Montag, 01. Januar 2007

Ein Gleiches

Nach einem harten Arbeitstag in den Weihnachtswochen kam zu einem Buchhändler, den wir der Kürze halber B. nennen eine Kundin, die wir der Kürze halber K. nennen mit einem Kind in seinen kleinen Laden in der Vorstadt und es ereignete sich folgende Geschichte.
Sehr erzürnt und etwas umständlich nestelte K. unter mürrischen Beilauten des Kindes ein Bilderbuch aus einem Leinensack und präsentierte B. einen Kassenbon, der den Kauf dieses Buches in eben diesem Laden vor ein paar Tagen quittierte.
Man wollte es umtauschen in ein anderes dieser Reihe, oder eben dasselbe, wenn es dieses denn ohne Schreibfehler gäbe. Zum Beweis ihres argen Vorwurfs öffnete sie eine mit einem Zeitungsausschnitt markierte Seite und wies auf den bildbegleitenden Text, der tatsächlich das Wort Ganse enthielt, obwohl es Gänse heissen müsste, schliesslich beschreibe es ein Rudel Gänse auf der gegenüberliegenden Seite und das, wie K. nun beschwor, in einem Verlag, der sich bekanntermassen auf besonders didaktische Bücher verstieg, und sie als Lehrerin, wie sie nun betonte, doch Recht- und Genauschreibung vermitteln müsse, kreidete diesen Fehler an und erweiterte ihre Forderung, doch gleich das investierte Geld wieder ausgezahlt zu bekommen.

Der Buchhändler B. war nach diesem harten Arbeitstag nicht sehr glücklich über die Einlassungen seiner Kundin und konnte sich aber, trotz zunehmender Ungeduld des Kindes zu einem Scherz durchringen, nahm einen Faserstift und ergänzte flugs die fehlenden Punkte über dem Vokal mit der Bemerkung in etwas onkelhaftem Ton, nun könnte das Buch, fänden sich nicht etwa weitere Fehler darin, unbesorgt zur Lektüre weitergereicht werden.
Dies brachte die Kundin derart in Rage, dass sie B. mit einem längeren Sermon über die Verantwortung von Verlagen und ihren Helfershelfern insbesondere für die Sprache vereinnahmte, und den armen Buchhändler, nachdem er ihr bald eine Gutschrift, bald einen Umtausch samt Korrespondenz mit dem Verlag, endlich die Herausgabe des von ihr gezahlten Geldes sowie einer sehr unterwürfigen Entschuldigung abnötigte, worauf diese den Laden mit dem inzwischen blau angelaufenen Kind und grusslos verliess.

Anmerkung: Das Ereignis mutet uns wie ein Gleichnis an und es schlössen sich fast erzwungenermassen ein paar wichtige Fragen und Diskussionen zu den verschiedenen Fehlleistungen der Kundin K., aber auch des Buchhändlers und anderer Beteiligter an.
Man könnte schnell über die Fallhöhe von Fehlern und ihre Behebbarkeiten ins Verhandeln kommen. Über pragmatische versus grundsätzliche Problembehandlungsansätze auf einem äusserst schwierigen Terrain sinnieren.
Man könnte diese Geschichte als eine Allegorie auf den Umgang mit dem Fehlenden Anderen begreifen, und solchen, die ohne dies nicht leben könnten oder wollten.
Aber wir ziehen es vor, für heute unseren kleinen Laden zu schliessen, denn den Gänsen, die davon gänzlich unbeirrt in diesem Buch weiter schnattern, wie sie es auch mit dem Mangel ihrer Bezeichnung getan hatten, ist es ein Gleiches.

text #4391 (hab) ∈ kleine prosa
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kommentare

hinweis: bitte erst denken, dann schreiben! kleine tippfehler werden von uns stillschweigend korrigiert. unflat wird kommentarlos gelöscht.

#1

noch mehr verunglimpfungen: da lang ...

hab  am  02.01.07
#2

das ergänzen der punkte gefällt mir. handeln statt jammern.

ps. bei meinen deutschkentnissen bin ich froh um jeden fehler, den ein anderer macht.

mar  am  03.01.07
#3

bei george steiner las ich mal von einem leser (vielleicht war’s auch er selber), der sämtliche druckfehler, die er in einem buch fand, säuberlich festhielt und dem verleger zukommen liess, damit diese in einer späteren auflage korrigiert würden.
das ist die alternative haltung: die liebe zum buch.

mah  am  03.01.07
#4

noch eine haltung: es als glück zu empfinden.
von meiner lektorin weiss ich, dass man in china tunlichst darauf achtet, mindestens einen (1) fehler im text unterzubringen. null fehler zu machen, ist dem göttlichen vorbehalten, und das will nicht herausgefordert werden ...

hab  am  03.01.07
#5

korrigendum: japan. nicht china.

hab  am  04.01.07
#6

Herr mah, das erinnert mich an den alten, marxistischen Korrektor (auch Georges Steiner) aus der schönen Parabel “Unter Druck”.

Tanja  am  05.01.07
#7

das ist der text, den ich meinte! danke, frau tanja!

mah  am  05.01.07
#8

frau tanja, machen sie sich etwa lustig über mich?! habe ihren blog begutachtet. gar nicht mal so übel..!

rr  am  06.01.07
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