ma gli alberi
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Brüssel im Regen
(Sommer 2001)
Noch immer trinke ich meinen Morgenkaffee
aus der Tasse, die sie mir in Brüssel schenkte
Le pain quotidien – mit gesprungenem Rand
Sie war niedergeschlagen &
mein Besuch freute sie
Sans amis la vie e triste
stand auf der Fußmatte
ihrer abgeblühten Wohnung in der Rue St. Jacques
mit Klo auf dem Zwischengeschoß &
der Dusche neben dem Geschirrspüler
Ich gab ihr, was sie am nötigsten hatte
Halt am Ende des goldenen Seils
das Ankertau zur Domstadt
wo die Doppeltürme ins Blau ragten
Siehst du, sagte sie
hier regnete es in einem fort
Es stimmte: ihr schwarzes Haar
schimmerte bläulich vor Nässe
Ich liebte sie &
wäre gerne gewesen wie der Regen:
Ganz nah ihrem Haar &
ihr nicht gleichgültig
Mein Universum
Ein wenig Latein
Drei Semester lang
Sechs Stunden die Woche
(ohne die Zeit für Vor- und Nacharbeit)
Davor gelernt
Wie man Zahlen so wendet
daß der Saldo stimmt
Kennzahlen und Kontokorrent
auch eine der septem artes liberales
Von Büchern den Staub gewischt
Und von Metallteilen den Ölfilm
Ein wenig Betten geschoben
in irgendeinem Sterbehaus
in Hamburgs Norden
Transit ohne die Bedenken
die man heute damit verbindet
Aber was für ein Aufbruch
der ganze Überschwang der Jugend
in einem Kartenhaus voller Bücher
Theater vom Feinsten
Glanz der frühen Jahre
Später dann: eher Langeweile
ein Mißbehagen
verursacht durch
zuviel Rückblick
Ich neige heute dazu
Vieles dem Zufall zuzuschreiben
Eine Formel
die wenig erklärt
Im Alter hören die Fragen auf
sagt mir eine, die’s wissen muß
Ein Andrer, daß
nicht alles Gold war, was glänzte
Gott sagt mir Nichts
ER schweigt
Das stört mich aber nicht
Im Gegenteil
so bleibt es spannend
Woher dann aber
- manches Mal -
der Überdruß
vor oder nach der Rasur
Mit oder ohne Bart
ändert nicht die Haltung
Vor dem Spiegel ist
hinter dem Spiegel
All its the same, Alice
Komisch nur, daß
in all dem keine Lehre steckt
Weder davor noch dahinter
Mein Geheimnis
bleibt mir unergründlich
Was ich weiß
passt in einen Fingerhut
Meine Nußschale
mit dem grünen Segel
Was ich weiß
ist in nuce
Ist mein Universum
Neapel im Frühling
Die Stadt liegt träg am Ankerplatz von Träumen.
Ein Lächeln steht den Kindern im Gesicht.
Der Wind geht um und löscht das Licht,
das hängenblieb in Winterbäumen.
Aus hundert Kirchen summt die Trauer,
Vervielfacht sich, steigt auf und fällt
auf morsche Dächer, wo das Geld
im Kasten schimmelt, wie auf Lauer.
Ein Staunen geht von Tür zu Tür,
kreuzt Katzen, die die Nacht durchschleichen
und sieht wie die Gespenster weichen
durch Ritzen in den Mauerfalten.
Verfall hält tanzend Hochzeit hier
In dieser Stadt, der heiligen, uralten.
Darin wir sterben müssen
Es ist ein Haus – darin die Räume
leer und kalt. Ein Schaukelpferd
steht still, entbehrt der Kinder,
die nun schwer und alt. So wie der Herd
in der einst belebten Küche. Nur die Träume
rücken Möbel und vom oftbespielten Flügel geht ein linder
weicher Ton in den wildverwachs‘nen Garten. Blinder
Laut dringt in die fremde Wirklichkeit – die Straße
gilbt und denkt an ein vergangenes Jahrhundert.
Schenkt, Götter ihr, daß nichts mehr wundert
sich in meinem Herzen. Nur auf der Zunge sei noch Haße.
Wie denn sollte, Liebste, ich dich blutvoll küssen
in diesem Hause hier, darin wir sterben müssen?

