gestell und ungestalt
die ersten Mordgelüste aus Mitleid. (GuU12)
Am Lepétimnos stauen sich dunkle Wolken. Ein Nescafé, viele Zigaretten, kaum Sätze. Früher Spaziergang durch die Stadt, unten, noch in der Sonne. - Scharfe, unwirkliche Kontraste. Doch Molyvos ist anstrengend heimisch geworden: Dieses Heimische kann von den Augen kaum überwunden werden. Das Wiedererkennen ereignet sich an jeder Ecke. - Ich empfinde zum ersten Mal Überdruß beim Anblick zweier Mädchen auf der Ufermauer; überhaupt geht mir Feininger auf die Nerven. Er ist berechenbar geworden. Als fülle er bald einen mir bekannten Raum nur noch aus, als kenne ich bereits seine Formel.
“Aber nein”, antwortet er mir, “Mädchen sind unergründlich - wir wissen nie, was wir von ihnen wollen.”
Der blinde Sohn zerrt eine junge schwarze Ziege am Seil über die Wiese. Mit den Augen des einbeinigen Alten, der ihm Anweisungen gibt, bindet er sie an einem Holzpflock fest. Zufrieden gehen sie Arm in Arm (der Blinde ist bemüht, seinen Vater zu stützen), Schritt für Schritt zurück zum Haus. - Die junge schwarze Ziege versucht sich anfangs loszureissen ... - ich lese auf der Terrasse (ein Brief von Anne, später Starobinski), während sie zu jammern beginnt, herzzerreißend schreit nach ihrer Mutter. - Ein bemerkenswerter Plan der beiden, ungeliebte Nachbarn in den Wahnsinn zu treiben: nach einer halben Stunde die ersten Mordgelüste aus Mitleid.
Aus “Gestell und Ungestalt. Fassung erster Hand” von Rainer Hoffmann. Gestell und Ungestalt ist soeben bei etkbooks erschienen.
dort immer nur gewesen. (GuU11)
Sehr früh aufgestanden. Mit Kopfschmerzen im Ziegengebimmel. Eine Tasse Tee am Küchentisch. Plötzlich fährt eine Hand durch Solanges Einschlupfloch und drückt von unten innen die Klinke. Die Tür geht auf. Susana steht vor mir mit einem Teller “griechischer Krapfen”. Sie erschrickt ("er ist schon wach!"), entschuldigt sich, erzählt, sie sei erkältet, und schimpft wie üblich, wie immer, über das Wetter.
Zu vertraut bist du, störende, kaum zu ertragende Figur. Ich drohe dir: Bald vernehme ich nur mehr deine Stimme, registriere nur mehr deine Anwesenheit ...
Spaziergang zu den Klippen hinter dem Hafen. Eine Mulde oben auf dem Plateau. Eine bewachsene Bühne mit Blick hinunter aufs Meer. Eine versenkte Ruine, eine junge Blumenwiese.
Erst das Verlangen, mich wie ein Fohlen auf ihr zu wälzen, mich in ihr zu panieren im gelben Blütenstaub. Im gleichen Moment, beinahe, ein stärkeres, zu bleiben. Hier, in der Ruine, zwischen den Trümmern ihres Fundaments, überwuchert von hohen Gräsern; jetzt, inmitten des Frühlings, die verschwindende Zeit.
Es ist mein Blick, der sie dehnt, die Landschaft endet. Hinter einer Reihe Pinien, an einem kleinen Kap - der erstarrten Zunge hinaus ins Meer.
Wie es sagen, jetzt, noch im Gesumme der Bienen? Andere Augen sogen hungrig das Bild in mich ein, ein Fremdes sprang in mir auf, erkannte es wieder und schwieg, und flüsterte doch: Du bist immer nur dort, dort immer nur gewesen.
Aus “Gestell und Ungestalt. Fassung erster Hand” von Rainer Hoffmann. Gestell und Ungestalt ist soeben bei etkbooks erschienen.
die Nacht und ihr Vertrauter. (GuU10)
Kühl, bedeckt, strahlend blaue, unwirkliche Risse. Solange schlüpft durch das enge Holzgitter neben der Tür ...
Noch nahe einem unbekannten Traum, morgendlich traurig. Nicht die müden Augen – Augen in der Nacht gewachsen, voller Erinnerung dorthin. Nervöses, frühes Schreiben. Sprechender, mahnender Schlaf ("Wieder bist du aufgewacht ...")
Klägliche Ordnung eines Relationengewirrs, Gleichzeitigkeiten von links nach rechts. Gerüche, Klänge, Bilder in Buchstabenketten gereiht. Das dunkle Gehirngeheimnis auf weißem Papier. Das Unsagbare als Attrappe. Was bleibt, sind schwarze Gestelle.
Kaffee und Zigaretten auf der Terrasse. Zwei verzweifelte Versuche, der Nacht zu entkommen: einen Strauß Blumen gepflückt auf der Wiese zwischen den Schafen und Ziegen; und Walter Hölderlin vorgelesen (Hyperion an Bellarmin über die Deutschen).
Die Nacht und die andere Natur; die Nacht und ihr Vertrauter.
Aus “Gestell und Ungestalt. Fassung erster Hand” von Rainer Hoffmann. Gestell und Ungestalt ist soeben bei etkbooks erschienen.
Lieferbar: Gestell und Ungestalt
ab sofort lieferbar ist der Titel:
Rainer Hoffmann
Gestell und Ungestalt
Fassung erster Hand
September 2009, 84 S., 19 x 12 cm, Klebebindung
ISBN: 978-3-905846-07-2, €10 / 16 SFr
Stw: Experimentelle Prosa / Erinnerung / Lesbos
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“Nennen wir es augenblickliches, erstes Schreiben, erste Sprache der Erinnerung – ihre grünen Früchte ... Momentum: das Noch-Nicht-Geronnene – als suche, beginne das Schreiben, gerade jetzt eine Form zu finden, oder als dürfe, könne es selbst bleiben, verharren, einen Augenblick in der unendlichen Fülle, in der Brüchigkeit und Flüchtigkeit seines Stoffs: sich fremd in dessen Ungestalt. ... Die Zeit – kurz nach dem Ereignis, den Zwischenfällen, Begebenheiten, nahe ihrer Wahrnehmung, ihrer Beobachtung. Die Zeit – kurz vor der Ablagerung, Verschüttung oder gar ihrem Verschwinden. Die Zeit vielleicht noch vor der Skizze. ...Nicht der Stoff im Hinblick auf ein Thema, Motiv. Belanglose Folge. Ohne Absicht, ohne Zweck, ohne Linie – sein Eigensinniges und Eigentätiges: sein Zufälliges, Unbändiges, Diffuses. ... Nicht der Glaube an die Freiheit (oder gar Unschuld) dieses Augenblicks – der Wille zum Unmittelbaren erliegt zuerst dem Zwang. Das Unmittelbare – seltsames Begehren, merkwürdig fixe Idee – flieht unserem Bewußtsein immer schon voraus in die Unendlichkeit ... Der Glaube aber an die Neugier der Sprache – auf die Leichtigkeit der Ordnung, die dunkle Organisation des Erinnerns, die Ästhetik seiner Augenblicklichkeit. ... Ich berichte nicht. Ich analysiere nicht. Ich eigne mir nichts an. Ich liefere mich aus ... – einer unmöglichen Erzählung des Erinnerten. (Ihre Unmöglichkeit ließe sich definieren, über folgenden Ort: eines Schreibens ausschließlich von innen her.) ... Vor diesen wenigen Pfählen am Abgrund beginnen. Den wahnwitzigen, den paradoxen Versuch, inmitten eines jungen Erinnerns teilnehmend nachzubilden, wie dort verwandelt geschieht, was geschah. Und daher niemals so geschehen ist. Jede Erinnerung vergeht, bleibt einmalig, im Nu.” (Klappentext)
Rainer Hoffmann, Köln (*1963) Ilshofen, Baden-Württemberg. Studium der Afrikanistik, Philosophie und Ethnologie in Köln und Wien. Forschungsaufenthalt in Bamako und Sikasso, Mali. 2001-2003: Kurzgeschichten für Mädchen. Work in Progress: “Hackfleischkörper oder Feiningers Schwierigkeiten mit der Liebe”. Wohnt und arbeitet als freischaffender Künstler und Barkeeper in Köln.
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