Mittwoch, 09. Juni 2010

Ca. 13° (notula nova 87)

"Der Text strebt danach, sich in ein einziges, ‚grosses Wort‘ mit einer einzigen Gesamtbedeutung zu verwandeln. Dieses sekundäre Wort ist, wenn wir es mit einem künstlerischen Text zu tun haben, immer eine Trope: Im Vergleich zur gewöhnlichen, nichtkünstlerischen Rede scheint der Text in einen semiotischen Raum mit mehr Dimensionen zu wechseln” (Lotman, Innenwelt, 69)

Und: Die (zeichnerische) Ästhetik der Code-Struktur-Symbolisierungen. Der Bar- und der QR-Code.

1. Die Ordnung, Reihung, die Stelen (Staben), Linearität (Abfolge) vs 2. Das Feld, Chaos ... Seitlichkeit vs. Sukzession. Zeitliche vs. räumliche (An)Ordnung (Ausdehnung in alle Richtungen) undsoweiter. Die 2 Zeiten der Postmoderne, Vektoren, Flächen.

Und hier ein Tipp an einen Autoren: vielleicht sollte doch an eine Vertragsauflösung gedacht werden, wenn sich eine Edition P u r z e l h e x c h e n nennt. Das ist ein ästhetisches Gebot. Man ist es seinem Text einfach schuldig. (Wer weiss, vielleicht findet sich ein Goldkörnchen in diesen Notizen. (Barthes, Tagebuch der Trauer, 27/10))

Die Körnung von Erinnerung. Und: “Ich will nicht darüber sprechen, weil ich fürchte, es wird Literatur daraus” ... (ebd.)

Und: “Von nun an und für immer bin ich meine eigene Mutter” (ebd.) (Das Wetter ist doch ein lohnendes Thema, zu schreiben über: dergestalt – wie heute – die Erwartungen so niedrig, dass uns schon wieder frohgemut ist. Wir entdecken das Abschreiben als Vorgang, der durchaus Glück produzieren kann. Es ähnelt der Verfertigung einer Notiz. Die eine Fixierung ist und sich dem Verdrängen (Aufräumen) preisgibt. Ein Hygieneakt und einer der Ordnung. Katharsis, auch. (Nächster Halt: Biberist). Vielleicht / Darum auch das Zustimmen zu Sätzen wie “I am happy when it rains” (J&MJ)

Und: Die Veranstaltung Netzkritik, bei der er es sich allerdings nur um das Thema der (Literatur-)Kritik im Netz handelt, und fälschlicherweise die Erprobung einer (kritischen) Sichtweise dessen impliziert, was Netz sein könnte. Ähnlich also der (stetigen, konsequenten) Verwechslung von Netzliteratur und “Literatur im Netz”, die aber ganz andere Werke (nämlich Werkfiguren) und Werkbegriffe meint. Alles bleibt also beim Alten, und der geht bald in Rente. (Wie ist das nun mit dem Digitaldruck? Wer kann besser, günstiger? Sind wir nicht alle Digitaldrucker, solche, meistens, die nur zwei Tastenbewegungen davon entfernt sind.)

Übrigens befinden wir uns hier in einem Kühlzelt. Für Morgen erwarten wir ähnliche Temperaturen. Denken an Glühwein. (Der nun sicher besser liefe als Bücher.) Denken an Bratwürste, Sauerkraut, Senf, solche Dinge.

Und an
Buchspender
Bernense
E-Pub-Konverter (in spe)
Heut sind sie alle da.

Unter uns: Das Experimentelle dieses Buchs (Kfk) ist die Versuchsanordnung aus seinem Sein: auch mit der Frage, z.B., ob denn noch gemeinfreier Text eines gemeinfreien Autoren verkäuflich ist. - Eine soziologische Studie also. am Warenfetisch. Auraverschiebung. Fettung.

text #5424 (hab) ∈ notula nova (theorie und praxis)
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kommentare

hinweis: bitte erst denken, dann schreiben! kleine tippfehler werden von uns stillschweigend korrigiert. kommentarlose löschungen behalten wir uns vor.

#1

"Wir entdecken das Abschreiben als Vorgang, der durchaus Glück produzieren kann. Es ähnelt der Verfertigung einer Notiz.”

Bei dieser ganzen Diskussion übers Abschreiben geht völlig vergessen, dass diese Tätigkeit vor der Erfindung der Buchpresse als ehrenvolles und überaus anspruchsvolles Kunsthandwerk angesehen wurde…

Markus  am  09.06.10
#2

stimmt! der kopist war vielleicht so etwas wie der mittelbau-wissenschaftler avant la lettre. es gehörte da wohl auch eine enorme (selbst-)disziplin und talent dazu, text so exakt wie möglich zu reduplizieren. (muss man also wohl immer an der bedeutung vorbeilesen um nicht gefahr zu laufen, bewusst oder unbewusst in diese einzugreifen).

hab  am  09.06.10
#3

vielleicht muss man das jetzt auch noch mit bartleby zusammendenken. ein “bartleby muss man sich als einen glücklichen menschen vorstellen” passt hier aber nicht so recht ins konzept ...

hab  am  09.06.10
#4

Es war da auch eine enorme Ehrfurcht vor dem zu kopierenden Text vorhanden: Das mühsame, genaue Kopieren vermittelte dem Kopisten einen Bruchteil der Anstrengung, die das Verfassen des Textes den Autor gekostet hatte. Die heutige Copy&Paste-Methode gaukelt dem Kopisten vor, das Schreiben selbst sei so einfach wie ein Mausklick.

Markus  am  09.06.10
#5

die heutige nichtknappheit von text gauckelt dem kopisten allerdings auch vor, alles wäre irgendwie schon geschrieben und man müsse es bloss noch finden und eventuell (re)kombinieren. (ganz falsch ist das natürlich auch nicht.) es verschiebt den schreibbegriff / die vorstellung dessen etwas in richtung des - bald gleichberechtigten - findens und montierens als parakreativen urakt. einem des informierten lesens also. ich finde ja, so aus der pratischen erfahrung heraus, die produktion von text aus der konkreten vorlagenlosigkeit ja mitunter nicht weniger anstrengend, als die arbeit an materialien, die zu einer bestimmten idee geformt, modelliert, zueinander hingebogen werden sollen ...

hab  am  09.06.10
#6

Vielleicht habe ich mich missverständlich ausgedrückt: Ich bin kein Feind des Kopierens. Auch wir, die wir “Eigenes” zu schreiben versuchen, stehen auf den Schultern von Riesen. Und ich gehe mit dir einig darin, dass vieles, was als Geschriebenes zugänglich ist, mit nicht viel mehr Aufwand verfasst wurde, als es den Kopisten kostet, es zu duplizieren. Sieh dir bloss die Agenturmeldungen an, die von verschiedenen Online-Publikationen oft 1:1 übernommen werden - inkl. orthografischer Fehler. Aber es gibt noch die Kopisten, die sich die Mühe machen, sich mit dem Ausgangsmaterial auseinanderzusetzen und da, wo sie es der Sache als dienlich ansehen, eingreifen oder darauf aufbauen. Diesen Kopisten rede ich gerne das Wort, nicht nur, weil ich selber einer von ihnen bin.

Markus  am  09.06.10
#7

ich will da dieses “auseinandersetzen” aufgreifen. und es noch einmal mit dem glücks-zitat “Wir entdecken das Abschreiben als Vorgang, der durchaus Glück produzieren kann.” zusammenbringen. dieser satz (dieser gedanke) ist entstanden, als ich tatsächlich aus einem buch (das ursprünglich sicher ein digitales typoskript war) eine passage in mein notizbuch verhandschriftlicht habe. (es gab da aber auch noch andere ansätze) es war also eine ganz besondere form der auseinandersetzung mit text, diejenige einer gewissen aneignung. (es war mir also tatsächlich nach diesem vorgang so, als hätte ich mit an dieser passage gearbeitet. und an ihrer bedeutung ... ich habe ihr ein anderes (schrift-)bild verliehen, den text gewissermassen subjektiviert und noch dazu in einen (meinen) spezifischen kontext (der notula, nämlich) eingelassen. das hat, gebe ich zu, eine ganz andere art von befriedigung hinterlassen, als solch eine eines nur-verstanden- und prozessierthabens von text. es hat sich damit so etwas wie ein spezielles eigentumsverhältnis entwickelt. etwas, das sich wohl selbst bei einem ehrfürchtigen kopisten nicht eingestellt haben dürfte. (der war aber sicher über andere effekte seines akts beglückt ... je nach dem). was ich also versucht habe anzudeuten: es gibt da verschiedene formen der aneignung und verdoppelung von text. und eine, so anachronistisch sie sein mag oder vielleicht gerade deswegen, liegt in der textbewegung, die man nachzeichnen muss, damit dieser in einer besonderen form entsteht.

