaube ich eine antwort gefunden zu haben. ab und zu merke ich, der antwort sehr nahe zu sein, aber sicher bin ich mir nie.

mar  am  20.08.06
#13

mar liefert das stichwort: in der luftbibliothek lesen heisst atmen.

mah  am  21.08.06
seite 1 von 1 seite(n)

name:

email (erforderlich):

url (optional):

cookie?

benachrichtigen?

bitte die zeichenfolge eingeben: