Umkreisen
(M55)
Alle neunundneunzig Bücher des Erdenkreises habe ich gelesen und das neunundneunzigste, welches den Äquator in Alexandrinern bemisst, habe ich auswendig gelernt. Die rhythmischen Zyklen, die das Versmass durchläuft, imitieren die Sonnenläufe zwischen den Polen und formen so die Welt zu einer Kugel aus ungezählten Kreisen.
Die neunundneunzig Bücher der Bibliothek von Wergenstein enthielten die Welt in ihrer Gesamtheit. Umfassend war das Wissen, das sie dem Leser schenkten, und still das Vergnügen, das ihre Lektüre bereitete. Wer das kreisrunde Gestell umschritt, umkreiste die Dinge und umrundete die Welt. Als Antonia die Bibliothek von Wergenstein betrat, fragte sie: „Beschreiben diese Bücher auch den Raum, der von den Dingen ausgeht?“ Etwas ratlos erzählte ich ihr von den Totenköpfen in Madagaskar, von den Mangrovenwäldern im Amazonas und von den Hunden der Mongolei.
Markus A. Hediger, Die Bibliothek von Wergenstein, Skypaper Press, 2006, mehr ...
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kommentare
hinweis: bitte erst denken, dann schreiben! kleine tippfehler werden von uns stillschweigend korrigiert. unflat wird kommentarlos gelöscht.ich begann zu lesen, dachte, den text kenn ich doch, war mir aber erst wirklich sicher, als ich den namen des autors sah.
schön, in diesem kontext zitiert zu werden…
versteht sich doch! wurde zwar in diesem zusammenhang ausserplanmässig gelesen. in diesem zusammenhang wird aber auch zumindest zu 50% ausserplanmässig geschrieben. übrigens: wenn die autorfunktion vor allem textadressierung ist, dann kann man das gar nicht oft genug zusammenbinden. habe jetzt erst wieder erfahren dürfen, wie schwierig eine rekonstruktion ist ...
wenn die autorfunktion vor allem textadressierung ist
ich glaube es schon erwähnt zu haben, dass mir der anonyme autor noch immer der liebste ist, weil dieser es dem inkognito reisenden leser am einfachsten macht, sich im text wiederzuerkennen.
stünde nicht mein name unter obigem beitrag, ich wäre immer noch ganz fasziniert von den kongruenzen zwischen eigener erinnerung und gelesenem. so muss ich mich damit abfinden, dass ich das schrieb und die faszination purer eitelkeit entspringt.
meine pers. erfahrung ist da: “der autor” anonymisiert sich automatisch (s. dranmor, s. a. wismuth) sobald er aus dem diskurs verschwindet. fiktionalisiert sich. die anonymität scheint durch den namen durch, oder überlagert diesen. ein patinaeffekt. autorname wird zu einer wörtlichen signatur, die uns hilft, textgruppen zu erstellen. letzteres kann den text belasten. ersteres hilft beim texterinnern. eine autorenbiographie auf dieser grundlage ist da immer auch eine imaginierte, aus der sich wiederum schöpfen lässt. das war auch ein kern des dranmorprojektes. texte so zu gruppieren, auch umzusortieren, neu anzuordnen, zu harmonisieren und ergänzen, wenn letzteres wieder als freiheit erfahren wird, habe ich für mich daraus abgeleitet. wichtig war da aber vor allem der weg, abzubilden, wie sich der imaginierte autor als stoff reanimieren lässt. vielleicht kann man das ganze als stoffwechselprozess beschreiben ...
so auf die spitze getrieben wird der autor selbst zu text. sein name wandert von der titelseite des buches in das buch hinein. so gefällt’s mir wieder.
... und hinten wieder raus. (springt von einer brücke oder auch nicht.) taucht noch einmal auf dem rückencover auf. umkreist es. dringt vorne wieder ein & bleibt so in einer schlaufe gefangen, bis er durch lesen erlöst/herausgelöst wird. auch so: die erlösung aus dem teufelskreis der autorschaft, kann wohl nur durch rezeption erreicht werden ...
ad mah (#3): zufall? du erhältst ungewöhnliche und prominente unterstützung. finde ich gestern
Es könnte eine Lösung geben: Das einzige Gesetz für die Presse, das einzige Gesetz für das Buch, das ich aufgestellt sehen möchte, wäre das Verbot, den Namen des Autors zweimal zu verwenden, und darüberhinaus das Recht auf Anonymität und auf ein Pseudonym, damit jedes Buch um seiner selbst willen gelesen werde (...)
foucault zu der tatsache: je mehr er schreibe, umso weniger werde er gelesen.
aus: Eine Ästhetik der Existenz. In: Michel Foucault, Ästhetik der Existenz. Frankfurt, 2007 - S.285
das ist schön…
je mehr er schreibe, umso weniger werde er gelesen.
ob das mit der tatsache zu tun hat, dass sein name über oder unter seinen texten stand (in der art: wir sind es leid, von dir zu hören/lesen. wir wollen neue namen!)?
auf uns angewandt: publizierten wir in unseren weblogs unter verwendung mehrerer pseudonyme, brächte uns das mehr leser ein? (gefährliche ideen, deren versuchung ich kaum widerstehen kann. die probe aufs exempel machen: eine fiktive autorengruppe mit ständig wechselnden autorennamen gründen.)
hat tatsächlich damit zu tun, wie er sagt. lesende sind interessiert am novum (debütantenphänomen). ist ein text als position erst mal im eigenen system adressiert (qua autorname), ist für die meisten schon gut ... und weiter gehts. trifft in f.s falle natürlich eher auf eine breite leserschaft zu, denn die folgenden texte sind/waren immer noch relevant für einen bestimmten kreis. daraus folge ich für dein zweites. kann sein! allerdings erlägen die texte (daraus folgend) dann nicht dem autorennamenphänomen, sondern irgendwann dem gruppen(namen)phänomen, was adressierung für eine “breite leserschaft” anginge, vermute ich ...