hab  am  09.06.10
#8

Die handschriftliche Abschrift ist - im engen Sinn - eigentlich ja keine Kopie. Sie gibt sich, durch ihr (in diesem Fall: Schrift-)Bild, als eigenes zu erkennen.
Vielleicht kann man es zugespitzt so sagen: Ums Kopieren kommt keiner von uns herum, aber die Aneignung findet erst durchs Hinzutun von Eigenem statt - in welcher Form auch immer.

Markus  am  09.06.10
#9

ja. ok. die differenz könnte ich gut unterschreiben. allerdings wird dann wohl der “historische” kopie- und wohl auch der kopistenbegriff sehr unscharf. oder müsste eigentlich revidiert werden. denn eine verlust- oder gewinnfreie kopie oder allgemeiner: eine dublierung eines textes ohne geringste störung, spur oder signatur des kopiervorgangs, bzw.: eine kopie, die mit dem kopiertem / der quelle identisch ist, erhalten wir ja erst seit der existenz digitaler inhalte / formate. hm. ich stelle mir jetzt bartleby als einen glücklichen informationsmanager in lohn und brot vor ...

hab  am  09.06.10
#10

"allerdings wird dann wohl der “historische” kopie- und wohl auch der kopistenbegriff sehr unscharf.”
Genau das macht (in meinen Augen) diese Diskussion so spannend. Das heutige Verständnis vom Kopieren wird dadurch verwässert und so vielleicht von dem ihm anhaftenden Nimbus des Illegalen wieder befreit. Den “historischen” Kopisten sind ja tatsächlich oft Abschreibefehler unterlaufen, mitunter schwerwiegende. So existieren zum Beispiel Abschriften des Neuen Testaments, die in einem Buchstaben voneinander abweichen, wodurch sich aber ganz andere Sinnzusammenhänge ergeben.
(Ob das digital Kopierte tatsächlich mit dem Kopierten identisch ist, müsste genauer untersucht werden. Der Kontext, in dem das Kopierte dann verwendet wird, ist ja selten identisch mit dem ursprünglichen Umfeld der Quelle.)

Markus  am  09.06.10
#11

letztere idee ist besonders spannend. das original kann damit nur noch original sein im ensemble mit seinem originalkontext. bildlich gesprochen: ein aus athen entfernter torso wird durch einen ausstellungsimport für ein kölner museum zu seiner eigenen (ja, nicht einmal kopie, sondern vielleicht sogar) abschrift.

hab  am  09.06.10
#12

Ja. Allerdings muss man dann einen Schritt weitergehen (der Abschrift, zum Beispiel, zu einem neuen Recht verhelfen), da wir sonst im Dekonstruktivismus landen, wonach es keine zwei identischen Bücher gibt, da es keine zwei identischen Leser gibt (nicht einmal dann, wenn derselbe Leser dasselbe Buch ein zweites Mal liest, da der Leser schon nicht mehr derselbe ist). Oder: Entfernt man den Torso aus seinem ursprünglichen Umfeld, ist er bereits nicht mehr derselbe. Selbst wenn man ihn an Ort und Stelle beliesse, fände diese Entfernung durch blosses Einwirken der Zeit statt.
Triebe man es aber dermassen auf die Spitze, man käme am Ende vielleicht wie Bartleby ins Gefängnis und stürbe. Jede Interpretation hat seine Grenzen.

Markus  am  09.06.10
#13

aber vielleicht hast du mit deinem letzten kommentar der bartlebyforschung (wenn so noch nicht beackert) neuen wind eingehaucht. vielleicht ist genau diese erkenntnis das triggermotiv für dessen universalverweigerung ...

hab  am  09.06.10
#14

People in the world take the loan from different creditors, just because it’s simple and comfortable.

SONIA25Duncan  am  10.06.10
#15

[die gefühlte wahrheit des spameintrags in #14 hat mich doch jetzt einiges beschäftigt, sodass ich ihn erst einmal - leicht entschärft - stehen lasse ...]

hab  am  10.06.10
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