am nullpunkt des texts
"am nullpunkt des texts" ist handschriftenprojekt, essay und selbststudium. es umfasst die kategorien
* die ichschrift (manuskripte)
* ichschrift und selbstverständnis (essay)
* transkriptionen (kleine formen)
(vgl. navigation links)
Berliner Gazette: Am Nullpunkt des Texts: Handschriftlichkeit, Schreiben, Digitalität. (Teil 2)
Berliner Gazette: Am Nullpunkt des Texts: Handschriftlichkeit, Schreiben, Digitalität. (Teil 1)
Teil 1: hier ...
XII Eine Art Fazit
Könntest Du - vielleicht in einer Art Abstract - noch einmal die wesentlichen Aspekte dieser Arbeit zusammenfassen, vielleicht auch etwas skizzieren, was sich möglicherweise daraus entwickeln liesse bzw. welche Konsequenzen daraus zu ziehen wären. (bhfr)
Mit dieser Schrift und seinen Teilen sollte weniger etwas bewiesen, als gezeigt werden. Die Handschrift als Thema, als persönliches Thema, das aber in teilweise sehr unpersönlicher Art und Sprache bearbeitet wurde, führte zu einem heterogenen und auch zwittrigen Anschwellen von Text.
Ich versuchte Fragen nachzugehen, die man niederschwellig vielleicht so (re)formulieren könnte: Geht etwas verloren, wenn nicht mehr – oder tendenziell: viel weniger – mit der Hand geschrieben wird? Was kann und wird sich verändern unter solchen Voraussetzungen?
Die Antwort zur ersten Frage – geahnt wurde das von mir schon zu Beginn, allein die Art der Antwort, die ich (für mich) geben werde, hat mein Interesse geleitet – würde sicher lauten: Ja. Auch wenn der Verlust nur schwer zu objektivieren ist. Weiter interessiert haben mich allerdings Überlegungen zu diesem „etwas“, dessen Beschreibung, wie ich feststelle, sich sehr im Nuancenhaften bewegt.
Neue, andere Aufschreibesysteme schaffen Prädispositionen von Textualität. (Man denke hier vielleicht an unterschiedliche Tastensysteme, Apparate, oder auch schnell emergierende, massenmediale Kommunikationstechniken und -kanäle, die das Schreiben generell verändern, die quantitative und qualitative Auswirkungen auf die Texterstellung zeitigen und die schon jetzt omnipräsent in den verschiedenen Arbeitswelten anzutreffen sind.)
Solche technischen Dispositive verdrängen also meine/unsere Wahrnehmungsweise, auch der Skulpturalität von Handschriftentext. Spezifische Bildlichkeit und die Möglichkeiten von deren Verflechtung. (Andere, multimediale Formen dagegen, entstehen und werden weiterentwickelt werden.)
Und was das Lesen, Interpretieren und dessen (auch produktives) Scheitern angeht: die (Miss)Lektüre von Handschrift, auch als récriture unter speziellen Bedingungen ästhetischer Differenz zu verstehen, wird allmählich und in dieser Form aus dem Denkkatalog hermeneutischer Textbegegnung ausgeblendet werden. Ein Spiel von und mit Text, nämlich mit den Möglichkeiten von Nichtlesbarkeit, die anderes, alternatives Lesen induziert, könnte bzw. wird verkümmern.
Oder, im Falle beabsichtigter Unlesbarkeit – auch das kann ein Begehren (oder: eine Strategie) von Text und Autorschaft sein: können solche Effekte nur noch auf der Ebene normierter Signifikation gedeihen.
Auch wenn Walter Benjamin den Begriff der Aura auf das Kunstsystem abgestellt hatte: Diesen hier wieder einzuführen und ihn auf veränderte, technische Rahmenbedingungen (nämlich: der zusätzlichen Abbildungsmöglichkeit einer Schriftbewegung als Gedankenbewegung), kann die Bedeutung von Handschriftlichkeit aufwerten. Doch selbst diese Möglichkeit wird nur eine theoretische Möglichkeit sein und von aktuellen Entwicklungen in den Schatten gestellt.
Schliesslich wollte ich im Anschluss an diese Überlegung zeigen, dass – man denke hier an die im skizzierten Verfahren angelegten Möglichkeiten der Sichtbarmachung einer Doppelschrift, einer doppelten Signatur oder Urspur – solch ein Ansatz auch unweigerlich Konsequenzen für einen (dahingestellt sei, ob nun idealistisch oder strukturalistisch formulierten) Subjektbegriff hat. Eine Untersuchung, wie dieser allerdings zu reformulieren wäre, würde den Rahmen der Arbeit sprengen.
Last, but not least, müsste man sich auch – ob nun mit oder ohne Einbeziehung dieser Doppelschriftidee – ganz generell Gedanken machen, was es für den theoretischen und also abstrakten Begriff von Autorschaft und dem breiten Spektrum seiner Semantik bedeutete, wenn immer mehr Text nicht mehr „abgeschrieben“, sondern vor allem und z.B. durch Copy-Paste-Verfahren verbreitet wird. Man müsste sich also auch unweigerlich mit Art und Menge von Adressierungsmöglichkeiten bzw. –funktionen von Text unter expliziter Nichtberücksichtigung von Handschriftlichkeit beschäftigen. Ein kleiner Impuls hierzu, soll auch von dieser Arbeit ausgehen.
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XI Formen der Repräsentation
Wie sähe eine angemessene Darstellung dieses Projekts und seiner Texte aus? (bhfr)
Bis zu und mit der Erstellung der einzelnen Ichschriften kam es zwar vereinzelt zu Überlegungen, wie denn das Textgesamt (die Manuskripte, OCR, Transkripte, Bibliographie und nun: dieser Text darüber) günstigerweise darzustellen wäre. Die Schriftelemente waren ja grossenteils, auch um ein gewisses Feedback einzuholen und dieses wieder mit in den Text zu nehmen, im Weblog (18) veröffentlicht. Der Gedanke lag also nahe, wo alles doch schon elektronisch vorlag, letztendlich eine elektronische Form der Gesamtdarstellung zu wählen. Man hätte die Ursprungsimages in Vollauflösung verwenden können und diese zusammen mit den Transkriptionen in einer Matrix bspw. durch ein Wikisystem (idealerweise einem Tiddlywiki (19), das auch kurz für diese Zwecke getestet wurde) präsentieren und die Einheiten multipel vernetzen können.
Selbstverständlich kann auf diese Texte, obwohl in gewisser Linearität urerschienen, in nichtlinearer Weise zugegriffen werden, ohne dass sich diesbezüglich grosser Bedeutungsverlust (kein Narrationsstrang, geringere Intertextualität, heterogenes „Personal“ abzüglich des ICHs) einstellen würde.
Ich hätte also Möglichkeiten gefunden, all das mit einer gewissen Übersichtlichkeit und doch grosser Vernetztheit (elektronisch / digital) abzubilden, und doch hätte ich damit ein paar Aspekte ausgeklammert, die ebenso grundlegend für diesen Ansatz sind. Idee kann nämlich auch sein, wenn denn die Handschriften auch als Bilder im Sinne von Kunstwerken (synchroner und diachroner Zeichenhaftigkeit) zu betrachten sind, diese mit einer Art Katalogaufmachung zu verbinden. Oder gar in einer Variante oder Mischform mit dieser: das Gesamt wäre auch in einer Art Notizblock- oder Skizzenheftästhetik verkörperbar, die letztlich auch Form und Ursprung der Arbeit medial wiedergeben würde. Damit bekäme auch dieser vorauszuschickende Text einen standes- und gattungsgemässen Raum, was das Ganze aber wiederum und in doppeltem Sinne in die Nähe klassischer Publikation(sstrukturen) rückte. Im Moment habe ich mich für letztere Variante entschieden, die sich freilich auch auflagenmässig an Künstlerbüchern orientiert. Eine weitere, spätere Präsentation in einem anderen Medium ist allerdings bewusst nicht auszuschliessen, sondern diese ist geradezu als kontrastive Ergänzung (analog zu den zwei Urschrifttypen, s.o.) gleichberechtigt hinzuzunehmen.
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(18) http://www.abendschein.ch/site/weblog/C37/
(19) Umfängliche Erfahrungen damit wurden bei einem anderen Projekt gesammelt: H.A., Bibliotheca Caelestis, Tiddlywikiroman. edition taberna kritika, 2008, (Elektronische Ressource) ISBN 978-3-905846-02-7, mehr: http://bc.etkbooks.com/
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