passagen (m)
zur bibliotheca caelestis
Öffnen, rekonstruieren
(M50)
Wie Gessner seine bibliotheca universalis intendiert Fries sein Werk (d.i. Bibliotheca philosophorum, h.a.) als offene Form: Im weiteren Verlauf der Vorrede verspricht er, er wolle zugeben, wenn er sich über chronologische Zuschreibungen unsicher sei, um Sachkundige dadurch zu veranlassen, ihn auf Verbesserungen hinzuweisen; diese wolle er dann mit namentlicher Nennung der res publica litteraria bekannt machen. Bemerkenswert ist hieran zweierlei: Erstens bezieht sich die Offenheit der Form anders als bei Gessner, entsprechend der veränderten Intention des Werkes, nicht auch auf die vorauszusehende weitere Textproduktion der Zukunft, sondern ausschließlich auf die Rekonstruktion der Vergangenheit. Fries’ Projekt ist mithin von Fischarts Kritik an Gessner nicht betroffen: Die Vergangenheit ist theoretisch vollständig rekonstruierbar, wenn man wie Fries einen zeitlichen Grenzpunkt markiert. Zweitens benennt Fries an dieser Stelle explizit den Adressatenkreis seines Werkes: Es ist die internationale Gelehrtenwelt, und zwar insbesondere die nachfolgenden Generationen.
Aus: Werle, Dirk. - Copia librorum : Problemgeschichte imaginierter Bibliotheken 1580 - 1630 / Dirk Werle. - Tübingen : Max Niemeyer Verlag, 2007. S.205
Räume, Harmonien, Konfusionen
(M49)
Ich versuchte es, entwarf den Grundriß nach den Angaben meines Meisters und stieß einen Freudenschrei aus. »Jetzt wissen wir alles! Laßt mich einmal zählen . . . Ja, die Bibliothek hat sechsundfünfzig Räume, vier siebeneckige und zweiundfünfzig mehr oder minder quadratische, von denen acht fensterlos sind, während achtundzwanzig nach außen gehen und sechzehn nach innen!«
»Und die vier Ecktürme haben jeder fünf Räume mit vier Wänden und einen mit sieben . . . Die ganze Anlage folgt einer himmlischen Harmonie, der sich vielerlei tiefe und wundersame Bedeutungen zuordnen lassen . . .«
»Großartig, wie Ihr das herausgefunden habt«, sagte ich bewundernd. »Aber warum ist es dann so schwer, sich darin zu orientieren?«
»Weil die Anordnung der Durchgänge keinerlei mathematischem Gesetz entspricht. Manche Räume gestatten den Durchgang zu mehreren anderen, manche nur zu einem, und vielleicht gibt es sogar welche, die gänzlich verschlossen sind. Wenn du das bedenkst, das und den Mangel an Licht und die Unmöglichkeit, sich am Sonnenstand zu orientieren (und dazu die Spiegel und die Visionen), dann begreifst du leicht, warum das Labyrinth imstande ist, jeden Eindringling zu verwirren, der es mit Schuldgefühlen betritt. Selbst wir waren gestern nacht ja ziemlich verzweifelt, als wir den Ausgang nicht fanden. Ein Höchstmaß an Konfusion durch ein Höchstmaß an Ordnung: wahrlich ein raffiniertes Kalkül. Die Erbauer der Bibliothek waren große Meister!«
Aus: Umberto Eco, Der Name der Rose. München, 1982. S. 136
Aber die Herren Dichter
(M48)
„’Die Bibliothek wir=ä - relativ wenig benützt.- Von den Wissenschaftlern ja. Aber die Herren Dichter . . . . . wir haben zur Zeit eigentlich nur 4 feste Benützer : 2 davon lassen sich ab und zu mittelalterliche Drucke herauslegen – mit Zauberzeichen und solchen Sachen – und starren dann eine halbe Stunde lang wie hypnotisiert darauf : zur Stärkung der Bildkraft vielleicht; ich weiß es nicht. / Der Dritte versucht=ä kleinformatige Elzevire zu stehlen. / Aber der Vierte – nein, also das muß man sagen ! – der arbeitet wirklich sehr niedlich _ Das macht Spaß, dem einen
von 1793 rauszulegen; oder ihn zu beraten : hat eine schöne Lektur, der Herr!’“
Aus: Arno Schmid, Die Gelehrtenrepublik. Frankfurt, 1957. S.119f.
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Der Nebel
(M47)
Der Nebel hatte den Raum überflutet: nicht der wirkliche Nebel, der sich schon längst aufgelöst hatte – der andere, von dem die Straßen noch erfüllt waren, der aus den Mauern, aus dem Pflaster kroch. Eine Art unbestädnigkeit der Dinge. Die Bücher waren immer noch da, natürlich, alphabetisch in den Regalen geordnet, mit ihren schwarzen oder braunen Rücken und ihren Etiketten ÖB fl. 7996 (Öffentliche Benutzung - Französische Literatur) oder ÖB nw (Öffentliche Benutzung - Naturwissenschaften). Aber ... wie soll ich sagen? Gewöhnlich bilden sie, mächtig und gedrungen, zusammen mit dem Ofen, den grünen Lampen, den großen Fenstern, den Leitern, einen Damm gegen die Zukunft. Solange man in diesen Mauern weilt, muß alles, was ankommt, rechts oder links vom Ofen ankommen (...) So dienen diese Gegenstände wenigstens dazu, die Grenzen des Wahrscheinlichen festzulegen. Heute allerdings legten sie überhaupt nichts mehr fest: es schien, als wäre ihre Existenz selber in Frage gestellt, als hätten sie die größte Mühe, von einem Augenblick zum nächsten zu gelangen.
Aus: Jean-Paul Sartre, Der Ekel. Reinbeck, 1938. S.90f.
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