Eine Frage der Teilzeit
Teile ich mir die Zeit ein: teile ich gedanklich meinen Nachbarn in zwei Hälften. Verwuschle ich sein Haar und in seine Uhrenkette mache ich Knoten. Der Uhr verpasse ich einen Kokon aus Resten von Gel. Die Flügel am Hinterkopf laufen ihm stromlinienförmig zusammen. Am unteren Ende befestige ich einen Manschettenknopf. Da sucht er nach seinem Fahrschein.
Teile ich mir die Zeit ein: klingelt mein Telefon volkstümlich. Bin ich ganz Dienstleister in der Dienergesellschaft. Meide ich Menschen ohne Sozialleben. Gemietete Leben. Auf Saubohnenplantagen.
Teile ich mir die Zeit ein: versuche ich mich an Wegen der Darstellung und Herstellung persönlicher Ordnung. Es ist eine Ordnung vergeblicher Zeichen. Aber immerhin wirksam der Schein meiner Dinge durch diese. Berücksichtigungen. Beschwichtigungen. Kontinuitäten.
Teile ich mir die Zeit ein: gewährleiste ich Existenz durch Klassifikation ins Vorhandene. Entdecke ich in Köln-Ehrenfeld nicht ein Kaufland sondern den Potsdam-Simulator.
Teile ich mir die Zeit ein: erbreche ich mein Vomitiv in Geschichten. Das Elend der Welt im jungen Pennerpärchen zum Beispiel. Er, schlafend, komatös in einem fremden Traum. Sie, streicht ihm den Speichel vom Kinn, liebevoll. Oder eine andere: Vom Tramnebenan, der in seinem Handy Anruflisten bedient. (Ein schräger Blick, meinerseits). Ein Blättern von „Schatz1“ zu „Schatz2“.
Teile ich mir die Zeit ein: teile ich mich, ich mich mit, mit mir selbst, und die Welt.
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kommentare
hinweis: bitte erst denken, dann schreiben! kleine tippfehler werden von uns stillschweigend korrigiert. kommentarlose löschungen behalten wir uns vor.durch gerade diese - ihrer - art des schreibens, bin ich aufmerksam geworden. ein für mich wundervoller text! wenn sie erlauben: der wahre hab!
wenn sie erlauben: (mind.) 2 wahre habs in meiner brust. sie kreiden mir doch hoffentlich nicht meine experimentalreihen an? dabei schreibe ich doch im grunde immer nur an einem (1) text. der allerdings schimmert durch die unterschiedlichsten folien ...
nun also, “der wahre hab” war sozusagen mehr eine symbolische aussage und auch nur von meinem standpunkt aus gesehen. ich erkenne sie vor allem in den von ihnen sogenannten “experimentalreihen” und gerade diese machen - zumindest mir - unwahrscheinlich viel freude. wenn sie erlauben: hier steigen sie über den “einen” text hinaus!
sie bringen mich da noch auf einen ganz anderen gedanken. ziemlich genau in seiner mitte (zumindest: nach einer teilzeit des textes) wird der text übermütig. will “über sich hinaus” und beginnt, über sich selbst nachzudenken. ein poetologischer, ein kategorialer aspekt, der auch meine anderen texte oder reihen durchdringt. wenn ich es also auch nicht schaffe, längere poetologische texte zu fabrizieren, so schiebe ich (wer ist da nun “ich”?) diese ebene immer auch anderen fabrikaten unter. in a nutshell kann man also vielleicht diesen text als modell hernehmen ...


