Mein Herz war ein Kolibri

heisst es, und: genau über deiner Stadt in einem Märzgedicht von Evelyn Schlag (Brauchst du den Schlaf dieser Nacht, Zsolnay, 2002). Man wird hellhörig und liest schärfer und vermutet in jedem Winkel der Zeilen einen vermissten Igel, denn auch hier ist viel Zeit für das Sichten der Tiere. Und gereist wird: von amerikanischen Kleinstädten in botanische Gärten oder von Wort zu Wort, wie das Lesen immer ein Reisen ist, oder: von Punkt zu Punkt bis man zum Stehen kommt und Bilanz zieht. Da ist auch sehr viel von Liebe zu lesen, soviel, am Ende passen die Zeichen kaum mehr zueinander, sosehr hat man sich bald an diesem Wort betrunken getrunken. Der Körper plustert sich ein wenig, dann. Die Kleider werden eng, unpassend und gegen die Mode, an einem Platz auf der Fifth Avenue. Die Mutter geht in einem Streifen Licht / Einen Gehsteig in New York entlang / Sie trägt eine kurze weiße Bluse / Die nur einen Ansatz von Ärmel hat /. Und nur ein Seufzer kann ebenda den Kragen der Verwandtschaft weitern. Vom Vater weiss man, er hat zwei freundliche Schafe / Mit Namen Susan und Sonntag // Ich habe ja auch Schafe / Schrieb er mir aber leider / Muß ich ihnen die Knie / Brechen lassen das / Versetzt sie in Schock //.

Auch das Schöne: Die Erinnerung passierter Dinge sind gelungene Halbidyllen mit einem Rest Bergwanderung in abstrakter Bewegung hinauf. Dort ist der Kamm fürs Haar, für Hühnerköpfe oder eben das Oben eines Hügels. Pessoa erscheint (wolkengleich, auf einer Wolke, irgendwie: angesegelt) und drängt die Frage, was passiert, Wenn die Dichter im Pavillon lesen /. Vielleicht Klettern die Pfauen durch die Luft / Auf das Dach ihres niedrigen Häuschens / Legen ihren Stolz quer über die Rippen / Der Ziegel schließen das Auge zur Sonne / mit berechtigtem Blinzeln, besteht doch immer die Gefahr, dass du so taub wirst, wie ich blind. Mir bleibt ein mutiges Tasten nach bekannten Wörtern (hierfür und hierfür und auch dem Igel, Vorsicht!) auf dem alten Sofa und im Falle eines Findens ein langes Atmen.