Respektive
Soeben eingetroffen: Respektive ~ Zeitbuch für Gegenblicke
Ausgabe 01/2010: Absenz. Arbeit in Bild, Begriff und Kritik.
Einladung (zum Diskurs) (notula nova 76)
Circulus vitiosus. Sie sollen wissen, was ein Teufelskreis ist. Die Nachbarn kommen ungewaschen und verlottert, weil sie annehmen, grössere Reinheit ist erst wieder nach einem Besuch zu errichten. Man selbst reinigt dagegen die Räume etc. erst dann wieder, wenn ein Besuch gegangen ist. Man hat nicht so viel Zeit. Undsoweiter.
Wie oder wieso aber soll ein Kunstwerk / Text „präzise“, also „genau“ sein? Es handelt sich doch immer nur um scheinbar wahrgenommene Präzision der Wahrnehmenden von Zeichen. Und auch jene kann nur rein imaginär sein. #floskeln
Und: der 6jährige Kindersoldat im Tarn-T-Shirt auf der Rutsche im Familienabteil. Schnellschussgeräusche. Zahnlücken. Müsliriegel.
Zum Nachtisch:
Gegenwartserfahrung
Goetz
besoffene Zwetschgen
Hausgeburten
Ambulante
Postnatales Debriefing
Und: Eine Urlaubseinladung unseres Briefträgers. Riederalm. (Der Päcklipöstler wird intim.)
Verkotung: Man muss auch hergeben können. Sehr nervlich, das alles ... (Einer kann nicht laut das Wort aussprechen. Ich mache mir Sorgen.)
Lichtenstein, Swantje: Gespräch zwischen einer Tür und dem Raum
Die umgebenden Wände weiß kacheln sie den Ton
unter den windfrohen Winkeln, auf Zuruf im Austausch
den Durchzug am Dielenbrett entlang geschlichen,
fußgleich krallen sie sich in den kalten Boden,
korrespondieren mit den Tapeten und der Lampe
im Raum über die Bahn, über die Fenster weit hinaus.
An der Anlegestelle sitzen die indifferenten Konsonanten,
den Zahllaut unter Verschluss, sacken sie die Stimme ein,
unverbraucht überdauern sie das Schweigen, den Kehllaut.
(c) Swantje Lichtenstein. Aus: “Landen” (2009). Swantje Lichtenstein wurde 1970 in Tübingen geboren, studierte Germanistik, Philosophie und Soziologie und wurde an der Universität zu Köln mit einer Arbeit über neuere Lyrik promoviert. Sie arbeitete als Lektorin, Radio-Produzentin und seit 2007 als Professorin für Literatur an der FH Düsseldorf. Sie erhielt Preise, Auszeichnungen und Stipendien: 2007 von der Kunststiftung Baden-Württemberg, zuletzt ein Aufenthaltsstipendium des Bertolt-Brecht-Hauses, Svendborg / Dänemark. Bisher erschien, neben Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien wie »lauter niemand«, »poet[mag]«, »47 und 11«, »Versnetze«, »Lyrik von Jetzt« der Gedichtband »figurenflecken oder: blinde verschickung« (2006).
Links / Mehr:
http://de.wikipedia.org/wiki/Swantje_Lichtenstein
http://www.poetenladen.de/swantje-lichtenstein.html
IVa Ichschrift und Differenz
Welche Funktion hat für Dich das OCR-Verfahren, dem Du die Texte unterziehst? Gibt es Assoziationen zwischen dieser letzten Stufe oder vierten Dimension, wie Du es in Kapitel II nennst, und der Handschriftlichkeit, die über eine „Misslektüre“ hinausgehen? Beziehungsweise was bezweckst Du mit der Provokation und Darstellung von Misslektüre? (sja)
Ein anderer, ein historisch fast schon gegenläufiger Ansatz drängt sich in diesem Spiel (mit) der Schrift, tollkühnen Titulierungen und Rekapitulationen beinahe zwangsläufig auf und kann Schriftverlust (mit Schrift sei hier und im übrigen bzw. wenn nicht anders angezeigt, immer Handschriftlichkeit gemeint) weiter prononcieren und, je nach Perspektive / Position begut- oder schlechtachten.
Der oben auch als „Misslektüre“ bezeichnete Einsatz maschineller Intelligibilität kann und soll hier auch positiv formuliert und begründet werden.
Vielleicht ist man also besser mit Begriffen aus dem Spektrum der Para- oder Konlektüre bedient, da diese bei der Begutachtung der Zeichen, ihrer oftmaligen Stummheit oder auch Nichtlesbarkeit (hinten dargestellt bspw. mit „[...]“) ein Spiel mit Differenzen (8), sowohl beim Aufeinandertreffen von Text und Paratext, als auch im Transkriptionspart auslöst, und das – nun auch – sinnliche Aufklaffen und Auseinanderfächern löchriger Bedeutungsstellen begünstigt und ausstellt.
Anders formuliert: Das OCR-Verfahren bietet weiterhin die Möglichkeit intelligibel überführten Text wieder mit Spuren, Annotationen oder Konnotationen etc. anzureichern, die im Prozess temporierter Lektüre verlorengegangen sind.
Der so einerseits wieder rückgebundene (retemporisierte) Schrifttext, andererseits räumlich und qualitativ erweiterte Ursprungstext (jeder Ichschrifteinheit) ist also aus dekonstruktivistischer Sicht nichts weniger als ein Versuch, auch ästhetischen Sinnverlust zu begründen und zu kompensieren. Und dies: auch jenseits eines angenommenen (Text-)Subjekts oder Ichs.
Auch aus logozentrismuskritischer Perspektive wäre also eine immer umfangreichere Aufhebung von Handschriftlichkeit im Rahmen fortschreitender Medienumbrüche zu beklagen.
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(8) Im Falle der Berücksichtigung von Schriftästhetik muss daher von einer dreifachen Differenz (räumlich, zeitlich, ästhet.) ausgegangen werden, und dass sich die Bedeutungsbeziehung von Zeichen und Sache, im Zeichenfalle verdoppelt, weil sich zwischen Text (Schrift) und Objekt (Bedeutetes), so meine Erfahrung, automatisch das somit zwittrige Textobjekt „Typotext“ schiebt.
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